.

Mittwoch, 9. Dezember 2015

Alex, der kleine Ausreisser



Alex, der kleine Ausreisser
Eine weitere Adventsgeschichte für meine diesjährigen Lesungen
im Adventskaffee des Altersheims
(Blog-Version) 


Benno ist auf dem Heimweg von der Arbeit. Es war wieder ein harter Tag heute. Einmal mehr konnte er ihnen nichts recht machen, obschon er sich alle Mühe gegeben hat. Er ist nun mal nicht mehr so schnell und beweglich, seit seinem Unfall. Aber das wussten sie, als sie einstellten, schliesslich zahlt die Versicherung mehr als die Hälfte von seinem Lohn.

Trotz der schwierigen Umstände ist Benno froh um diese Arbeit. Sie gibt im Lebenssinn und ermöglicht Eigenständigkeit – eine eigene kleine Wohnung und ein selbstbestimmtes Leben. Die Alternativen wären eine Behindertenwerkstätte und ein Wohnheim.

In der Adventszeit, ist im Geschäft eben auch immer sehr viel los. Besonders jetzt, während den Tagen des bekannten Weihnachtsmarktes. Der zieht immer sehr viele Leute an, man merkt es an den langen Busreihen, die auf beiden Seiten die Zufahrtsstrasse zum Städtli säumen.

Benno biegt jetzt mit seinem Gefährt in die Altstadt ein. Er wäre froh, wenn er dort schon durch wäre. Dieses Gedränge, dieser Lärm und die fröhlichen Gesichter überall, die sofort auf Bedauern wechseln, wenn sie ihn sehen, erträgt er nur schwer.
Aber Benno kommt nicht voran. Die Leute stehen in dichten Reihen vor den Ständen mit dem Weihnachtsschmuck, den Süssigkeiten, dem Ramsch und den Verpflegungsbuden.
“Jedes Jahr das Gleiche“, denkt Benno und versucht eine Lücke zu finden.

Pressieren muss er zwar nicht, denn es wartet ja sowieso niemand Zuhause. Im Gegenteil, alleine in den vier Wänden wird er manchmal nur noch trauriger.
Denn gerade an solchen Tagen vermisst Benno seine Eltern besonders. Sie haben das Unglück nicht überlebt. Hatte er nun Glück …?
Gerne hätte er auch eine Freundin gehabt, schliesslich ist er bald dreissig. Aber die Frauen wollen keinen Krüppel. Mit denen kann man hier auf dem Weihnachtsmarkt ja nicht prahlen.

Die Wut in Benno steigt wieder hoch. Er muss hier weg, und zwar sofort! 

Er kann die glücklichen und erwartungsvollen Gesichter hier einfach nicht mehr ertragen. Die Erinnerung an Familien unter dem Tannenbaum, Weihnachtslieder und Kinderlachen, all das schmerzt, für ihn ist das Vergangenheit.
Aber die verfluchte Menschenmenge vor ihm … am liebsten würde er … Benno drückt den Hebel auf Vollgas!

Da, ein kleiner Hund. Direkt vor Benno. Er zieht heftig an der Bremse und bleibt wenige Zentimeter vor dem armen Tier stehen.
„Wer nimmt denn auch so einen kleinen Hund mit in dieses Gedränge“, denkt Benno, „vielen Tierhaltern fehlt einfach das Gefühl für Tiere.“
Der Hund rührt sich nicht von der Stelle. Zitternd hockt er dort und schaut sich unsicher um. Er scheint seine Herrschaft verloren zu haben.

„Der hat doch Angst“, denkt Benno und fährt etwas zur Seite.
Von dort aus beobachtet er den kleinen Kerl, sieht aber niemanden, der sich um das Tier kümmert. Alle gehen vorbei, konzentriert auf die Auslagen der Stände.
„Ein lustiger Hund“, denkt Benno.
Schwarzgrau mit wunderschönen, schnauzertypischen Augen. Darüber ein 'Pony', die langen Haare reichen zwischen den braunen Augen bis auf die Nase. Der kleine Kerl hat ein rauhaariges, glänzendes Fell.
„Gut gepflegt, der Kleine“, stellt Benno fest.
Er kennt sich aus mit Hunden – früher hatten sie Zuhause einen Jack Russel. Aber der musste nach dem Unfall weggegeben werden, er konnte ihn nicht in die Reha und die Eingliederungsstätte mitnehmen.

Der Schnauzer scheint nun Benno ebenfalls aufmerksam zu beobachtet. Er neigt den Kopf etwas auf die Seite und schaut neugierig zu Benno in seinem sperrigen Gefährt.

„Können sie nicht weiterfahren, sie blockieren ja alles!“ Ein etwas übergewichtiger Mann, nobel gekleidet, stösst mit dem Fuss ungeduldig an seinen Elektro-Rollstuhl.
„Was müssen solche auch hierher kommen?“ regt sich der bald Sechzigjährige weiter auf. Die viel zu Junge, die an seinem Arm hängt, schüttelt zustimmend den Kopf und schaut Benno feindselig an.

„Entschuldigung!“, sagt Benno kleinlaut und gibt Gas. Er kommt gerade mal zwei Meter weiter. Während er wieder wartet, spürt er plötzlich etwas Feuchtes an seiner Hand. Der Vierbeiner leckt ein paar mal seine Hand.
„Was machst denn du da?“ fragt Benno. Der Kleine spitzt seine Ohren, legt den Kopf wieder schief und wedelt heftig mit dem Schwanz.

Wieder wird Bennos Gefährt geschubst und er muss sich auf die Strasse konzentrieren. Zum Glück kommt er jetzt in die Querstrasse, da ist es ruhiger und Benno kann im gewohnten Tempo weiterfahren.
Der kleine Hund trottet immer noch neben ihm her. Benno hält an und streicht durch sein feuchtes Fell. Der Hund legt eine Vorderpfote auf Benno Oberschenkel.
„Du kannst nicht mitkommen, Kleiner. Geh zurück, jemand wird dich sicher vermissen.“
Wie gerne hätte Benno wieder einen solchen Begleiter gehabt. Aber sein Beistand erlaubt es ihm nicht.
 „Ein Hund macht zu viele Umstände – schau, dass du selber zurechtkommst!“, hatte er entschieden.

Benno gibt wieder Gas und biegt in die Hintergasse ein. Nach einer Weile schaut er zurück und sieht, dass der Hund ihm weiterhin mit etwas Abstand nachläuft.
„Geh zurück, geh nach Hause oder mach, dass du sonst fort kommst, hast du verstanden?“
Der Hund dreht den Kopf und wendet sich leicht ab – wieder ein typisches Zeichen der Zuneigung.
„Hau ab, du blöder Kerl, ich kann dich doch nicht haben!“
Benno ist den Tränen nahe, dreht sich um und gibt wieder Vollgas.
„He, he spinnst du!“, beinahe hätte er jemanden umgefahren.

Ohne sich nochmals umzudrehen, fährt Benno bis vor seine Haustüre. Er hat sich bald wieder beruhigt.
Kurze darauf stellt sich auch der kleine Hund wieder neben den Rollstuhl.
„Bist du immer noch da? Du bist aber ein hartnäckiges Kerlchen …!“
Benno lehnt sich seitlich aus dem Stuhl und zieht den Hund am Halsband zu sich.
„Entschuldige bitte, du bist ja sicher ganz ein lieber Kerl.“
Freundschaftlich tätschelt der junge Mann den Hund.
„Du zitterst ja – Angst oder Kälte?“
„Vermutlich beides“, denkt Benno.
„Was machen wir jetzt mit dir?“
Der kleine Schnauzer legt seinen Kopf wieder schief und schaut den Mann im Rollstuhl interessiert an, als erwarte er eine Antwort.
„Du gehörst doch sicher jemandem, ich kann dich doch nicht einfach mit zu mir hinauf nehmen.“
Der Hund scheint anderer Meinung zu sein, denn er springt einfach auf Bennos Schoss. Der schaut sich vorsichtig um, kein Mensch weit und breit. Es ist inzwischen auch völlig dunkel geworden.
Der Kleine schaute ihn mit seinen treuen Hundeaugen an. Das erweichte schliesslich Bennos Herz.

„Also gut, für eine Nacht“, sagt Benno, „und morgen gehst du wieder nach Hause, verstanden!“
Der kleine Vierbeiner schaut Benno treuherzig an, macht „Wuff!“ und springt unternehmungslustig wieder zurück auf den Boden.
„In diesem Fall müssen wir zuerst noch etwas Futter für dich besorgen, komm!“

Im nahen Laden nimmt Benno das kleinste Säckchen Hundefutter, dazu einen Napf und eine ausziehbare Leine. „Er wird ja auch mal raus müssen“, denkt Benno.
Vor dem Bezahlen schaut er vorsichtshalber nochmals durch das Ladenfenster, ob der kleine Ausreisser noch auf ihn warte. Und tatsächlich, der Hund steht artig vor der Ladentüre und wedelt heftig mit dem Schwanz, sobald er Benno am Fenster sieht.

Es bleibt nicht bei einer Nacht. Alexander, so nennt Benno den Hund inzwischen, wohnt nun schon über eine Woche bei ihm.
Sie sind richtig gute Freunde geworden. Täglich geht Benno mit Alexander dreimal spazieren. Er hat dazu im Geschäft extra eine halbe Stunde mehr Mittagszeit verlangt. Es macht ihm inzwischen auch keine Mühe mehr, vom Rollstuhl aus den Hundekot aufzusammeln.
So glücklich ist Benno seit seinem Unfall nicht mehr gewesen. Der lustige Hund tut ihm richtig gut – gerade jetzt in der Adventszeit, die sowieso immer etwas schwierig für Benno ist. Er freut sich auf jeden neuen Tag mit dem Tier.
Auch bei der Arbeit geht es besser. Die Hetzerei hat zwar nicht abgenommen, aber sie macht ihm weniger aus und die Sticheleien des Chefs überhört er einfach. Da denkt er lieber an seinen Hund und freut sich auf das Zuhause. Denn dort wartet jetzt jemand auch auf ihn. Endlich! Endlich hat auch er einen richtigen Freund.

Über die Herkunft des Hundes macht sich Benno inzwischen keine Gedanken mehr. Anfangs fragte er noch herum. Auch in der Zeitung fand er nichts und beim Gemeindehaus war nichts angeschlagen. Niemand scheint den Hund zu vermissen. Alexander ist das recht, auch wenn er genau weiss, dass es eigentlich nicht so sein kann.

So erstaunt es ihn nicht wirklich, als er drei Tage vor Weihnachten den Aushang bei der Ladenkasse sieht:
VERMISST! Steht dort in grossen Lettern. Darunter ein Bild von Alexander. Dazu eine kurze Beschreibung des Hundes und eine Adresse aus dem Nachbardorf – alles von Kinderhand geschrieben.

Benno stellt den grossen Hundefuttersack traurig wieder zurück ins Regal. Dabei hat er Tränen in die Augen. Aber er muss den Hund sofort zurück geben, daran gibt es keinen Zweifel. Wie hatte doch er gelitten, als man ihm damals, nach Mutter und Vater, auch noch seinen Hund wegnahm. Nein, das kann er keinem andern Kind antun, auch wenn es ihm fast das Herz bricht.

Auch Alexander spürt die Veränderung und weicht an diesem Abend keinen Schritt von Bennos Seite. Immer wieder legt er seine Schnauze  auf Bennos Knie und schaut ihn aufmerksam an, während der ihm nachdenklich durch sein drahtiges Fell streicht und fast verzweifelt.

Am anderen Morgen, es ist der Samstag vor Heilig Abend, machen sich die beiden auf den schweren Weg. Sie fahren mit dem Bus ins Nachbardorf, die Adresse liegt ziemlich ausserhalb.
Das alte, aber gepflegte Holzhaus und der kleine Garten liegen prächtig in der Wintersonne. Die grünen Fensterläden und die schlichte Weihnachtsdekoration vor den spiegelnden Fenstern machen einen einladenden Eindruck. Ein niedriger Scherenzaun umsäumt das Anwesen.
„Da also wohnst du?“ Benno möchte am liebsten sofort wieder umkehren.
Aber der Hund rennt schwanzwedelnd und bellend auf das Gartentor zu und wieder zurück.
Da wird die Haustüre aufgerissen und ein etwa achtjähriger Bub rennt mit einem Freudengeheul ins Freie.
Rex, Rex! – Rex!
Der Hund macht rechts und kehrt und rennt jaulend und bellend zu dem Kind hin. Dabei schwingt der Hund mit seiner Hüfte, als ob der Hund am Schwanz, statt umgekehrt, hängen würde. Bald tollen die beiden im Schnee und das Geheule mischt sich mit dem Gejaule. Dann löst sich der Hund wieder vom Knaben und rennt zu Benno zurück – hin und zurück – der Hund kann sich nicht entscheiden, bei wem er stehen bleiben soll.

Inzwischen ist auch eine junge Frau unter die Türe getreten.
„Hallo, guten Tag.“ Sie kommt ins Freie und Benno fährt zu ihr hin.
„Ich bringe Alexander, äh Rex – ich meine den Hund da. Ich habe ihn auf dem Weihnachtsmarkt im Städtli gefunden, er ist mir einfach nachgelaufen und so habe ich ihn halt bei mir behalten. – Ich wusste ja nicht … also, entschuldigen sie, ich habe den Aushang erst gestern Abend gesehen. Da ist noch etwas Hundefutter.“
Benno streckt der jungen Frau trotzig das fast leer Säckchen mit Hundefutter hin.
„Ich brauche es ja jetzt nicht mehr“.

Die sympathische Frau nimmt das Säckchen mit einem Lächeln entgegen.
„Ganz herzlichen Dank! Wir sind so froh, dass Rex wieder da ist“
Dabei gibt sie Benno die Hand, ein fester, warmer Händedruck.
Auch der kleine Junge, von unten bis oben voll mit Schnee, kommt jetzt zum Rollstuhl und schlingt beide Arme ganz fest um Bennos Hals.
„Danke, danke!“, keucht er. „Das ist das schönste Weihnachtsgeschenk, dass mein Rex wieder da ist. Ich hatte solche Angst um ihn.“
Der Kleine umarmt wieder seinen Hund, der sich kaum beruhigen kann.

Die junge Frau wischt Benno vorsichtig den Schnee vom Kragen und bittet den jungen Mann ins Haus. Beim Kaffee erfährt Benno, dass der Hund beim Ausführen plötzlich einem Hasen nachrannte und nicht mehr zurück kam. Stundenlang hätten sie den kleinen Ausreisser gesucht – zuerst nur hier im Ort Zettel aufgehängt – aber der Hund sei verschwunden geblieben.
Michael, so heisst der Knabe, hätte schrecklich darunter gelitten, viel geweint, nicht mehr richtig gegessen und sich auch nicht mehr auf Weihnachten gefreut. Nur noch seinen Rex wollte er haben – aber nun sei ja alles gut. – und er, Benno, sei nun so etwas wie der Weihnachtsmann.
Liebevoll drückt der kleine Michael, der die ganze Zeit neben Benno sitzt, den Kopf an Bennos Arm und der strahlt über das ganze Gesicht. Er hat den Buben sofort ins Herz geschlossen.

Benno ist an diesem Tag noch lange geblieben. Er wurde zum Mittagessen eingeladen, dann musste er das Häuschen bestaunen und am Nachmittag hat er mit der jungen Mutter noch lange am Küchentisch geplaudert. Man verstand sich auf Anhieb.
Auch sie hat es nicht einfach, der Vater des Buben hat sie schon lange im Stich gelassen. Michael ist leicht autistisch und darum ist der aufmerksame Hund mit seinem Temperament, das mit bedächtiger Ruhe gepaart ist, für den Jungen so sehr wichtig. Der Kleine brauchte eben viel Zuwendung und Geduld. Auch Bezugspersonen und Spielkameraden wären wichtig. Doch so abgelegen wie sie wohnen, ist das nicht so einfach. Zudem findet man hier im Hinterland als Zugezogene mit fremdem Dialekt nicht so schnell Kontakt. Benno kann das gut verstehen.
Doch sie will gar nicht jammern, das Schicksal von Benno macht sie tief betroffen. Gerne will sie sich ein wenig um ihn kümmern, wenn er einverstanden ist. Auch für Michael wäre der Umgang mit Benno ein Gewinn. Denn Benno hat nicht nur ein Gespür für Hunde, sondern auch für Kinder, das hat Ruth schnell gemerkt.
Benno ist überglücklich. Niemals hätte er am Morgen gedacht, dass er sich am Nachmittag so wohl und geschätzt fühlen würde.

Natürlich wird Benno zum morgigen Heiligen Abend eingeladen. Das Gästebett stehe für ihn bereit, damit er zumindest über die Weihnachtstage ein richtiges Zuhause habe.

Aber wie soll man nun den kleinen Ausreisser in Zukunft rufen? Alexander oder Rex? Michael entscheidet sich für Alex.
Währenddessen verfolgt der kleine Hund von seinem Körbchen aus alles ganz genau. Er ist mit dem Ausgang der Geschichte sehr zufrieden  – ja, er ist sogar überzeugt, dass gerade er, besonders viel um glücklichen Ende beigetragen habe.

© Copyright Herr Oter (Dezember 2015)


Eine schweizerdeutsche Lesefassung für den privaten Gebrauch 
kann auf Anfrage bei mir bezogen werden.


© Copyright Bild-Autor: Tatiana Chessa /  Lizenz: CC 3.0/CH / aus Wikimedia Commons




:)

Kommentare :

T.O. and O. hat gesagt…

Mmm wider sone Nastüechli-Gschicht! 😊 Hend sicher alli grääget wo si vorgläse hesch...

Herr Oter hat gesagt…

Danka für's Kompliment.
Nein sie haben nicht geweint, meine treuen ZuhörerInnen sind inzwischen ziemlich 'wasserfest':)
Liaba Gruass