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Sonntag, 15. Dezember 2013

Die Schneekugel





Die Schneekugel



Immer wieder schüttelt Helena die Schneekugel. 
Die Schneeflocken wirbeln wild herum und setzen sich langsam auf den Schneemann in der Glaskugel.
„Es schneit, es schneit“, jauchzt Helena dabei jedes Mal und schaut ganz fasziniert dem Schneetreiben in der Kugel zu.
„Wann schneit es denn endlich auch bei uns, Mama?“ fragt das Mädchen, „es ist doch bald Weihnachten und noch immer keinen Schnee“.
Sie schaut aus dem Fenster auf die menschenleere grüne Rasenfläche zwischen den Wohnblocks. Auch der kleine Spielplatz an dessen Rand ist schon seit Tagen verweist. Das Wetter ist nasskalt und trüb und es beginnt jetzt bereits dunkel zu werden.
„Der kommt schon noch, Helena“, beruhigt die Mutter, „vielleicht nicht bis Weihnachten, aber dann sicher im neuen Jahr“.
„Schau einfach in die Kugel und wünsche dir fest, dass Schnee kommt, das nützt bestimmt!“
„Au ja“, jubelt das Kind, „und dann darf ich einen grossen Schneemann bauen, gell Mama, in diesem Jahr darf ich es, du hast es mir doch schon letztes Jahr versprochen!“
„Wir werden sehen, Liebes, noch hat es keinen Schnee.“
Frau Kroll unterdrückt einen Seufzer, der sich gerade äussern wollte, denn wenn Schnee fällt, wird es für sie nicht einfacher. Sie betrachtet ihre Tochter nachdenklich, geht zwei Schritte zu ihr hin und fährt ihr gedankenverloren durch das gekrauste, kurze Haar. Unbewusst neigt sich Helenas Kopf leicht zu ihr hin, während sie die Glaskugel wieder kräftig schüttelt und mit weit aufgerissenen Augen konzentriert dem Schneetreiben zuschaut. Dabei wispert sie leise, aber nachdrücklich: „Schnee, Schnee, Schnee!“

*

Kurze Zeit später liegt Helena im Bett. Das Nachtlicht spendet spärlich Licht.
Aber das genügt, um den kugelrunden, weissen Mann in der Glaskugel, die das Mädchen noch immer in ihren Händen hält, erkennen zu können.
„Lieber Schneemann, lass es doch auch bei uns schneien“, flüstert sie leise zum weissen Mann mit den grossen, schwarzen Augen und der spitzen, roten Nase. Wie es sich für einen richtigen Schneemann gehört, trägt er auf dem Kopf einen schwarzen Zylinder mit einem roten Hutband. Ein dicker, roter Schal und drei grosse, runde Knöpfe zieren seinen kugeligen Rumpf.
Kräftig schüttelt Helena immer wieder die Glaskugel, sperrt die müden Augen auf und murmelt konzentriert: „Bitte, bitte lieber Schneemann, ich möchte so gerne Schnee, ganz viel Schn...

Hat der weisse Kerl jetzt mit dem linken Auge gezwinkert? Das kann doch gar nicht sein.
Aber, doch, doch, der Schneemann beginnt nun sogar zu lachen und zu winken. Jetzt zieht er seinen Hut zum Gruss und kommt tatsächlich etwas näher.
„Hallo, liebe Helena. Ich habe gehört, was du dir so fest wünscht. Darum schau, ich lasse es für dich tüchtig schneien“, sagt der Eismann mit einer unerwartet warmen Stimme zu ihr. Zwei kräftige Arme lösen sich vom seinem Rumpf und jetzt – streckt er beide Hände gegen den Himmel. Sofort tanzen dicke Schneeflocken der Erde entgegen und in kurzer Zeit ist alles schneeweiss.
Der kleine weisse Mann streckt seine Arme nun dem Kind entgegen.
„Komm Helena, komm zu mir, wir wollen zusammen tanzen.“
Verwundert und etwas zaghaft bewegt das Mädchen seine Beine und nimmt den Schneemann bei der Hand. Schon tanzen sie zusammen übermütig durch den fallenden Schnee. Er hebt sie hoch, wirbelt sie durch die Luft und dann rollen sie sich zusammen in der dichten, weichen Schneedecke, die bereits die ganze Erde überzieht. Helena wird in den starken Armen dieses frostigen, kleinen Mannes ganz warm ums Herz.

Der Schneemann formt nun einen Schneeball und wirft ihn nach Helena, die sofort wieder einen zurück wirft. Nun beginnt eine richtige Schneeballschlacht – darauf hat das Mädchen schon so lange gewartet.
„Komm, jetzt bauen wir zusammen eine Schneefrau“ ruft der Schneemann ganz übermütig und rollt bereits einen Schneeball so lange, bis es daraus eine ganz grosse Kugel für den Rumpf gibt. Danach eine Kleinere für oben drauf und aus der Kleinsten wird der Kopf. Nun modellieren sie zusammen diese noch unförmige Figur bis daraus eine prächtige Schneefrau geworden ist.
„Das wird nun meine Frau“, jubelt der Schneemann begeistert. „Dann bin ich endlich nicht mehr alleine. Bisher war ich doch oft sehr einsam in deiner Glaskugel.“ Sein weisser Körper strahlt jetzt scheinbar noch heller.
„Sieht sie nicht wunderschön aus, meine Schneefrau?“, fragt der Wintermann glücklich und legt stolz seinen Arm um die mollige Eisdame, die gerne näher zu ihm rückt.
Dann gehen die beiden Arm in Arm und werden immer kleiner, je näher sie der Abendsonne entgegen kommen.
Glücklich sieht Helena den beiden Verliebten nach und winkt noch lange......

*

„Guten Morgen, meine liebe Helena“ sagt eine vertraute Stimme leise.
„Mir scheint, dass du etwas ganz Schönes geträumt haben musst, denn du hast im Schlaf gelächelt und eine Hand bewegt, als ob du jemandem zuwinken würdest.“
„Ach, Mami, es war so wunderschön im Traum ...“, und wieder überzieht ein glückliches Lächeln das Gesicht des Mädchens mit den noch immer geschlossenen Augen.
„Es hat geschneit, richtig fest geschneit! Genau so, wie du es gesagt hast. Und der Schneemann hat mich in seine Kugel geholt und wir haben getanzt und es gab eine richtige Schneeballschlacht! Wie mit Papa früher, weisst du? Ach, war das lustig.
Und dann haben wir für den Schneemann eine wunderschöne Schneefrau gemacht – damit er nicht mehr so alleine ist.
Ach, war der glücklich. Schade, dass es nur ein Traum war.“

Mutter hat sich inzwischen auf den Bettrand gesetzt und ist mit ihrer Hand der Kleinen liebevoll über die Stirne gefahren.
Nun nimmt sie das Mädchen bei beiden Händen und setzt sie vorsichtig auf.
„Komm Helena, dein Traum ist wahr geworden! Mach schnell die Augen auf und schau, wie viel es in der Nacht geschneit hat.“
Die Mutter stützt ihre Tochter, damit sie aus dem Fenster sehen kann.
„Oh, ist das schön, alles ist ganz weiss. So viel Schnee, genau wie in meinem Traum!“
Das Mädchen sieht mit staunenden Augen fasziniert durch das Fenster.
„Aber nach draussen in den Schnee, werden wir nicht gehen können, stimmt's Mutter? Ich bin zu schwer.....“, sagt sie nach einer Weile traurig und kraftlos lässt die Mutter Helenas Oberkörper wieder langsam ins Bett sinken.
„Ach, meine Kleine“. Mutters Augen füllen sich mit Tränen und Helena umarmt sie jetzt ganz fest.
„Nicht weinen Mama, ich weiss schon, ohne Papa....“, zärtlich fährt sie mit der Hand über Mutters Haar.

*

Am Nachmittag, Helena muss im Wohnzimmer eingeschlafen sein, heben sie zwei kräftige Arme hoch.
Das Mädchen kennt den Mann, Peter heisst er und er kam oft zu Papa, als er noch hier war.
„So, Helena, nun geht es los“, sagt Peter mit sanfter Stimme und trägt sie ins andre Zimmer.
„Wir gehen jetzt zusammen in den Schnee!“ „Schau, Mama hat schon warme Kleider bereit gelegt und während sie dich nun richtig warm anzieht, hole ich schon mal den grossen Schlitten von Papa aus dem Keller“.
Mit einem aufmunternden Nicken verlässt Peter das Wohnzimmer und die Mutter beginnt nun, ihrer Tochter die warmen Kleider für den Schnee anzuziehen.
Bald ist sie warm eingepackt und Peter trägt das Mädchen vorsichtig die vielen Treppen hinunter. Vor der Haustüre steht der Holzschlitten mit dem speziellen Sitz, den Vater damals, extra für sie angefertigt hatte.

Es wird ein traumhafter Nachmittag.
Alles ist so, wie in Helenas Traum von letzter Nacht. Peter tanzt mit ihr ausgelassen durch den Schnee und es gibt eine richtige Schneeballschlacht.
Danach schaut sie zu, wie er zusammen mit der Mutter einen grossen Schneemann baut. Der bekommt auch einen dicken, roten Schal und zwei grosse, schwarze Steine für die Augen. Drei weitere Steine gibt es für die Knöpfe und aus seiner Tasche zaubert Peter auch eine Karotte für die Nase. Statt eines Zylinders trägt der weisse Mann nun Peters karierte Mütze mit dem lustigen Bommel. Danach tanzen ihre Mutter und Peter Arm in Arm ausgelassen um die lustige Figur aus Schnee und dann – haben sich die beiden sogar noch geküsst!
Helena klatscht begeistert in die Hände und jauchzt vor Freude.

*

Am Abend, nach dem Nachtessen, sitzt Helena wieder im Wohnzimmer am Fenster. Sie hält ihre Schneekugel mit dem Schneemann fest in beiden Händen.
Peter ist noch zum Nachtessen geblieben und trinkt jetzt mit Mutter Kaffee in der Küche. Helena hört die beiden viel zusammen lachen und nicht nur das, macht das Mädchen sehr glücklich.
Denn es war ein wunderschöner Nachmittag, genau so wie sie es sich gewünscht hatte. Und Peter hat versprochen, dass sie nun öfters zusammen nach draussen gingen. Ihre Mutter hat dazu genickt und geheimnisvoll gelächelt. Dabei haben sich ihre leuchtenden Augen mit einem glänzenden Schimmer überzogen.

Helena schaut jetzt müde aus dem Fenster. Es beginnt bereits zu dunkeln. Auf der menschenleeren Rasenfläche zwischen den Wohnblocks steht ein kleiner, kugelrunder Schneemann mit einer Bommelmütze, einer spitzen Nase, einem roten Schal, drei dicken Knöpfen und zwei schwarzen, grossen Augen.

Hat nicht soeben das Linke gezwinkert?
© Copyright Herr Oter, Dezember 2013 



Autor: By Tanemori (Hatena Ftolife) 
Lizens: CC-BY-1.0  - via Wikimedia Commons


:) 

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Richtig schön!
T.O.&O.

Herr Oter hat gesagt…

Herzlichen Dank Ri
Dir, einen schönen dritten Advent
Gruass Re

rotzloeffel hat gesagt…

Ich finde die Geschichte traumhaft. Bravo!!!

Liebs Grüessli
Löffelchen ;-))

Herr Oter hat gesagt…

Ganz herzlichen Dank, liebs Löffeli ;)

Du schreibst ja "Schwizerdütsch" :)) *erfreut*

Dir einen ganz schönen Tag und liebi Grüessli
Resunad

Dekoratz hat gesagt…

Ein wunderschön winterliches Weihnachtsmärchen.
Ich lese es heute Abend ganz sicher noch einmal.
Liebe Grüße zum 3.Advent - die mit Freude schwerbeschäftigte Dekoratz

Felina hat gesagt…

Was für eine wunderschöne Geschichte, lieber Resunaud, einfach herzerwärmend.
Liebe Grüße von Felina, die beim Lesen ein Tränchen nicht zurückhalten konnte.

Sadie´sGedankenfülle hat gesagt…

Das geht einem so richtig nahe, wirklich wunderschön.
LG Sadie

Mondgucker-Strandläufer hat gesagt…

was für einen berührende schöne Geschichte!

Lieben Gruss Elke

Herr Oter hat gesagt…

Liebe Barbara, Felina, Sadie und Elke, ganz herzlichen Dank für Eure Komplimente. Ich freue mich, dass meine Geschichte Euch gefallen hat. Solche lieben Komplimente tun natürlich gut.

Nun wünsche ich Euch eine stressfreie und erfüllende, letzte Adventswoche.

Liebe Grüsse
Resunad

chat noir hat gesagt…

Meine Tochter bekam von mir, als sie noch sehr klein war, eine Schneekugel geschenkt. Innen stand das Tapfere Schneiderlein im Flockenwirbel. Sie nannte die Kugel "Tapferschneit", und das ist bis heute in unserer Familie so geblieben. Kein Mensch sagt Schneekugel!
Danke für Deine schöne Geschichte. Bitte mehr davon! Liebe Grüße mit freundlichen Kopfreiben an Deinem Bein von der Schwarzen Katze

Herr Oter hat gesagt…

Schöne Anmerkung, liebe schwarze Katze.

Ich habe auch noch eine:
Für meine Lesung dieser Geschichte im Altersheim, hätte ich gerne eine Schneekugel mit einem Schneemann aufgestellt. Wir haben zwar selber drei, aber alle mit Weihnachtsmännern.
Doch in unserer Kantonshauptstadt Luzern, immerhin ein bekannter Touristenort, habe ich keine gefunden.
An den meisten Orten gab es überhaupt keine Schneekugeln im Sortiment. In einem Laden hat mir dann die junge Verkäuferin, nachdem ich ihr die Schneekugel beschrieben hatte, freundlicherweise den Grund dafür erklärt: Dafür gäbe es heute keine Nachfrage mehr, das finde man nur noch bei alten Leuten.

Na ja, da sah ich ziemlich alt aus :)

Ich danke Dir herzlich für Dein nettes "Schnurren" und verspreche, dass es im nächsten Jahr wieder vermehrt die eine oder andere Geschichte geben wird.

Liebe Grüsse
Resunad