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Sonntag, 22. Dezember 2013

Weihnachten ohne Grossmutter





Weihnachten ohne Grossmutter


 „Du könntest doch heute noch schnell zu Grosi gehen, was meinst Du?“

Adrian sitzt noch etwas müde am Frühstückstisch und stützt den Kopf mit der einen und mit der anderen Hand löffelt er die Frühstücksflocken.
Er hat heute Morgen gar keine gute Laune. Noch immer dauert es Stunden, bis es endlich 'Heiliger Abend' ist. Dabei spricht man  schon seit Tagen von nichts anderem – so kommt es ihm vor – und das macht das Warten noch viel schwerer.
Auch in der Schule drehte sich in den letzten Wochen fast alles nur noch um Weihnachten. Es wurde jeden Tag für das Krippenspiel geprobt, an der Kulisse gearbeitet und die Weihnachtslieder dafür geübt.
Adrian durfte den Josef spielen, weil er gut Texte auswendig lernen kann und Muna, die eigentlich Munawwara heisst, war die Maria. Munawwara heisst übersetzt „die Erleuchtete“, aber Muna spielte natürlich nicht deswegen die Maria. Doch die Lehrerin meinte, dass das Mädchen aus dem Kosovo genau die Richtige wäre, um die Maria zu spielen.
Doch weil Muna Muslimin ist und im Islam Weihnachten keine Bedeutung bei den Festlichkeiten hat, musste die Lehrerin zuerst das Einverständnis der Eltern einholen. Aber ihre Mutter, Frau Mushkulaj, hatte gesagt, dass die Geburt Jesu im Koran auch wichtig sei und man bei ihr Zuhause schon immer auch Maria verehre. Zudem wohne man nun hier und man wolle sich auch anpassen.
Adrian war froh, dass Muna die Maria spielte, denn er mochte sie gut – und schliesslich musste Josef im Krippenspiel, ja auch immer wieder Hand in Hand mit Maria auf der Bühne herumgehen.
In der letzten Woche hatte Adrian dann richtig darauf gefiebert, dass die Aufführung endlich stattfinden wird. Das sei das Lampenfieber, hatte seine Mutter gesagt, auch wenn Adrian bis heute nicht weiss, was diese Anspannung mit einer Lampe zu tun hat.  Dann, am letzten Freitag war es so weit. Endlich fand die Aufführung des Krippenspiels in der Aula statt. Am Nachmittag wurde für die anderen Schulklassen gespielt und am Abend für die Erwachsenen. Seine Eltern waren natürlich auch unter den Zuschauern.
Alles hatte prima geklappt und Josef und Maria erhielten immer wieder Applaus. Das hatte Adrian richtig stolz gemacht und so war er bald auch nicht mehr aufgeregt. Nachher gab es für die jungen Schauspieler noch eine Wurst mit Brot und er setzte sich zu seinen Eltern, die neben den Mushkulaj's in der Aula sassen. Dabei hatte ihn Muna immer wieder so angesehen, so wie Mädchen das eben manchmal tun.

Heute hat er keine Schule mehr, jetzt sind Weihnachtsferien.
Aber warum muss es auch ein ganzes, langes Wochenende und fast den ganzen heutigen Montag über dauern, bis man am Abend nun endlich Weihnachten feiern und die Geschenke ausgepackten kann.
Adrian hat sich ein neues Fahrrad gewünscht und er hätte nur zu gerne endlich gewusst, ob das Christkind es im bringt und welche Farbe es hat. Am liebsten hätte er ein Dunkelblues – Adrian vergeht fast vor Neugier und Vorfreude. Das ist noch fast weniger zu ertragen, als das Lampenfieber.
Seit der Schlussaufführung des Krippenspiels kann er kaum noch an etwas anderes denken, als an die Geschenke. Und nun muss er auch noch zuerst zur Grossmutter ins Pflegeheim und dazu hatte er grad gar keine Lust. Es war doch schon blöd genug, dass sie jetzt dort lag und an der Feier heute Abend zum ersten Mal gar nicht teilnehmen konnte.

„Hey, Adrian, schläfst du noch?“ fragt die Mutter nun und reisst Adrian damit aus seinen Gedanken.
„Nein!“ murmelt der Bub in die Müeslischale.
„Also, was meinst du nun dazu? Wegen der Aufführung warst du schon fast zwei Wochen nicht mehr beim Grosi im Altersheim. Jetzt könntest Du doch den freien Nachmittag nutzen um ihr etwas Gesellschaft zu leisten, statt in deinem Zimmer zu hocken und auf den Abend zu warten.
Insgeheim hofft die Mutter, dass sie dann auch entspannter den Weihnachtsbaum schmücken und das Abendessen vorbereiten kann.

„Ich gehe nicht mehr zum Grosi“, sagt Adrian etwas verdrossen.
„Aber wieso denn nicht?“, hakt Mutter nach, „sie hätte bestimmt Freude.“
„Sie merkt es ja sowieso nicht mehr“, erwidert der Junge nach kurzem Zögern.
„Sie liegt ja eh nur noch da, schaut zur Decke und bewegt sich nicht mehr.“
„Aber Adrian, das haben wir doch erwartet. Das ist bei dieser Alzheimer Erkrankung eben so.  Ich habe dir das doch schon so oft erklärt. Grosi lebt nun einfach immer öfter in ihrer eigenen Welt. Aber deswegen spürt sie trotzdem, dass du bei ihr bist – davon bin ich ganz fest überzeugt.“
„Aber bei ihr ist es mir jetzt immer so langweilig, wenn sie nichts mehr redet und nur noch im Bett liegt“, moniert Adrian.
Mutter streicht dem Kleinen aufmunternd über den Kopf: „Du kannst ihr doch trotzdem etwas erzählen – vielleicht vom Krippenspiel am Freitag oder was du dir auf Weihnachten wünscht. Oder lies ihr doch einfach etwas vor, das wird sie sicher freuen.“
„Aber man merkt ja gar nicht, ob sie es versteht oder nicht!“, wehrt sich der Kleine.
„Du kannst es dir ja noch bis nach dem Mittagessen überlegen. Aber denke daran, es ist heute das erste Mal ist, dass Grosi nicht mit uns feiern wird. Auch weiss man nicht, ob Grosi am nächsten 'Heiligen Abend' noch erlebt. Vielleicht ist es in diesem Jahr das letzte Mal, dass du sie an Weihnachten überhaupt besuchen kannst.“

Mutter räumt den Frühstückstisch ab und Adrian geht missmutig in sein Zimmer. Er liegt auf das Bett.
'Erst neun Uhr', denkt er. 'Dauert das noch lange, bis es endlich dunkel ist. Mir ist richtig langweilig!'
Adrian ist, seit Grossmutter in diesem Altersheim ist, überhaupt viel öfter langweilig.
Früher – als sie noch im lieblichen Häuschen am Grabenweg 27 wohnte, war das ganz anders. Da hat er sie oft besucht und bei ihr gab es auch immer Abwechslung. Der grosse Garten, die Werkstatt des verstorbenen Grossvaters, da wusste man immer, was man machen konnte. Oft haben sie auch zusammen gespielt, er hat „Fern“ gesehen während sie strickte oder er hat ihr beim Kochen zugeschaut und einfach mit ihr über alles mögliche geredet. Gerade in der Adventszeit war er fast jeden Tag bei ihr. Dann hat er mit ihr zusammen Geschenke gebastelt, Weihnachtsgebäck ausgestochen, die Krippe im Wohnzimmer aufgestellt oder er ist auf ihren Knien gesessen und sie hat ihm aus einem Buch schöne Weihnachtsgeschichten vorgelesen.
'Damals ging diese Adventszeit viel schneller vorbei', denkt sich Adrian.
Und am Tag des 'Heiligen Abend' durfte er immer schon bereits am frühen Morgen zu ihr. Da wurden noch die letzten Geschenke verpackt, Würstchen mit Kartoffelsalat zum Mittag gegessen und am Nachmittag, wenn es fast nicht mehr zum Aushalten war, dann sind sie zusammen durch das weihnachtlich geschmückte Städtchen gelaufen und haben vor fast jedem Schaufenster Halt gemacht. So verging die Zeit wie im Fluge und plötzlich hatte Grosi dann gesagt:
„So, Adrian, nun gehen wir heim und dann wollen wir doch mal sehen, ob das Christkind schon bei euch zu Besuch war.“
Daran glaubt er heute natürlich nicht mehr, er ist ja schon gross.

'Schade, dass Grosi jetzt so krank ist, dass sie heute nicht einmal mehr bei der Weihnachtsfeier dabei sein kann' denkt Adrian jetzt. 'Dass es ihr in letzter Zeit immer schlechter ging und sie ab und zu komische Sachen machte, das hat Adrian eigentlich gar nicht gemerkt. Er hat es nur gehört, als die Mutter es jemandem erzählt hat. Nur, dass sie immer öfter etwas vergessen hat, das ist ihm schon aufgefallen, aber dann hat er sie eben daran erinnert.'
Diese Gedanken an die schönen „Grosi-Zeiten“von früher, haben Adrian jetzt etwas traurig gemacht.
‘So ist es überhaupt nicht richtig Weihnacht', denkt er, 'so ganz ohne Grosi.'
Irgendwie freut sich Adrian nun eigentlich gar nicht mehr so richtig auf den heutigen 'Heiligen Abend'.

'Was denkt das Grosi wohl jetzt gerade' fragt sich Adrian etwas später. 'Denkt sie vielleicht auch an die gemeinsame Zeit vor dem Weihnachts-Abend?'
'Sie lebt nun ihrer eigenen Welt, hat Mutter gesagt. Aber wo ist das? Was ist das für eine Welt? Hat es dort Schnee? Gibt es dort auch Weihnachten und ist dort überhaupt etwas los? Vielleicht ist jetzt Grosi ebenso langweilig wie ihm.
Ob er sie doch besuchen sollte? Dann könnten sie sich zusammen etwas langweilen – oder er könnte ihr eine Geschichte erzählen, so wie sie es für ihn früher tat. Vielleicht sollte er..... Er war ja früher auch froh, dass Grosi ihm die Zeit bis zum Weihnachtsfest verkürzt hat.'
Adrian bekommt jetzt ein bisschen ein schlechtes Gewissen.
Da ruft die Mutter auch schon zum Mittagessen, das heute früher als sonst stattfindet.

„Ich gehe nach dem Essen doch zum Grosi, Mami“.
„Ach, das ist schön, Adrian“, sagt die Mutter und drückt den kleinen Mann an ihre Brust. Adrian fühlt sich jetzt richtig gut, auch wenn er das sonst gar nicht mehr mag, besonders wenn andere anwesend sind.

Kurze Zeit später stiefelt Adrian durch den Schneematsch dem Altersheim entgegen. Der Weg ist nicht weit. In einer Plastiktasche hat er das grosse Buch vom Grosi mit den vielen Weihnachtsgeschichten und den farbigen Bildern mitgenommen.
Sie hat es im geschenkt, als sie ins Altersheim ging und das Häuschen räumen musste, und – heute Nachmittag will er ihr nun daraus vorlesen, damit auch für sie die Zeit schneller vergeht.

Nachdem er das Altersheim betreten hat, geht er neben der Cafeteria den langen Gang entlang, der zum Zimmer 17 der Grossmutter führt.
„Hoi Adrian“, sagt da eine Stimme die er sofort erkennt. Adrians Herz schlägt etwas schneller, denn nun steht Muna, die Maria der Weihnachtsaufführung, neben ihm.
„Was machst du denn da?“ Adrian kann ein Stottern gerade noch vermeiden. „Ist dein Grosi auch hier im Heim?“ kombiniert der Junge geschickt.
„Nein, nein“, erwidert Muna und lächelt. „Meine Grossmutter ist im Kosovo.“
„Aber was tust du denn hier im Heim?“
„Meine Mutter arbeitet hier, weisst du?, erklärt das Mädchen.
„Aha, nun hast du sie besucht?“
„Nein, ich darf heute den ganzen Tag hier bleiben, damit ich nicht alleine Zuhause bin.“
Adrian schaut sie etwas verständnislos an.
Und Weihnachten?“ fragt er erschreckt, „feiert ihr denn nicht Weihnachten heute Abend?“
„Nein, du weisst doch, wir Muslime feiern Weihnachten nicht und darum hat Mutter heute den Dienst von einer Kollegin übernommen, damit sie mit ihrer Familie feiern kann.“
„Und Dein Vater?“ fragt Adrian.
„Der arbeitet Schicht!“
„Dann bekommst du heute gar keine Weihnachtsgeschenke?“, bedauert Adrian seine Schulkollegin.
„Doch, ich bekomme an eurer Weihnacht auch immer ein Geschenk von meinen Eltern. Dieses Mal war es ein Buch, das ich mir gewünscht habe. Aber sonst gibt es keine Geschenke an diesen Tagen, dafür dann viele an unseren heiligen Feiertagen.
Dann fragt das Mädchen: „Du besuchst also deine Grossmutter, Adrian?“ Adrian nickt.
„Das ist denn schön von dir“, Muna strahlt in an. „Mutter hat mir gesagt, dass deine Grossmutter hier wohnt. Da hast du es aber gut, denn ich würde auch gerne meine Grossmutter besuchen, aber das ist zu weit weg. Wir fahren nur manchmal in den Ferien in den Kosovo.“
„Dann siehst du deine Grossmutter nur einmal im Jahr?“ fragt Adrian mitleidig.
„Nein“, lacht das Mädchen, „ein-, zweimal mehr ist es schon.“

„Aber meine Grossmutter ist jetzt sehr krank“, sagt nun Adrian etwas leise. „Sie ist in einer anderen Welt. Sie liegt nur noch da, bewegt sich kaum und sagt auch gar nichts mehr. Manchmal ist es richtig langweilig sie überhaupt zu besuchen. Aber heute will ich ihr eine Geschichte vorlesen, so wie sie es früher für mich getan hat.“
Muna nimmt Adrian bei der Hand und fragt: „Bitte, darf ich mit kommen zu deiner Grossmutter und dir zuhören?“
Dabei strahlt sie ihn erwartungsvoll an.

Bald sitzen die beiden auf zwei Stühlen neben Grossis Bett. Muna ist zuerst etwas erschrocken, als sie die dünne, fast unscheinbare Frau mit dem blassen, hageren Gesicht in dem grossen Bett mit den vielen Kissen gesehen hat. Sie liegt einfach da, hat die Augen geschlossen und nur der sich leicht hebende Brustkorb zeigt, dass sie lebt.

„Meinst du, dass sie uns hört“, fragt Muna flüsternd.
„Ich weiss es auch nicht“, flüstert Adrian zurück. „Sie sieht jetzt ganz anders aus als früher – viel kleiner und dünner. Ich erkenne sie fast nicht mehr. Aber trotzdem ist es noch mein Grosi, weisst du?“
Muna nickt und beide sitzen einen Moment still auf ihren Stühlen.

„Soll ich nun etwas vorlesen, was meinst du?“
„Au ja, bitte!“ sagt Muna leise und ihre grossen, staunenden Augen schauen ihn wieder so an, wie letzthin in der Aula.
Adrian zieht das dicke Weihnachtsbuch aus der Plastiktasche und blättert die Seiten um.
„Daraus hat mir Grosi früher immer vorgelesen“, flüstert Adrian.
„Ich suche nun meine Lieblingsgeschichte, die vom 'Heiligen Abend'
Adrian blättert noch ein paar Seiten um und dann hat er die Geschichte gefunden.

„Der Weihnachtsabend“ beginnt Adrian mit der Überschrift.

„Am vierundzwanzigsten Dezember durften die beiden Kinder nach dem Mittag nicht mehr in die Stube hinein. Man sollte damit das Christkind, wenn es denn Geschenke brachte dabei nicht stören.
So waren Fritz und Marie draussen im Garten oder warteten in ihren Zimmern bis die Abenddämmerung eingebrochen war. Fritz schlich auch immer wieder leise vor die Wohnzimmertüre, versuchte vergebens durch das wohl verhängte Schlüsselloch zu spähen und erzählte dann, der etwas ängstlicheren, jüngeren Schwester (sie war eben erst fünf Jahre alt geworden) wie er in der verschlossenen Stube ein ungewöhnliches wispern, rauschen und rasseln und, ein leises pochen gehört habe. Dann berieten die beiden Kinder hin und her, was die Geräusche wohl zu bedeuten hätten und ob das Christkind bereits am Werk war. Fritz, der zwei Jahre älter war und bereits einige Monate in die Schule ging, hatte dort auch schon von der Möglichkeit gehört, dass es gar kein Christkind gäbe und es Vater oder Mutter selbst seien, die die Geschenke unter den Christbaum legten. Aber Marie lehnte diese Vermutung vehement ab und auch Fritz wollte das Risiko nicht eingehen, vor dem Abend die Wohnzimmertüre zu öffnen und allenfalls das Christkind unverrichteter Dinge zu vertreiben.
Es war inzwischen ganz finster geworden. Fritz und Marie hielten die Spannung fast nicht mehr aus, wagten kaum noch ein Wort zu reden und es war ihnen als rausche es nun mit linden Flügeln um sie herum und im ganzen Haus. Auch meinten sie einmal eine ganz feine, aber sehr herrliche Musik, wie von himmlischen Chören, zu vernehmen und Marie war sich gewiss, einen hellen Schein vor dem Fenster vorbeihuschen gesehen zu haben. Da wussten die Kinder, dass nun das Christkind auf einer glänzenden Wolke fortgeflogen war – zu andern glücklichen Kindern – und alle Zweifel an dessen Existenz unberechtigt waren.

In dem Augenblick hörten sie den silberhellen Ton eines Glöckleins: Klingling, klingeling, klingelingeling!  Das war das langersehnte Zeichen, das dem schier unendlichen Warten ein Ende bereitete. Die beiden Kinder rannten jetzt aus ihren Zimmern und zusammen mit Mutter und Vater durfte Fritz endlich die Türe zur weihnachtlichen Stube öffnen.
Mit einem gemeinsamen „Ah!“ und „Oh!“ blieben alle wie erstarrt auf der Schwelle stehen.
Jeder soll nun selber, aus seiner Erinnerung, sich vorstellen, welch ein überwältigender Lichterglanz die leuchtenden Augen der Betrachter überflutete und aus dem geöffneten Mund der kleinen Marie ein entzücktes: "Ach wie schön – ach wie wunderschön", vernehmen liess und sogar der Mutter, die das alles so gestaltet hatte, einen tiefen Seufzer entlockte.

In der Mitte des Raumes stand der grosse Tannenbaum, behängt mit glänzenden, farbigen Kugeln, silbernen Zapfen, goldenen Sternen, glitzernden Engeln, einem Weihnachtsmann, einem Fliegenpilz, verschiedenen kleinen Tieren und anderen dekorativen Figuren aus feinstem verspiegeltem Glas.
Nebst den Licht und Wärme spendenden Kerzen war die Äste des schönsten Baumes des Jahres auch mit allerlei in farbiges Stanniol verpackten Figürchen aus Schokolade, bunten Bonbons und was es sonst noch für schönes Naschwerk gibt, geschmückt. Silberfarbenes Lametta symbolisiert am Weihnachtsbaum Eiszapfen und feines goldenes „Engelhaar“ zeigte auch dem grössten Skeptiker, dass himmlische Boten vor kurzem diese Pracht gebracht haben müssen.

Unter dem Baum glänzte alles sehr bunt und herrlich – da lagen die grossen und kleinen Geschenke, fein säuberlich in farbig bedrucktes Papier geschlagen und mit edlen Bändern und Schleifen verziert – ja, wer hätte das zu beschreiben vermögen!“


Adrian musste tief Luft holen.
Immer wieder, wenn Grossmutter ihm diese Geschichte vorgelesen hatte oder auch jetzt gerade, überwältigte ihn die Vorstellung des eigenen weihnachtlich geschmückten Wohnzimmers am 'Heiligen Abend'.

„Ach, das möchte ich auch einmal erleben“, seufzt nun auch Muna ganz ergriffen.
„Eure Weihnachten ist so schön, schade, dass wir das Fest nicht auch so feiern. Ich würde das so gerne auch einmal sehen.“
„Ja“, sagt nun Adrian immer noch gerührt. „Genau so sieht es bei uns heute Abend aus“, und er zeigt mit dem Finger auf das Bild, das in pastellen Farben die vorhin beschriebene Weihnachtsstube mit der unter der Türe stehenden, staunenden Familie zeigt.
„Nur das Mädchen hier, das fehlt bei uns – und Grossmutter in diesem Jahr ebenfalls.

Für einen Moment sitzen die Beide andächtig auf ihren Stühlen, während Adrian mehrmals die Luft schniefend durch die Nase zieht und ab und zu verstohlen mit dem Ärmel über die Augen fährt.
Muna nimmt ihn tröstend bei der Hand, also ob sie noch Maria wäre.

Plötzlich springt Adrian auf:
„Dann komm doch einfach mit zu uns“, ruft Adrian und vergisst dabei, dass er wegen der kranken Grossmutter bisher nur geflüstert hatte. Aber Adrian ist nun von seiner Idee ganz begeistert. „Ich bin sicher, dass Mutter nichts nicht dagegen hat und jetzt wo Grossmutter......

In diesem Moment öffnet sich schwungvoll die Zimmertüre und eine gedämpfte Stimme ruft aufgeregt:
„Munawwara! Ich habe dir doch verboten in die Zimmer..... Ach, du bist hier, Adrian.“
Frau Mushkulaj steht unter der Türe und schaut ziemlich böse ins Zimmer. Adrian hat sie zuerst fast nicht erkannt, denn sie hat ihre dunklen Haare hinten zusammen gebunden und trägt die weissgelbe Arbeitskleidung des Pflegepersonals. Zudem verändert sie vor allem auch die dunkelrandige Brille, die ziemlich weit vorne auf ihrer schmalen Nase sitzt und über deren Rand sie nun ganz freundlich lächelnd auf Adrian blickt.
„Das ist aber schön, Adrian, dass du deine Grossmutter heute besuchst. Das freut sie ganz bestimmt.“
„Glauben sie, dass sie es überhaupt merkt, Frau Mushkulaj?“, fragt Adrian vorsichtig. „Mutter sagt, sie sei jetzt in einer anderen Welt.“
„Da hat deine Mutter sicher recht, Adrian. Deine Grossmutter ist mit ihren Gedanken nicht mehr immer hier, geistig abwesend sagt man auch. Aber ich glaube, dass sie trotzdem hört oder zumindest spürt, was hier geschieht und geredet wird. Schau nur einmal, wie friedlich sie daliegt. Ich bin überzeugt, dass es sie freut, dass du sie besuchst.

„Mami, Adrian hat mich für heute Abend zur Weihnachtsfeier bei ihm Zuhause eingeladen“, sagt nun Muna ganz aufgeregt. „Darf ich mitgehen, bitte, bitte? Ich komme auch bald wieder zurück, ganz bestimmt. Ich möchte nur einmal in diese Weihnachtsstube schauen.“

„Nein  Munawwara, das geht bestimmt nicht“, winkt Frau Mushkulaj entschieden ab. Die Arnold's feiern heute ihr Weihnachtsfest. Das ist ein grosses Familienfest, da kommen bestimmt viele Verwandte und Freunde und da wollen sie sicher nicht noch ein fremdes Mädchen dabei haben.
Muna setzt sich enttäuscht wieder auf den Stuhl.
„Es kommen bei uns gar keine Verwandten und Freunde heute Abend, Frau Mushkulaj. Wir feiern ganz alleine und jetzt ist nicht einmal mehr Grossmutter dabei. Ich bin ganz sicher, dass meine Eltern nichts dagegen hätten, wenn Muna bei uns wäre! Ich wäre sogar froh, denn dann könnten wir noch etwas spielen, bis es dunkel ist und die Zeit, bis der 'Heilige Abend' beginnt, wäre nicht mehr so langweilig.“

„Ja und für mich auch nicht, wenn du bis zehn Uhr arbeiten musst und ich dann hier alleine auf dich warten muss“, wehrt sich nun auch wieder Muna mit grossgemachten Augen ganz euphorisch. Durch Mutters unterdrücktes Lachen, das ihr nicht entgangen ist, schöpft sie nun auch wieder etwas Hoffnung.
„Ich weiss nicht...“ sagt nun Frau Mushkulaj unsicher.
„Wir können sie ja anrufen und sie fragen“, Adrian macht bereits einige entschlossenen Schritte auf Munas Mutter zu.
„Ach, ich weiss wirklich nicht“ überlegt diese aber noch immer.
Ein mehrfach pfeifender Ton unterbricht die Situation und Frau Mushkulaj greift in die Tasche ihres Arbeitskittels. Nach einem Blick auf das Display des Gerätes sagt sie rasch: „Wartet hier, ich muss schnell weg“ und schon ist sie verschwunden.

„Ach, das wäre schön, wenn du mitkommen dürftest“, sagt Adrian. „Ich bin ganz sicher, dass meine Eltern nichts dagegen haben würden. Du hast ihnen bei der Aufführung als Maria so gut gefallen. Du seist ein „härziges“ Mädchen, haben sie auf dem Heimweg gesagt und deine Eltern seien auch sehr nett.“
Muna sagt nichts dazu, aber sie schaut Adrian wieder so komisch an. Ihre Augen strahlen und man könnte meinen, es sei bereits 'Heiliger Abend'.

„Soll ich noch etwas weiter lesen?“ Muna nickt.

„Fritz und Marie schielten nun besonders auf die vielen Pakete, die den mit Wasser gefüllten, gläsernen Schuh des Christbaumes vollständig überdeckten. Man versuchte anhand von Form und Grösse zu erahnen, was sich darin verbergen könnte.
Ein wenig Geduld mussten die beiden aber noch haben.
Denn zuerst las die Mutter aus der alten in Leder gebundenen Familien-Bibel einige Verse aus der Weihnachtsgeschichte, die da begann:

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.....  und jedermann ging, dass er sich schätzen liesse, ein jeglicher in seine Stadt.
Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heisst Bethlehem.... auf dass er sich schätzen liesse mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die ward schwanger. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, da sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge......

Danach sagten die beiden Kinder brav einen kurzen Vers auf, vielleicht: „Advent, Advent, ein Lichtlein brennt!“ oder ein lange eingeübtes, klassisches Weihnachtsgedicht, wie: „Markt und Strassen stehn verlassen, Still erleuchtet jedes Haus...,“ von Joseph von Eichendorff.
Jedes vorgetragene Gedicht wurde gelobt und erntete manchmal auch Applaus, wenn es besonders gut und ohne zu Stocken vorgetragen wurde.

Darauf wurden noch ein paar bekannte Weihnachtslieder gesungen, wie „O du fröhliche, o du selige“ oder „Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum“, „Ihr Kinderlein kommet“ oder „Stille Nacht, heilige Nacht“.
Dann wünschte man sich gegenseitig „Fröhliche Weihnachten" und endlich durften die Geschenke ausgepackt werden.
Das zu Beschreiben überlasse ich der Erinnerung eines jeden einzelnen, denn diese inneren Bilder begleitet einem fortan unauslöschlich ein Leben lang.
Nach der Bescherung wurde gegessen: Karpfen mit Meerrettichschaum, Petersilienkartoffeln und heisser Butter und gegen Mitternacht ging man wie jedes Jahr zur heiligen Christmesse.


„Bravo Adrian, du kannst wunderbar lesen.“ Frau Mushkulaj ist unbemerkt ins Zimmer getreten und hat schon eine Weile zugehört. „Das hat deiner Grossmutter sicher sehr gut gefallen.
„Also, wegen heute Abend: wenn die Eltern von Adrian es erlauben, dann bin ich auch einverstanden und Muna darf dich nachher nach Hause begleiten.
„Au ja“, die beiden Kinder klatschen vor Freude in die Hände.
„Aber zuerst rufen wir bei dir Zuhause an und .....
Frau Mushkulaj hört mitten im Satz auf zu reden, denn aus Grosi's Bett vernimmt man nun kaum hörbar mit dünner Stimme:
„Stille Nacht! Heilige Nacht!
Alles schläft, Einsam wacht“
Mit geschlossenen Augen und kaum die Lippen bewegend singt Adrians Grossmutter langsam die erste Strophe dieses Weihnachtsliedes und entschwindet danach mit einem seligen Lächeln im Gesicht wieder in ihre eigene Welt.

Starr und unbeweglich hören die drei im Zimmer stumm zu. Adrian ist zuerst etwas erschrocken, dann aber überwiegt die Freude.
„Ds Grosi singt! Grossmutter singt! – Sie hat uns gehört, sie hat meine Geschichte gehört!“, jubelt er, vor Aufregung immer lauter flüsternd.
Auch Frau Mushkulaj ist sichtlich gerührt und drückt die beiden Kinder an ihren Schoss.
„Ja, Adrian, das ist wunderbar, sie hat dein Vorlesen gehört.“

Kurz darauf hat Adrian seine Mutter angerufen und nachdem er ihr atemlos erzählt hat, dass Grossmutter gesungen hat, hat er sie dann gefragt und sie hat sofort zugestimmt. Nachdem noch Frau Mushkulaj mit ihr gesprochen hat, hat auch sie zugestimmt und versprochen, Muna nach der Arbeit dort abzuholen, weil auch sie noch von Frau Arnold zu einem Kaffee eingeladen wurde.

So wurde dieser erste „Heilige Abend“ ohne seine Grossmutter, für Adrian doch noch zu einem seiner schönsten Weihnachtserlebnisse.

© Copyright by Herr Oter 22. Dezember 2013






;)

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Ach so schön!!! Zu Tränen gerührt T.O.&O.

Herr Oter hat gesagt…

Schon gelesen? Super schnell, meine Schwester.

Herzlichen Dank fürs Lesen, Kommentieren und Teilen.

Ich wünsche Dir noch einen ganz gemütlichen 4. Advent

Gruss Re

Beate hat gesagt…

Schöön, nichts mit Lichtergirlanden und Weihnachtsgedudel, sondern, mit ganz viel Herzenslicht.

rotzloeffel hat gesagt…

Wow, sehr schööön.
Und ich weiß gar nicht wie ich´s genauer beschreiben soll. Vielleicht auch so, wie Beate vor mir: ......mit ganz viel Herzenslicht! ;-)

Einfach nur schööön.....
Ein gemütlichen Adventssonntag noch,
Löffelchen

Herr Oter hat gesagt…

@Beate:
So ist es mir bedeutend lieber.

@rotzlöffel:
Herzenslicht, Anteilnahme und etwas Sinnlichkeit wären aus meiner Sicht in diesen Tagen wichtiger, als Kommerz, Firlefanz und kitschiger Weihnachts-Schnickschnack.

Ausgenommen natürlich, wenn es um Kinder geht, dann gehört doch eine "beeindruckende" Weihnachten einfach dazu.

Ich danke Euch beiden, für die Zeit,die ihr meinem Blog "geschenkt" habt.
Ich wünsche Euch einen beschaulichen Sonntagabend.
Gruss Resunad

chat noir hat gesagt…

Schau hier:
http://felissilvestris.blogspot.de/2013/12/der-alte-mann.html

Adventsgrüße von der schwarzen Katze, die sich ein sauberes Taschentuch holen und noch ein wenig weiter weinen muss.

Herr Oter hat gesagt…

Herzlichen Dank, liebe schwarze Katze.

Es tut mir leid, dass diese erfundene Geschichte, Deiner aktuellen Situation nahe kam und Dich darum stark berührt hat.
Ich habe ja ähnliches auch schon erlebt und weiss darum, wie belastend es ist.

Ich wünsche Dir einfach ganz viel Kraft, guten Mut und trotzdem besinnliche und fröhliche Feier- und Festtage.


"Das Leben ist ein Weg, manchmal geht's bergauf, manchmal auch begab.
Das Ziel ist – dieser Weg.
Welchen Sinn er macht, wissen wir vielleicht erst, wenn wir ihn zu Ende gegangen sind.


Liebe Grüsse
Resunad

chat noir hat gesagt…

Vielen Dank, lieber Resunad, auch für Deinen Kommentar bei mir. Es muss Dir nicht leid tun, die Geschichte ist sehr schön und voller wirklichem Leben. So soll es sein.
Hängen in diesem Jahr in Deinem Weihnachtsbaum wieder Teddybären? Das hat mich im vergangenen Jahr schwer beeindruckt!
Dir und Deiner Familie wünsche ich auch schöne Weihnachten mit Lichterglanz und Kekskrümeln in jeder Sofaecke! Grüße zurück von Frau Noir

Herr Oter hat gesagt…

Ich muss schmunzeln, Frau Noir :) Diese Teddybären – sie faszinieren, irgendwie (ich glaube vor allem Frauen).
Ich habe gerade heute Abend die Bilder der diesjährigen Weihnachtsbäume mit meinen Arbeitskolleginnen ausgetauscht. Alle sehr unterschiedlich, aber die Bären sorgten wieder am meisten für Kommentare.
Jetzt frage ich mich schon, sind sie aussergewöhnlich oder sind sie es nur bei mir (weil Mann, älter usw.)

So oder so, sie bleiben, denn wir habe Spass an ihnen und nun, da ich Grossvater geworden bin, erst recht ;)

Liebe Grüsse und gute Nacht
Resunad