.

Dienstag, 6. Dezember 2011

Der Absturz





Der Absturz

Heute morgen, man wird es mir kaum glauben, fiel ein Bild von der Wand.
Einfach so!
Da hängt es jahrelang an einem Nagel, niemand berührt es und doch - wumm, schrammt es plötzlich der Wand entlang in die Tiefe.
Aus heiterem Himmel – scheinbar grundlos!
Nicht einmal eine Mücke – im Winter gibt es ja keine – hat sich daraufgesetzt und trotzdem – wumm - und das Bild ist abgestürzt.
Alles war ruhig, kein Wind, keine Erschütterung. Nur das übliche Bild – eine stürmische See mit einem kleinen Boot das verzweifelt gegen die Winde kämpft – seit Jahren schon, nichts aussergewöhnliches.

Und dennoch, wie ein Stein, dem Gesetz der Schwerkraft folgend, scheppert das Bild zu Boden. Schnell und schnurgerade!
Dabei fällt es nicht einmal um.
Aufrecht, an die Wand gelehnt, steht es nun da. Vielleicht etwas schräg und benommen – und doch, es hält sich im Rahmen.
Als ob es, auch auf dem Tiefpunkt seines Seins, seiner Aufgabe immer noch gerecht werden möchte. Tun als ob nichts wäre, obschon es arg lädiert ist. Denn die Szenerie hinter dem zersplitterten Glas ist nur noch schwer auszumachen.

Und der Nagel?
Einsam oben in der Wand. Etwas gekrümmt vielleicht, doch kaum merklich.

Warum der Absturz gerade in diesem Augenblick?
Keine Baumaschine vor dem Haus, kein Erdbeben gemeldet und auch die See auf dem Bild scheint mir nicht unruhiger als sonst.
Also, warum hat sich der Nagel gerade jetzt von seinem Bild getrennt?
Gibt es einen Grund dafür? Man weiss es nicht.
Was weiss man schon, was in so einem Nagel steckt.
Hat er ein Seelenleben? Hat er gar Gefühle?
Fühlte er sich benachteiligt, weil man nur das Bild und nicht auch ihn bestaunte? Er, der ja die ganze Last zu tragen hatte!
Hatte er plötzlich beschlossen es nicht mehr aushalten zu wollen, weil er diese Belastung nicht mehr tragen konnte oder tragen wollte?
Oder ist ihm das Bild mit dem ständig tobenden Sturm und dem hilflos kämpfenden Schiffchen einfach zu mühsam geworden?
Vielleicht war es ihm zu düster, denn fröhlich hat er es ja nie gesehen. Befürchtete er, dass dieses traurige Bild ihn zu sehr mit nach unten ziehen würde. Hat er sich darum plötzlich von seinem Anhang befreit?

Oder traf er eine wohlüberlegte Entscheidung?
Hat er das Bild vielleicht schon vorher darüber ins Bild gesetzt. Alles mit ihm besprochen? Waren sie uneins, haben sie tagelang darüber geredet oder diskutierten sie schon Jahre über ihre ungleiche Beziehung? Er oben, es unten – er stahlhart, gerade und fest verankert und das Bild eher wässrig und nur durch den äusseren Rahmen gehalten.
Hat das Bild eventuell bereits alles Mögliche probiert – vielleicht weniger stürmisch zu wirken oder trotz des Sturms fröhlicher zu sein? Möglicherweise hat es sogar versucht sich zu verbiegen, sich anzupassen ohne aus dem Rahmen zu fallen.
Denn es war ja vom Nagel abhängig, nur er konnte es in dieser Position halten.

War es möglicherweise eine Kurzschlusshandlung des Nagels, die er nun, einsam dort oben, trotz stählerner Härte bereits wieder bereut? Vielleicht war er auch nicht ganz bei Sinne, denn etwas blau war er, wegen des Stahls, ja schon immer. Eventuell war er auch bloss zu blauäugig?
Was weiss man schon. Darum darf man ihm seine Haltlosigkeit auch nicht vorwerfen.

Vermutlich ist ihm die Beziehung zu seinem Anhang einfach zu belastend geworden. Man kennt das ja bei menschlichen Bindungen. Da lebt man Jahre, ja Jahrzehnte lang zusammen, man hängt aneinander, keiner kann ohne den Anderen und dann plötzlich – wumm!
Für den einen meistens unerwartet – ein gewaltiger Schock, der Absturz!
Zersplittert liegt er am Boden, zumindest benommen an die Wand gelehnt, kaum fähig den Scherbenhaufen zusammen zu kehren.
Das braucht seine Zeit.

Aber irgendwann geht es wieder aufwärts, es wird ein freier Nagel gefunden. Einsam steckt er irgendwo im Holz fest.
Das Bild, neu gefasst im glänzendem Rahmen, wird dort wieder angehängt. Das gibt auch dem Nagel wieder Sinn und eine schöne Aufgabe:
Er hält und trägt. Und, er erträgt die schwankende Stimmung seines Lieblingsbildes.

©/® Copyright by Herr Oter



;-)

Kommentare :

herbst.zeitlosen hat gesagt…

Was der Absturz eines kleinen Bildes nicht alles in Gang setzt! Erstaunlich. Da frag ich mich, was alles der Absturz eines mit Porzellan gut gefüllten Regals in Bewegung brächte ;o)

Herr Oter hat gesagt…

.....ich muss noch immer schmunzeln – danke für den Kommentar.

Antwort auf die Frage:
Müsste ich da wohl ein Buch darüber schreiben?

Liebe Grüsse

Kräuterfraala hat gesagt…

Schön geschrieben und wundervolle Gedankengänge dazu.
Weißt du, was man bei uns (im Wald) sagt, wenn so etwas passiert?
"Es hat sich geahnt!"
Es passiert also (als Vorwarnung) etwas Ungewöhnliches im Haus, bevor ein uns nahestehender Mensch stirbt. Man wird sozusagen aufmerksam gemacht.
Als Kind wurden dabei die Ohren immer länger, wenn man hörte: "Bei uns hat`s sich geahnt!"

Gibt/gab es diese Gedanken bei euch auch?

Liebe Grüße

Herr Oter hat gesagt…

Ja, auch bei uns wird darüber berichtet, dass sich manchmal Todesfälle durch ungewöhnliche Geschehnisse dieser Art ankündigen. Einen speziellen Ausdruck dafür kennen wir aber nicht.

In diesem Fall hatte zum Glück der Fall des Bild nicht diese Ursache und darum ein Grund mehr, sich mal ein paar "grundsätzliche" Gedanken, über die Beziehung eines Nagels zu seinem Bild, zu machen :-)

Herzlichen Dank für den liebenswerten Kommentar.
Herzliche Grüsse aus der Zentralschweiz.