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Montag, 24. Dezember 2012

Es weihnachtet im Bahnhofs-Bistro








Es weihnachtet im Bahnhofs-Bistro


„Ach, Entschuldigung!“, faucht eine männliche Stimme etwas gereizt hinter ihr, von oben herab. „Sie sitzen aber auch mitten im Durchgang."

Reflexartig greift Anna nach einem unterdrückten „Au!“, an die betroffene Stelle an ihrem Hals und die kalten Finger ihrer feingliederigen, rechten Hand lindern dabei etwas den brennenden Schmerz.
Sie braucht einen kurzen Moment, bis sie begreift, was soeben geschehen ist.
Hinter ihr war jemand an ihren Stuhl gestossen und dabei schwappte ein Teil seines heissen Getränkes über und traf ihre rechte Schulter und einige Spritzer eben auch ihren Hals. Nun steht er etwas unschlüssig da, in der einen Hand die Henkeltasse von der sich soeben noch ein letzter Kaffeetropfen löste und in der anderen den Teller mit einem Stück Kuchen. Die kleine Gabel war bei seiner ausweichenden Bewegung scheppernd zu Boden gefallen und liegt nun unter ihrem Stuhl.
„Hat es etwas gemacht?", erkundigt sich nun die raue Stimme knapp.
Anna wendet sich so gut wie möglich nach hinten, kann aber nur ein schwarzes T-Shirt mit einem Aufdruck sehen, denn weiter nach oben, kann sie in ihrem Alter, den Kopf nicht mehr drehen.
„Nein, nein, es ist schon gut, Entschuldigung!“, hört sich Anna daraufhin mit einem feinen Stimmchen antworten.
Erst jetzt, als die Person ohne sich nochmals umzudrehen entfernt, kann sie einen schlaksigen, jungen Mann mit ganz kurzen Haaren ausmachen, der nun am anderen Ende des Gastraumes an einem Tisch Platz nimmt, an dem bereits ein paar Jugendliche grinsend in den Stühlen liegen.
An den übrigen, gut besetzten Tischen sieht man der Szenerie teilnahmslos zu oder man ist mit sich selbst beschäftigt und hat den kleinen Zwischenfall scheinbar gar nicht bemerkt.

Anna greift mit leicht zittrigen Händen nach ihrer schwarzen Handtasche, die sie mit der linken Hand krampfhaft auf ihren Knien hält und sucht ein Taschentuch, um wenigstens das Gröbste auf ihrer dunklen Jacke etwas abzutupfen. Dort wird man den Kaffee wahrscheinlich kaum sehen. Aber sie befürchtet, dass auch ihr weisser Blusenkragen etwas davon abgekommen hat und sich an der Stelle inzwischen ein hässlich brauner Fleck breitmacht. Dabei hat sie sich heute Vormittag besonders sorgfältig angekleidet, denn es ist ihr wichtig, dass sie einen guten Eindruck auf Monika macht.
Anna freut sich doch schon seit Tagen über die Einladung ihrer Tochter für den Heiligen Abend und den ersten Weihnachtstag. In den letzten Jahren war eine gemeinsame Feier wegen des Restaurants, das Monika mit ihrem Mann zusammen geführt hatte, ja nie möglich gewesen. So waren die einsamen Weihnachtstage der letzten Jahre für Anna gar nicht immer einfach. Doch nun, nachdem sich Monika von ihrem rabiaten Ehemann getrennt hatte, kann sie endlich wieder einmal mit ihrer einzigen Tochter zusammen Weihnachten feiern.

Ohne sich dagegen wehren zu können, füllen sich nun Annas Augen mit Tränen, während sie konzentriert versucht, mit dem Taschentuch ihre rechte Achsel zu erreichen. Das gelingt ihr, mit ihren fast neunzigjährigen Schultern, in der letzten Zeit nur noch schmerzhaft.

„Entschuldigung – kann ich helfen?“
Neben Anna taucht auf Augenhöhe das Gesicht einer jungen Frau auf. Sie hat eine angenehme Stimme und asiatische Gesichtszüge. Das freundliche Lächeln und die strahlenden Augen lassen aber Annas Misstrauen gleich wieder verschwinden.
Während Anna erstaunt nickt, geht die junge Frau neben ihr in die Knie und nimmt das dünne Stofftüchlein aus ihren schmalen Fingern.
„Ich befürchte, das nicht geht“, bedauert die Fremde in gebrochenen Deutsch.
„Aber ich holen schnell Wasser, dann geht schon, ja?“
Anna nickt noch einmal stumm. Noch immer ist sie etwas erstaunt über die Freundlichkeit dieser Fremden und stopft währenddessen das Taschentuch zurück in die Ledertasche auf ihren Knien.
Dabei lockert sich auch ihr Griff wieder, der sich ungewollt festigte, als das fremdartige Antlitz neben ihr auftauchte.

Jetzt erinnert sich Anna, dass dieses anmutige „Fräulein“, wie man früher sagte, bereits am runden Nebentisch sass, als sie kam. Sie hatte sich noch überlegt, ob sie sich dazusetzten sollte, aber weil es eine Ausländerin war, hatte sie sich dann doch an den Tisch daneben gesetzt. Die junge Frau hatte sich, nach einem kurzen Blick auf die ältere Dame, auch wieder in das dünne Heft mit der Aufschrift „Hueber - Deutsch als Fremdsprache“ vertieft, das nun noch immer aufgeschlagen, mit dem roten Umschlag nach oben, auf dem Tisch liegt. Daneben steht eine weisse Porzellantasse, auf der die schokoladebraunen Spuren am Rand auf das Getränk schliessen lassen.

Nach kurzer Zeit kommt die junge Asiatin mit einem Kesselchen, gefüllt mit warmem Wasser und einem kleinen weissen Schwämmchen, speziell für solche Notfälle, zurück. Geschickt zieht sie in einem Wechselspiel von Wasserzugabe und Aufsaugen die braune Flüssigkeit mit dem Schwämmchen aus Annas Bluse und bald ist vom Fleck kaum noch etwas zu sehen. Das Gleiche wiederholt sie mit der Jacke.

„Ist nicht ganz gut, aber besser“, bemerkt die angenehme Stimme hinter ihr und schon erscheint das bereits etwas vertraute Gesicht wieder neben Anna und lächelt sie tröstend an.
„Das ist schon gut", entgegnet nun Anna gefasst. „Ich danke ihnen ganz herzlich, junge Frau. Ich bin so froh, denn ich muss noch auf den Zug, also auf die Eisenbahn, meine ich."
„Ist nicht Problem“, mildert die Frau freundlich ab. "Ich bringe jetzt schnell zurück", erklärt sie und streckt Anna dabei lächelnd Kesselchen und Schwamm entgegen und schon ist sie wieder verschwunden.

Anna kramt während dessen in ihrer Handtasche und entnimmt der Geldbörse die grösste Münze, die sie findet.

„Hier, das ist für sie“, sagt Anna, als die junge Frau zurückkommt und streckt ihr die geschlossene Hand entgegen. „Und nochmals ganz herzlichen Dank!“
„Nein, nein, ich nicht nehmen“, reklamiert die Dunkelhaarige und macht einen entschiedenen Schritt zurück.
„Ich schon sehen von dort“, gesteht sie und zeigt auf ihren Tisch, „der Mann nicht richtig machen, aber ich nicht kann sagen zu ihm. Ich muss aufpassen – ich bin nur Ausländerin“, versucht sie zu erklären.
Dabei lächelt sie Anna entschuldigend an und legt ihr eine Hand bedauernd auf die noch nasse Schulter.
„Wird bald trocken“, meint sie beruhigend.
„Ich bin Arlene, aber muss jetzt gehen, dumm, aber Eisenbahn fährt in fünfzehn Minuten.“ Dabei dreht sie sich behende um und nimmt ihr Buch und das kleine Tablett mit der Tasse vom Tisch.

„Jesses!“ Anna schiesst etwas hastig auf und hätte dabei beinahe den Bistrotisch umgekippt. „Meiner fährt um halb eins“.
Doch der nervöse Blick auf die Uhr beruhigt sie schnell wieder, denn sie hat ebenfalls noch eine Viertelstunde Zeit.

„Sie auch fahren 12.30?“, fragt die junge Frau.
Anna nickt. „Ja, ich gehe zu meiner Tochter nach Zug,“ gesteht Anna und strahlt dabei über das ganze Gesicht.
„Ich etwas weiter nach Zürich, zu Mutter, Weihnachten feiern“, meint darauf Arlene und ihre Freude ist unverkennbar.

„Wir fahren bis Zug zusammen, ja – ist gut?“, vergewissert darauf die Jüngere und stellt dabei Annas Geschirr bereits auf ihr Tablett.
Aufmunternd reicht sie der Älteren ihren Arm.
„Ja gerne“ strahlt Anna und hängt sich bei Arlene ein. „Dann können sie mir doch noch erzählen, woher sie ursprünglich kommen und was sie arbeiten. Wohnen sie hier in unserem Städtchen? Ich glaube, ich habe sie hier noch gar nie ..........“.

Gemeinsam machen sich die beiden Frauen auf den Weg.





Ich wünsche allen ganz schöne und
gemütliche Weihnachtstage!


:)

Kommentare :

chat noir hat gesagt…

Danke, lieber Resunad, das wünsche ich Dir auch! Je älter ich werde, desto wichtiger ist mir an solchen Tagen die Ruhe. Ich mag diese Hektik nicht, und besonders vor Weihnachten verbreitet sie sich schnell. Hier ist alles fertig, gleich gibt es Frühstück, und dann läuft der Tag von allein. Dir auch ein ruhiges Fest! Liebe Grüße von der schwarzen Katze

Anonym hat gesagt…

Git nüt z säge....Eifach nur schön,dini Gschicht :-)
Wünsche gaanz schöni Feschttäg! :-*
T.O.&O.

rotzloeffel hat gesagt…

Ich sage auch herzlich danke für diese schöne Gschicht. ;-)
Wünsche ebenfalls ruhige und fröhliche Festtage.
LG rotzlöffel

De Wiehnachtsmann

Kiek mol, wat is de Himmel so rot,
dat sünd de Engels, de backt dat Brot.
De backt dan Wiehnachtsmann sien Stuten
vor all de lütten Leckersnuten.

Nu flink de Teller ünners Bett
un legt jük henn un west recht nett!
De Sünna Klaas steiht vor de Dör,
de Wiehnachtmann, de schickt em her.

Wat de Engels hevt backt,
dat shüt jü probeern.
Un smeckt dot good, dann hört se dat gern
un de Wiehnachtsmann schmunzelt:
nu backt man noch mehr
ach, wenn doch erst mol Wiehnachten wär!

Njala hat gesagt…

Vielen lieben Dank und auch für Sie ganz ruhige, entspannte Festtage!

Liebe Grüße,

N.

Herr Oter hat gesagt…

@chat noir:
Mir geht es gleich, liebe Katze. Den hektischen Rummel habe ich vor Jahren hinter mir gelassen und nun geniesse ich die "bewegenden" Seiten dieser Festtage.
Einem kleinen Boot gleich, schaukle ich beschaulich über die sanften Wellen der zahlreichen Festtage dem neuen Jahr entgegen.

@T.O.&O.:
Das wünscha i Diar au, gnüss es paar erholsami Täg.

rotzloeffel:
Ganz herzlichen Dank, lieber rotzlöffel, für Dein wunderschönes Weihnachtsgedicht.
Ich nehme an, dass es in "Plattdeutsch" verfasst ist und das Gedicht somit aus dem weit entfernten Norddeutschland zu mir in die Schweiz gekommen ist.
Ich habe es, langsam gelesen, gut verstanden, ausser
<< de lütten Leckersnuten >>
die ich nicht verstanden habe.
Meinst Du, dass es diese "komischen Dinger" hierzulande auch gibt? ;)

@Njala und @ALLE:
Ganz herzlichen Dank für Eure lieben Wünsche. Genau so hoffe ich, dass auch Ihr die Festtage geniessen könnt.
Hektik war gestern, Ruhe ist jetzt angesagt.
In diesem Sinne, wünsche ich Euch alles Gute und eine ganz schöne, genussvolle Zeit.

Liebe Grüsse
Resunad

rotzloeffel hat gesagt…

Ja, das Gedicht is op platt geschnackt und ganz richtig ein Gruß aus dem Norden von der Ostseeküste bei Lübeck. :D Und diese "komischen Dinger" gibt´s in der ganzen Welt: kleine (...aber auch große^^) Schleckermäulchen oder auch Naschkatzen. Am besten kann man sie zu allen Fest- und Feiertagen beobachten und erleben. Weil dann an jeder Ecke, jeden Markt und natürlich in jedem Heim Unmengen an Süßigkeiten und Naschkram vorhanden sind. Dann können sie nicht widerstehen und trauen sich "in die Öffentlichkeit". *gg* :D

Und so ein ganz kleines Stück 'Leckersnut' steckt doch in jedem von uns, oder? ;-))

Herr Oter hat gesagt…

@rotzlöffel:
Aha, danke für die Erklärung.

So eine'Leckersnut'oder eben ein"Schleckmaul" findet man auch bei mir zunehmend. Das Alter eben....

Ich wünsche Dir einen ganz schönen, gemütlichen Weihnachtstag.
Bei uns hat es im Moment frühlingshafte 17 Grad draussen.

Gruss Resunad

Alex hat gesagt…

"Das freundliche Lächeln und die strahlenden Augen lassen aber Annas Misstrauen gleich wieder verschwinden."

Das ist ein guter Satz. So ehrlich, wohl jeder kann sich in diese, tief in uns verankerte Ur-Angst vor Fremden, uns Unbekanntem, hineinfühlen. Die wenigsten werden es zugeben, die meisten werden dies verneinen, die dümmsten wickeln es in Hass und Engstirnigkeit und die schlausten erkennen bei sich diese Regung, beleuchten sie, lächeln und....blicken über den Tellerrand.

Du meine Güte....es ist kurz nach sechs, ich sollte noch schlafen und die zwei Tassen Kaffee die ich schon intus habe tun mir glaub ich auch nicht gut....Jesses, ich leg mich nochmal hin. Oder ich les was? Die Feiertage bringen mich völlig aus meinem Rhythmus.

Liebe Grüße ;-)

Herr Oter hat gesagt…

Liebe Alex,
ich finde Deinen Satz besonders bemerkenswert:

>> Die wenigsten werden es zugeben, die meisten werden dies verneinen, die dümmsten wickeln es in Hass und Engstirnigkeit und die schlausten erkennen bei sich diese Regung, beleuchten sie, lächeln und....blicken über den Tellerrand.<<

Das hast Du vortrefflich formuliert und ich meine auch, genau so ist es. Dabei wird das Zusammenleben mit fremden Kulturen immer wichtiger und auch notwendiger.

Hoffentlich hast Du Dich inzwischen etwas an die Feiertage gewöhnt, vielleicht aber auch schon wieder zurück gewöhnt und nächste Woche wieder......
Aber spätestens im Januar wirst Du den Rhythmus wieder finden, bestimmt ;)

Liebe Grüsse und viel Glück bei der Bewältigung der letzten Tage des Jahres.


Alex hat gesagt…

Danke. Ja, der Rhythmus hat mich wieder. Jippie :-) Alles wird gut.