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Donnerstag, 22. September 2011

Marie


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Marie

Liebe, wie sie heute zu Nachkommen üblich sei, habe sie als Kind nie erfahren, sagt die fast neunzigjährige Marie, als ich sie im Alterszentrum, wo sie seit Kurzem wohnt, besuche.
Als Älteste von dreizehn Kindern habe sie schon sehr früh vor allem Arbeit und Verantwortung gekannt. Sie könne sich kaum erinnern, dass sie einmal nicht auf jüngere Geschwister habe aufpassen müssen, sei es auf dem anderthalbstündigen Schulweg, beim Vieh hüten oder beim Sammeln von Beeren, Pilzen, Kräuter und anderem Essbarem, das die Natur hergab. Auch hätten sie sich selten satt essen können - einteilen und beiseitelegen für die damals noch viel strengeren Winter, seien wichtig gewesen. Das, und das ständig fehlende Geld, liessen immer nur das Notwendigste zu.
Freizeit gab es kaum, meistens hätten Haus-, Stall-, Feld- oder Handarbeiten gemacht werden müssen. Denn, „Zutun gab es immer - und Kinder waren, aus heutiger Sicht, vor allem dazu da, Arbeiten zu übernehmen und mitzuverdienen, sobald sie dazu imstande waren.“
Aber schlimm sei das damals für sie nicht gewesen. Denn alle, die sie kannte - in diesem, damals als ärmste Gegend der Schweiz geltenden Hochtal - hätten es nicht besser gehabt.
Man kannte einfach nichts anderes“.
Allen sei es so ergangen, ausser den paar wohlhabenden „Studierten“, die geachtet waren oder den jämmerlichen Krämerseelen, die zwar bewundert, aber zugleich verachtet wurden, weil sie Trunksucht, Krankheiten und familiäres Leid gnadenlos ausnutzten und schlussendlich den mausarmen Bauern in den schlimmen Jahren zwischen den Kriegen, die Höfe für ein Butterbrot abluchsten.

Die übelste Erinnerung an ihre Kindheit, vermutlich sogar die schlimmste Erfahrung ihres Lebens war, als ein plötzliches Unwetter mit anhaltendem Platzregen, sie und ihre Geschwister beim Hüten der kleinen Vieherde auf einem Weideplatz, weit weg des abgelegenen Heimathofes überraschten.
In ganz kurzer Zeit verwandelte sich ein friedliches Wiesenbächlein, das querend oberhalb des kleinen Heustalls die von Wald gesäumte Matte durchfloss, in einen reissenden Wild-Bach. Schon bald riss beidseitig des kleinen Unterstandes eine Schlammlawine einige ihrer Geissen und Zicklein mit in den Wald.
Ich hatte solch unglaubliche Angst, als ich hilflos zusehen musste, wie die armen Tiere fortgeschwemmt wurden, während ich versuchte, die verängstigten Geschwister und restlichen Tiere in Sicherheit zu bringen. Doch ich habe spürte, dass das einfache Hüttchen, das uns noch vor der gewaltigen Schlammmasse schützte, der Naturgewalt mehr lange standhalten konnte und, dass wir somit in Kürze den gleichen, todbringenden Weg wie die Geissen würden gehen müssen. Ich war mit der Situation und der riesigen Verantwortung völlig überfordert.“
Doch plötzlich, aus zunächst unersichtlichen Gründen, sei eine grosse, unterspülte Tanne mit lautem Getöse umgestürzt und habe sich parallel zum Bach schützend vor die derangierte Hütte gelegt.
Die Gefahr war gebannt.
Ob der Zufall oder Gottes Hand im Spiel war, wisse sie nicht, doch glaube sie heute eher an Letzteres.

Der wild gewordene Bach habe unten im Dörfchen grosse Schäden angerichtet, ja, ganze Dorfteile weggerissen und verwüstet. Ihre Eltern, die bei anderen Bauern als Hilfskräfte gearbeitet hätten, hätten ebenfalls bange Stunden erlebt, bis sie wussten, dass ihre Kinder, Gott sei Dank, das Unwetter heil überstanden hatten - auch wenn die fehlenden Geissen und das Geröll auf der Matte ein erheblicher Verlust bedeutete.

Diese verantwortungsvolle und harte Kindheit habe sie jedoch vor allem positiv geprägt. Sie habe meistens in ihrer fünfundfünfzigjährigen Ehe „geführt“, „vorangetrieben“ und „weiter gebracht“. Oft habe sie „den Karren aus dem Dreck gezogen“ und das Leben in die richtigen Bahnen gelenkt. Dazu habe natürlich auch ihr Ehemann viel beigetragen, arbeitsam, gutmütig genügsam und grosszügig wie er war.
Er, der ebenfalls aus einer dreizehnköpfigen Kinderschar stammte, aber als jüngster eher das Gegenteil von ihrer Kindheit erlebte, habe sich ihr immer wunderbar angepasst und sei froh gewesen, wenn jemand anderer die Zügel in beiden Händen hielt.
Wäre er wie ich oder ich wie er gewesen - das Gespann hätte nie so gut und so lange harmoniert.“

©® Copyright by Herr Oter

:-)


1 Kommentar :

monika reinfurt - herbst.zeitlosen hat gesagt…

ja, ein gutes Gespann ist etwas wert. das sollte man nie vergessen. zwei, zusammen gespannt, eines schwarz, eines braun oder weiß, können viel bewegen.
grüße aus einem freien morgen