.
Posts mit dem Label Lebenslinien werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Lebenslinien werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 4. Februar 2015

Röslis letzter Auftritt





Röslis letzter Auftritt



«Silberfäden zart durchziehen,
meiner Mutter weiches Haar.
Silberfäden heute zieren,
ihr das Haupt so wunderbar...»


Mit zittriger Stimme singt Rösli das populäre Volkslied, das Vico Torriani 1949 bei uns bekannt gemacht hat. Damals war sie gerade mal zarte 18 Jahre alt – und heute, 66 Jahre später, steht die 84-Jährige endlich dort, wo sie schon immer hinwollte, ins gleissende Scheinwerferlicht einer Theaterbühne.
Auch bei dieser letzten Zusatzvorstellung in einer Schweizer Kleinstadt bebt ihr schwacher Körper vor Nervosität und noch immer steht sie etwas steif auf den Brettern, die die Welt bedeuten; den starren Blick versunken leicht nach oben gerichtet. Spontaner Applaus nach dem letzten Ton wird ihr gewiss sein, auch wenn die brüchige Stimme manchmal etwas versagt – doch der Mann am Klavier singt mit und trägt mit sie seiner tiefen Stimme.

Das Schauspiel hat Rösli schon immer fasziniert. In jungen Jahren war sie deshalb auch Mitglied in einem Theaterverein. Aber auf die Bühne hat sie sich dann doch nicht zugetraut. So blieb sie die unscheinbare Souffleuse, im dunklen Flüsterkasten unterhalb der Rampe im Bühnenboden.
Dort hat sie auch ihren Hans kennengelernt. Von unten hat sie den kräftigen Schmied heimlich angehimmelt, als er in einem Schwank auf der Bühne stand. Ernst wurde es dann bei der nächsten Produktion, als Hans die Rolle des zweiten Souffleur übernahm. „Die Rolle seines Lebens“, wie er später gerne lachend bemerkte.

Hans ist inzwischen schon einige Jahre von der Lebensbühne abgetreten und Rösli noch einigermassen rüstig im Altersheim. Dort wurde sie dann auch angefragt, ob sie in einem Theaterstück mitspielen würde. In kleinen Szenen wolle man oft verdrängte Themen rund um den letzten Lebensabschnitt im Heim thematisieren. Man beabsichtige dabei, die vielfältigen Herausforderungen aller Beteiligten: der Bewohner, der Angehörigen, der Pflegenden und Betreuenden, aber auch der Allgemeinheit sichtbar zu machen. Themen wie Heimeintritt, Einsamkeit, Langeweile, Hilflosigkeit, Demenz, Krankheit aber auch Liebe im Alter sollen angesprochen werden und den Zuschauern Impulse und Denkanstösse vermittelt werden.

So etwa die lebhafte Bewohnerin, die jetzt plötzlich zur Untätigkeit verurteilt wird, obschon es ihr langweilig ist. Die Sichtweise ihres älteren Bruders, der schon immer alles verdrängt hat und sich keine Gedanken über einen Heimeintritt machen will. Die Verwandten, die nicht begreifen können, dass man rüstig und freiwillig in ein Heim geht, zu diesen Alten, die dementsprechend reden, riechen und sowieso nur immer ‚rumhocken‘. Oder die Konflikte der Familie, die das Grosi zwar bewundert, aber trotzdem eher unwillig, höchstens einmal im Monat besucht, damit man nicht schlecht von ihnen denkt – im Heim, beim Personal. Man führt auch vor, wie verletzend das Getuschel über die Mitbewohnerin sein kann, die sich schon bald wieder in einen neuen Bewohner verliebt, weil die Einsamkeit und die Liebe nicht vor einer Heimtüre Halt machen.

Dagegen die Nöte einer Pflegekraft, deren Bewohner die Hände beim Waschen im Intimbereich einfach nicht unter Kontrolle halten kann und ihr ständig ‚Schätzeli‘ sagt. Dazu die Sicht der Teamleitung, die trotzdem Pflichterfüllung und Professionalität von ihr fordert, um den Betrieb rentabel und aufrecht zu erhalten. Oder die Belastung der jungen Auszubildenden, die die vielen Todesfälle noch schlecht einordnen kann, sich aber wegen der Schweigepflicht mit ihren sich wundernden Freundinnen nicht richtig auszusprechen wagt. Aber auch die Heimleitung und die Gemeindebehörden kommen zu Wort, die durch stetig anwachsende Pflegekosten, zeitraubende Vorschriften und neue Pflegekonzepte in eine immer schwierigere Situation geraten

So haben alle Betroffenen ihre Auftritte in dem Stück, das die beteiligten Laienschauspieler in monatelangem Austausch und intensiven Gesprächen zusammen mit einem Regisseur entwickelt haben. Sie kennen sich in den verschiedenen Problematiken gut aus, weil sie alle in irgendeiner Weise davon betroffen sind, sei es bei der Arbeit, in einer Funktion oder in der eigenen Familie. Und doch, jeder spielt in den Mehrfachrollen nie sich selbst, jeder schlüpft allabendlich in die Befindlichkeiten von anderen, damit das Stück nie zu persönlich wird.

Ausser Rösli! Sie spielt nur sich selbst. Sie ist die Darstellerin ihres eigenen Lebens – denn Rösli’s „Figur“ wurde aus ihren persönlichen Lebensgeschichten zusammengestellt. So brauchte sie kaum Text auswendig zu lernen, denn sie darf einfach erzählen. Vom Geldmangel in ihrer Jugend das verhindert hat, dass sie ein Musikinstrument lernen konnte. Das ist zwar lange her, aber vergessen hat sie es trotzdem nie. Rösli erzählt bewegt und hat dabei die Freiheit, sich nicht wörtlich an einen Text halten zu müssen. Das macht die Einsätze der beiden Jungschauspieler nicht einfacher. Aber das bezaubernde Enkel-Pärchen auf der Bühne staunt auch noch bei der letzten Aufführung, man fragt sich, ob es wirklich jeden Abend bloss gespielt war.
Manchmal liesst Rösli auch Texte aus einem Tagebuch, das dem ihren durchaus entsprechen könnte. Gedanken über die Befindlichkeiten einer agilen Rentnerin, die frühzeitig den Schritt ins Heim gewagt hat, nachdem ihr Mann gestorben ist, weil ein Umzug sowieso von Nöten war. Die Sicht der Bewohnerin, die im Altersheim zur Untätigkeit verdammt ist und dabei ihren Mann und seine Zärtlichkeiten vermisst. Dass sie sich, wie im Stück, mit bald neunzig in einen Mitbewohner verliebt, das könnte schon noch sein, meint Rösli keck mit einem Augenzwinkern. Und wenn dann auch über sie getuschelt und getratscht würde, würde sie auch das in Kauf nehmen und einfach nicht hinhören.
Genau so wie heute, wenn im Heim von den neidischen Mitbewohnerinnen hinter vorgehaltener Hand boshaften Bemerkungen über sie fallen. Denn manche mögen ihr die Abwechslung im Heimalltag und den Erfolg auf der Bühne nicht gönnen, vergessen dabei aber, dass man dafür etwas mehr tun muss, als im Sofa auf den Tod zu warten.

Doch das alles kümmert Rösli wenig, sie geniesst die Auftritte im Scheinwerferlicht und alles, was damit verbunden ist. Sie hat die sich bietende Chance gepackt und sich einen lebenslangen Traum endlich erfüllt – zu einem Zeitpunkt, als sie ihn eigentlich bereits abgeschrieben hatte.


«Jahr um Jahr so schnell entfliehen, 
voller Leid und voller Glück.
  Doch ihr Herz ist jung geblieben, 
immer zart und lieb ihr Blick.»


Und wie bei jeder Aufführung gibt es am Schluss der zittrigen Silberfäden mächtigen Szenenapplaus für Rösli, auch an diesem Abend, ihrer letzten Vorstellung auf der Bühne.
Ab morgen wird ihr etwas fehlen!


______________________



Silberfäden:
“Silver Threads Among the Gold” wurde vom damals berühmtesten Komponisten Amerikas [er schrieb mehr als 1.000 Songs], Hart Pease (HP) Danks, bereits 1872 geschrieben. Der Text basiert auf einem Gedicht von Eben Eugen Rexford, dem er 3 $ für die Rechte geboten haben soll. Das Lied verkaufte sich unmittelbar nach seiner Veröffentlichung bereits 300.000 mal alleine in Amerika und der weltweite Verkauf überstieg drei Millionen noch vor der Jahrhundertwende. 
Trotzdem verstarb HP Danks, nachdem er die Rechte später verkauft hatte, 1903, im Alter von 69 Jahren, völlig mittellos in einer Pension in Philadelphia. Seine letzten geschriebenen Worte sollen gelautet haben: «Es ist schwer, allein zu sterben»

Vico Torriani:
Der singende St. Moritzer Koch  Vico Torriani (1920-1988) hatte mit den Silberfäden 1949 in der Schweiz seinen ersten grossen Hit. Begleitet wurde er dabei von Cédric Dumont und dem Unterhaltungsorchester von Radio Beromünster. Ab 1951 wurde das Lied dann durch Vico Torrianis Auftritte und Fernseh-Shows im ganzen deutschsprachigen Raum bekannt.


:)

Donnerstag, 6. Juni 2013

Hansruedi







Hansruedi

Ein schlanker, kräftiger Mann steht an die ziegelrote Mauer von Grossmutters Haus gelehnt und zieht süchtig an einer filterlosen "Gitanes bleu"(*1); die er aussergewöhnlich zwischen Daumen und Zeigefinger hält, als müsste er auch jetzt noch die rötliche Glut vor dem Feind abdecken.
Sein dunkles Haar ist kurz geschnitten und er trägt eine blaue Jeans-Hose, was damals, insbesondere bei Männern in meiner bergigen Heimatgegend, eher ungewöhnlich war.
Die unerwartet dunkle Hautfarbe des gut Dreissigjährigen wird durch das blütenweisse, kurzärmelige Hemd, das er trägt, kraftvoll unterstrichen.
Mein Onkel - ein Neger!


Das ist meine früheste Erinnerung an Hansruedi, den legendenumwobenen Bruder meiner Mutter und, auch das erste Bild, das mir heute in den Sinn kommt, wenn ich an meinen illustren Onkel denke.
Er hat mich damals auf den ersten Blick fasziniert, denn er hatte etwas "Exotisches" an sich – das Abenteuerliche an ihm fiel mir erst später auf – und, für das Erkennen seines schwierigen Charakters brauchte ich viele Jahre.

Ich nehme an, dass seine Rückkehr aus dem Krieg der Hauptgrund für die damals – vor knapp fünfzig Jahren – vierstündige Reise vom Bündnerland an die Birs war.
Die Begrüssung war herzlich, nachdem mein Vater unseren weissen Ford „Anglia 105E“ – der mit dem roten Dach und dem schrägen Heckfenster – schwungvoll wie immer, auf den gekiesten Hofplatz meiner Grosseltern gelenkt hatte.
Hansruedi umfasste die schmale Hüfte seiner fünf Jahre älteren Schwester, hob sie auf Augenhöhe an und drehte sich mit ihr im Kreis – so, dass ihr knöchellanger Plissee-Faltenrock wie ein Teller abstand.
„Irmali“, so nannte er sie immer, „wie geht's dir? Du siehst gut aus“.
Ja, Komplimente machen konnte er, denn er war ein Charmeur erster Güte, sein Leben lang.

Und noch ein eindrückliches Bild von diesem Wochenende, das mir unauslöschlich in Erinnerung geblieben ist – das, wie Onkel Hansruedi  in einer unglaublichen Geschwindigkeit die scharfe Spitze seines Sackmessers zwischen die gespreizten Finger seiner linken Hand in Grosi's Schneidebrett gestochen hat – vom Zeigefinger zum Daumen und zurück und das mehrmals, immer präzise in die Zwischenräume.
Das war für mich damals die Fremdenlegion, dort wo man solche Kunststücke lernt und das war auch das Bestechende an Hansruedi, dass er immer wieder zu beeindrucken wusste – nicht nur weltfremde Zweitklässler aus einem Bergdorf.



Alle waren froh, dass er wieder da war. Heil und gesund.
Aber eigentlich hätten sie ihm schon damals alle böse sein müssen.
Denn Jahre zuvor war er eines Nachts klammheimlich von Zuhause abgehauen – über die nahe Grenze ins Elsass nach Strasbourg, wo er sich in einem Rekrutierungsbüro der französischen Fremdenlegion gemeldet hat.

Diese Rekrutierungsbüros waren damals während 365 Tagen im Jahr, 24 Stunden geöffnet. In der Schweiz wusste man über die Legion wenig Genaues, es waren vor allem Legenden und Geschichten.
Im Vertrauen darauf, ja jederzeit wieder umkehren zu können, betraten die gewillten Jugendlichen unbesorgt eine dieser Rekrutierungsstellen. Dort versuchte man ihnen zuerst das Gefühl zu vermitteln, dass die Fremdenlegion (frz.: Légion Étrangère) sie nicht unbedingt haben wollte und man schon gar nicht auf sie gewartet hatte.  Man erzählte ihnen von einer Probezeit und, dass scheinbar keineswegs eine sofortige Verpflichtung verlangte wurde. Sie wurden jedoch danach so raffiniert psychologisch bearbeitet, dass schliesslich jeder Interessent davon überzeugt war, dass die Legion für ihn genau das Richtige war. Sie glaubten, ihre Neugier und Abenteuerlust ohne allzu grosses Risiko befriedigen zu können.
So wurde oft bedenkenlos zugestimmt. Die Burschen unterschrieben dabei zahllose Papiere, deren Text man ihnen nicht übersetzte. Sie erfuhren auch nicht, dass sie erst in Marseille endgültig verpflichtet wurden. Ausserdem  versprach man ihnen auch grosszügige Prämien, die allerdings nur sehr selten ausgezahlt wurden. Um vor Absprüngen auf dem Transport sicher zu sein, nahm man ihnen ihre Zivilkleidung, Pässe, Dokumente und alles weitere "Persönliche" ab und steckt sie in alte Uniformen aus der Zeit des Ersten Weltkrieges.
Sie "durften" ihr Hab und Gut der Fremden-Legion entweder "schenken" und erhielten dafür den späteren Anspruch auf Wiedereinkleidung bei der Rückkehr ins Zivilleben - oder sie konnten es der Legion" verkaufen". Für Kleider und vielleicht noch einen kleinen Koffer mit Habseligkeiten erhielt man einige Päckchen Zigaretten und die waren hochwillkommen, denn Zigaretten gehörten erst nach einigen Monaten Ausbildung zur Verpflegungs-Ration.

Hatte man einmal unterschrieben, so musste der französische Legionäre mindestens fünf Jahre lang durchhalten und bereit sein, überall auf der Welt zu kämpfen und zu sterben. Wurde es auch noch so hart oder unmenschlich, man musste bleiben. Ausser vielleicht, man versuchte eine risikoreiche und sehr gefährliche Desertion – aber das gelang bei weitem nicht jedem, der es versucht hat.
Nach der Unterschrift gab es also nur noch einen Weg, den Überlebenskampf im gefährlichen Kriegsgebiet, mit knallharten Regeln, viel Kameradschaft und ganz wenig Sold.
Der Legionär verzichtete damit auch auf den Genuss sämtlicher Rechte in der Heimat und begab sich voll und ganz in eine Leidensgemeinschaft, deren Wappeninschrift lautet:
«Legio patria nostra»  – «Die Legion ist unsere Heimat».
Dafür durfte er nach drei Dienstjahren französischer Staatsbürger werden und für immer in Frankreich bleiben.


Im Rekrutierungsbüro fand also auch für Hansruedi eine erste Musterung statt und dort gab er seine Unterschrift zu einer jahrelangen Verpflichtung in einem lebensgefährlichen, fremden Land auf einem anderen Kontinent.
Nach dieser ersten Unterschrift wurde der vermeintliche "Bewerber" über Paris nach Südfrankreich geschickt. In Aubagne, in der Nähe von Marseille, wurde dann im Bewerbungszentrum der Fremdenlegion die eigentliche "Musterung" vorgenommen. Bei einer vollständigen ärztlichen Untersuchung wurde die Gesundheit überprüft und bei einem Sporttest die Tüchtigkeit abgeklärt. Ob weitere Tests zu bestehen waren, ist mir nicht bekannt. Aber vermutlich kam man damals recht schnell zum Gespräch vor der Verpflichtungskommission, und danach mit einer zweiten Unterschrift zum gültigen Vertrag.
Hansruedi bekam seine Dienstnummer (mie 118 087) und einen neuen Namen:
Hans Reucher.

©® Copyright by Herr Oter


Was hat Hansruedi zu diesem einschneidenden Schritt getrieben?
Warum hat er sein friedliches und gesichertes Leben für ein waghalsiges Vabanquespiel mit ungewissem Ausgang getauscht? Wieso hat er eine geachtete Anstellung mit gutem Gehalt als erfolgreicher Laborant in einer der beiden grossen "Chemischen" in Basel für einen schlecht bezahlten, hochgefährlichen Dienst aufgegeben?
War es das Abenteuer und der Nervenkitzel oder der Drang, sich zu bestätigen?
Waren es die Klischees von Dschungel und Wüstensand, von Kameradschaft bis in den Tod und von der bedingungslosen Befehlsausführung, die immer wieder heraufbeschworen und verherrlicht wurden?
Oder wollte er einfach eine unbekannte Vergangenheit hinter sich lassen, vielleicht vor irgendwelchen "krummen Sachen" davonlaufen und ein neues Leben beginnen…?

Denn die Fremdenlegion bot jedem diese einmalige Chance.
Als in den französischen Kolonien noch Tausende von Legionären benötigt wurden, war man bei der Rekrutierung oft ziemlich unzimperlich mit der Vergangenheit der Männer umgegangen. Es wurden keine Ausweispapiere verlangt, noch viele Fragen gestellt.
Egal welcher Herkunft, Religion, Schulausbildung oder berufliche Situation, die Fremdenlegion bot damals jedem eine neue Chance für ein neues Leben. Selbst Vorstrafen oder eine polizeiliche Fahndung waren kein Hinderungsgrund, denn jeder wurde ohne Nachfrage aufgenommen, auch der, der etwas „ausgefressen“ hatte und allen wurde eine neue Identität verschafft
.

 
Ich glaube nicht, dass Hansruedi "Schweres" auf dem Kerbholz hatte.
Auch aufgrund seines späteren Lebens, vermute ich eher irgendwelche "Frauengeschichten" und/oder Abenteuerlust.
Möglicherweise wollte sich der etwa 25-jährige mit dem Eintritt in die Legion vor einer Verantwortung drücken, die er im September 1952 durch die Verlobung mit Hedy Hammel eingegangen war. Oder ging es um Elsa Michel oder Frau Schiffmann, die Hansruedi beide in einem seiner spärlichen Briefe erwähnt hat? Man sprach auch immer wieder von einer angeblichen Tochter, die es geben soll und für die er "zahlen musste". Das wäre immerhin meine Cousine; doch Genaues wusste niemand und die, die es vielleicht gewusst haben, schwiegen – für immer.

In einem seiner wenigen Briefen schrieb er ein paar Jahre später an seine Schwester:
«Ich habe mir vorgenommen, soviel wie möglich von der Welt anzugucken und ich bin sichert, dass ich auch noch weit rumkommen werde……., man kann auf zwei Arten glücklich sein, die eine ist, wie du dir* das Leben gestaltet hast.
Und das ist bestimmt keine schlechte Art. Die andere Art dürfte die sein, das Leben als ein Spiel zu betrachten, hie und da "ma va banque" zu spielen und den Gewinn oder Verlust mit einem Lächeln einzustecken.»

So war er, der Hansruedi, mein Onkel.
(* Anmerkung: wie meine Mutter – Mann, Kinder, Haus und Geschäft)


Alle Neu-Eintretenden wurden sogleich in die eigentliche Metropole der Legion, nach Sidi bel Abbés, ungefähr 300 km südlich von Oran (Algerien), verbracht; wo ihnen in einer "wenige Wochen" dauernden Rekrutenschule die nötige Kampfausbildung beigebracht wurde. Diese "Ausbildung" muss unglaublich hart gewesen sein. 

Ich las dazu: «Man hat auch Faustschläge ins Gesicht abbekommen, zur Strafe, oder einen Schlag mit dem Gewehrkolben auf den Kopf. Man ist zum Arzt gegangen, um die Platzwunden nähen zu lassen. Den andern hat man dann etwas von einem Sturz erzählt. C'est normal.»
Die Übergabe des traditionellen  weissen Hutes (képi blank) und das Aufsagen des während der entbehrungsreichen Grundausbildung erlernten "Ehrenkodexes" der Fremdenlegion, bildet im Anschluss an den "marche képi blank" (Képi blank Marsch), einem traditionellen, etwa 50 bis 70 Kilometer langen Orientierungsmarsch, den Abschluss der Ausbildung.
Danach kamen die Legionäre unverzüglich in eines der 11. Regimenter und somit direkt an die Front.
Zum Aufnahmeritual der Legion gehörte es auch, dass einem der Kontakt nach außen für 4 Monate komplett versperrt wurde: kein Telefon, keine Briefe, nichts.
Der einmal aufgenommene Legionär galt laut der Musterungsbroschüre «unabhängig von seiner realen Familiensituation als ledig und ungebunden.» Deshalb gab es auch keinen Anlass jemanden zu benachrichtigen.




Hansruedi, alias Cpl. Hans Reucher, wurde etwa 1955 zuerst dem Regiment III/2e R. E. I. (cie portée)  und dann später  dem 4e  Régiment d'infanterie in Algerien zugeteilt.
Weil Hansruedi, wie so viele andere auch, niemanden über seine Pläne informiert hatte, galt er daheim monatelang lang als unauffindbar. Man hatte zwar bei der Polizei eine Vermisstmeldung aufgegeben, aber seine Spur blieb verwischt und man hatte keine Ahnung, was passiert war, ob er noch lebte oder wo man nach ihm noch suchen konnte.
Schrecklich für alle; und ich weiss von meiner Mutter, welche grossen Ängste und Sorgen bei allen damals ausgelöst wurden.
Doch auch nach dem ersten Lebenszeichen aus Algerien, das nach langen Monaten endlich eintraf, blieb die Angst bestehen.

Das war nicht unbegründet, wusste man doch aus dem Indochinakrieg (1945-1954, er umfasste die Gebiete der heutigen Länder Laos, Kambodscha und Vietnam), dass dort offiziell mehr als 11.000 Legionäre ihr Leben für die "Grand Nation" verloren hatten, nicht zuletzt, weil Legionäre damals auch als sogenanntes "Kanonenfutter" galten.


Der "grausame Heckenkrieg der Banditen", wie der Algerienkrieg auch oft genannte wurde, den die Fremdenlegion anschliessend an der Seite der Franzosen auszufechten hatte, war nicht weniger schrecklich.
Es war ein ungleicher Krieg um die Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich, in den Jahren 1954 bis 1962, der hauptsächlich zwischen dem französischen Militär und der algerischen Unabhängigkeitsbewegung FLN geführt wurde. Gleichzeitig tobte ein Bürgerkrieg zwischen algerischen Loyalsten und der FLN.
Die 35 000 Soldaten zählende Fremdenlegion kämpfte nach dem Ende des Indochinakrieges ab dem Sommer 1954 bis 1962 auf der Seite der französischen Besatzungsmacht. Zunächst nur zu Sicherheitszwecken vor Ort; aber bald beteiligten sich die Söldner aktiv am Kriegsgeschehen: Die Legion sandte Interventionstruppen aus, nahm an Grossoperationen teil und kümmerte sich um die Grenzverteidigung.
Oft sahen sie sich dabei keinem offenen Frontenkrieg, sondern hinterlistigen Meuchelmordattacken der Partisanen, ausgesetzt.
Doch die französische Armee und die Legionäre gingen auch nicht gerade zimperlich mit ihren Gegnern um. Die Gräueltaten
bei der "Schlacht um Algier", sowie die bei der sogenannten "Französischen Doktrin" eingesetzten Methoden – unter anderem Folter und ungesetzliche Hinrichtungen von algerischen Verdächtigen – zogen massive innen- und aussenpolitische Proteste nach sich.
Hunderttausende von Algeriern sind dabei umgekommen. Davon nur ein kleiner Teil bei militärischen Operationen - der größte Teil bei Vergeltungsaktionen der Franzosen, denen fast ausschließlich Zivilisten zum Opfer fielen.
Das alles machte aus den Legionären vielfach Menschen, denen das skrupellose Morden zur Gewohnheit wurde.
Nach einem vom französischen Militär personell und materiell weit überlegenen und mit großer Härte geführten Kampf war die Unabhängigkeitsbewegung praktisch geschlagen.
Die Zahl der Verluste an französischen Soldaten betrug laut Angaben des französischen Militärs ca. 18.000. Laut französischer Aussage betrug die Todesopferzahl der Algerier 350.000, algerische Quellen gehen von über einer Million Toten aus.
Die Entlassung Algeriens in die Unabhängigkeit aus politischen Gründen im Jahre 1962, beendete den Einsatz der Fremdenlegion in Nordafrika, welches 130 Jahre lang ihre Heimat war.
 

Während seines jahrelangen Kriegseinsatzes waren Briefe von Hansruedi spärlich, oft nur kurz und meistens ziemlich allgemein gehalten. So hat er nie konkret darüber geschrieben, was er dabei erlebt hat. Einmal erfuhr man, dass er 1959 ziemlich verletzt wurde, wie schwer und wie lange, darüber wurde nicht geschrieben. Denn das vereinbarte sich nicht mit der "Legions-Ehre". Familie, Freunde und Bekannte durften, meist auch aus Sicherheitsgründen, sowieso nicht darüber informiert werden, wo der jeweilige Legionär sich genau aufhielt, wo er stationiert war und was er bei den Kampfhandlungen erlebte.

Aber manchmal gab es Ausnahmen:
So schreibt er am 4. April 1961:
«Im Moment sind wir ca 15 km von Ain-Sefra entfernt…. auf 2000 Metern Höhe und bei so 40° Hitze! Sand, soviel du willst, Wasser so gut, dass man meint, es hätten sich schon x Leute damit gewaschen. Aber keine Sorge, getrunken wird es trotzdem….»

oder um die Weihnachtszeit 1962:
«Wir liegen wieder einmal mehr direkt an der Schusslinie in einem grossen Forsthaus, das zum Glück bald in eine Betonfestung umgebaut ist und nur knappe 100 Meter von der marokkanischen Grenze und ca. 5 km von der Grenzstadt Marnia entfernt ist auf der Lauer.  Natürlich bereit, jeden durch den Radar gemeldeten illegalen Grenzübertritt auf das Schnellste zu vereiteln….. So weit das Auge reicht, elektrisch geladener Stacheldraht, Leuchtminen- und andere Minenfelder…..
Die Rebellen kommen so 2-3-mal pro Woche bis an den mit 5000 Volt geladenen Stacheldraht und schicken uns Grüsse von Marokko mit herrlich schnellen und verdammt ins Auge gehenden Minenwerfern.»



Ich habe für diese Geschichte viele Artikel und Berichte zum Algerienkrieg der Fremdenlegion gelesen und festgestellt, wie hart und oft grausam die Legion für jeden der Beteiligten damals war; aber auch, wie gefährlich es sein konnte.
Das illustriert auch ein weiterer Briefausschnitt vom 5. März 1962:
«Letzte Woche hatte ich sehr viel Glück. Wollte doch so ein "Salzneger" von algerischem Rebell mich doch tatsächlich mit seinem Gewehr zu einer Freifahrt ins Jenseits einladen. Welch wonniges Gefühl, wenn so 5 cm unter meinem angezogenen Bein 12 Schüsse sich in die Erde bohren. Aber jetzt bin ich froh, dass ich bei Willi dem Tellen in die Schule gegangen bin."»
(Ich schliesse daraus, dass er genauer getroffen hat)



©® Copyright by Herr Oter

1963 war dann auch für Kpl. Hans Reucher die Zeit gekommen, wieder den bürgerlichen Namen Hans-Rudolf K. anzunehmen, vom Berufs-Legionär zum Schweizer Miliz-Militaristen zu werden und von der Kriegsfront zurück ins friedliche Basel zu wechseln.

Natürlich kam er nicht ohne Strafe davon. So musste er sich für den unerlaubten Einsatz in fremden Kriegsdiensten vor dem Militärgericht verantworten und wurde zu einer Gefängnis- und/oder Geldstrafe verurteilt.
Aber er fand bald wieder eine Arbeit, als Laborant in der pharmazeutischen Industrie. Auch zog er wieder bei Vater und Mutter ein.

Mehr Schwierigkeiten als das berufliche oder gesellschaftliche Leben machten ihm die psychischen Probleme. Denn wer die "Légion étrangère" überlebt hat, kam oft verändert nach Hause und manche konnten sich im "Zivilleben" nie mehr ganz richtig einordnen. Das war auch bei Hansruedi so.

Dabei spielte bei Hansruedi auch immer wieder der Alkohol eine grosse Rolle. An den Stammtischen der Kleinbasler Beizen war er oft und gerne gesehen, denn zu erzählen hatte er ja vieles. Wenn er betrunken nach Hause kam, randalierte er manchmal, beschimpfte dabei seine Mutter oder auch seine mit nach Hause gebrachten Frauen, auf das Übelste.
Seine vielen weiblichen Beziehungen blieben undurchsichtig und manchmal wechselten die Frauen häufig. Sie entsprachen zunehmend dem Typ der "abgetakelten Blondine mit rauchiger Stimme". Trotzdem gab es ein paar, die jahrelang zu ihm hielten.
Denn Hansruedi sah gut aus – er hatte etwas vom Aussehen des "Mäni" Weber, dem ersten grossen Schweizer Fernsehstar und grossen Frauenschwarm. Manchmal wurde er sogar mit dem begehrtesten Junggesellen der damaligen Zeit in einer „Basler Beiz“ verwechselt und auch mal um ein Autogramm gebeten.
Das wurde dann zu einer seiner vielen Anekdoten, die er unterhaltend zu erzählen wusste und seine Geselligkeit begründete.
Hansruedi vermochte viele Leute zu faszinieren; er war stets gut gekleidet, hatte angenehme Umgangsformen – besonders wenn es Frauen zu beeindrucken galt – und, er konnte mit seiner spendablen Art immer wieder "überzeugen".
Auch fuhr er zeitweise interessante Autos. Ich erinnere mich dabei an einen unscheinbaren VW Typ 3 mit eingebautem Porschemotor. Eine kraftvolle Rakete; und er liebte es, wenn er mit der unauffälligen Familienkutsche, die anderen reihenweise hinter sich liess, besonders wenn es bergauf ging.
Hansruedi war aber auch ein ausgezeichneter Koch und ich denke, dass er nicht unwesentlich dazu beigetragen hat, dass ich gerade diesen herrlichen Beruf gewählt habe.
Man kann generell sagen, dass er allen "Genüssen" des Lebens sehr zugetan war.

Doch es gab halt auch die schwierigeren Seiten des Hansruedi.
So verwandelte er mit der Zeit die Wohnung der Grossmutter in ein Exotarium mit grossen Terrarien und Käfigen, in denen er Schlangen und andere "Exoten" hielt. Damals brauchte es dafür weder ein Diplom noch eine Bewilligung und Lärm machten die Reptilien ja auch nicht. Trotzdem hielt es Grosi mit der Zeit dort nicht mehr aus und sie zog zu uns.
Von Zeit zu Zeit "hängte" es Hansruedi dann auch ganz tüchtig aus und er blieb wochenlang verschwunden.
Während dieser Zeit kämpfte er sich sozusagen "guerillamässig" durch die schweizerische "Wildnis". Ohne Zelt und Schlafsack  übernachtete er im Freien, ernährte sich von dem, was die Natur hergab, erlegte Tiere und wähnte sich vermutlich im Dschungelkrieg.
Aber es passierte nichts Gravierendes dabei und ausser den besorgten Telefonanrufen "seiner Weiber", wie sie Mutter jeweils nannte, bekamen wir wenig davon mit.
Interessanterweise behielt er trotz dieser gelegentlichen Eskapaden immer seine Arbeitsstelle – etwas, das ihn als tüchtigen Mitarbeiter auszeichnete.



 ©® Copyright by Herr Oter

Hansruedi, der immer gerne in Gesellschaft war, starb wenige Jahre nach der Pensionierung alleine und wurde erst nach einigen Tagen von einer "seiner Frauen" in der Wohnung gefunden. Nach der Wohnungsräumung blieb nichts Brauchbares übrig, ausser einem alten Koffer mit ein paar Fotos und einigen Andenken und – einer beinahe unverwüstlichen, schwarzen RADO-Uhr, die ich als Andenken an Onkel Hansruedi bekam und zwischendurch auch immer wieder mal trage.


(*1) Anmerkung: Was ich damals noch nicht wusste, der Name "Gitanes" heisst aus dem französischen übersetzt "Zigeunerinnen". Das passte doch sehr gut zum Onkel Hansruedi.
 



Fremdenlegion:

Die Fremdenlegion (Légion étrangère) wurde 1831 von König Louis Philippe gegründet und diente zunächst zur Eroberung und Absicherung der afrikanischen Kolonien Frankreichs.
Ihr erster Kommandant war ein gewisser Christoph Anton Stoffel aus dem thurgauischen Argon (Schweiz) und jahrzehntelang waren die Eidgenossen überdurchschnittlich in der Legion vertreten. So zogen im Ersten Weltkrieg über 10'000 Schweizer für Frankreich in den Krieg und stellten somit ein Viertel der Legion. Jeder Rückkehrer musste damit rechnen inhaftiert zu werden, weil die hiesigen Gesetze das "Söldnertum" verbieten.

Von ihrer Gründung an bis zum Ende der 1980er Jahre haben in der Légion Étrangère laut einer Ansprache von Colonel Morellon mehr als 600.000 Mann aus aller Welt gedient.
Seit der Gründung der Fremdenlegion im Jahre 1831 sind mehr als 36.000 Legionäre auf dem Schlachtfeld für Frankreich gefallen.
Einer der bekanntesten Schweizer Fremdenlegionäre war der Schweizer Schriftsteller Friedrich Glauser, (geboren 1896 in Wien, gestorben 1938 in Nervi bei Genua).



Heute werden Legionäre nicht mehr wie früher ausschliesslich in Kriegen, sondern überwiegend zur Kriegsverhinderung im Rahmen von UN- oder NATO-Missionen (z. B. in Bosnien, Kosovo, Afghanistan), zur Friedensschaffung und Friedenserhaltung, zur Rettung gefährdeter Menschen, zu humanitärer Hilfe, zur Wiederherstellung von Infrastruktur (z. B. im Libanon 2006) und zur Katastrophenhilfe (z. B. nach dem Tsunami 2004 in Südostasien) eingesetzt.
Text: aus Wikkipedia

Dienstag, 26. Juni 2012

Hedy




Hedy

Sie ist halt etwas zurückgeblieben, sagten sie alle über Hedy, solange ich mich erinnern kann.
Sie ist halt behindert, haben sie jedoch damit gemeint - behindert im Kopf, dachten sie doch alle.
Ein bisschen recht hatten sie ja und trotzdem lagen sie falsch.
Denn Hedy war nicht behindert, sie wurde gehindert, zuerst vom Gehör und den Augen, dann von Lehrern, Eltern und der Schwester und später auch noch von einem Mann.
Sie alle haben vieles bei ihr verhindert, weil sie in erster Linie in Hedy, eine Behinderte sahen.

Das kam so, weil Hedy von Anfang an schlecht hörte. Dafür konnte sie nichts, das war nicht ihr Fehler, nein, es war einfach ein Geburtsfehler.
Darum kann man auch niemand anderen dafür beschuldigen. Schuldig machten sich einige erst, als sie vieles falsch machten.
Vielleicht aus Unwissenheit, oft jedoch, aus einer eigennützigen und kurzsichtigen Sichtweise. Doch wirklich kurzsichtig war doch eigentlich Hedy und trotzdem machte sie am wenigsten falsch. Doch sie hatte die fatalen Folgen der Fehler der anderen ein Leben lang zu tragen.

Die Zeiten waren schwer als Hedy zur Welt kam, denn sechs Kinder waren bereits da und als die Jüngste fünf wurde, begann gerade der zweite Weltkrieg.
Ihre Mutter hat wohl nichts von der Schwerhörigkeit der Kleinen gemerkt, auch wenn sie erst spät zu reden begann. Eine Träumerin sei sie halt, sagte Mama manchmal und die Grösseren mussten der Kleinsten helfen.
Der gleichen Meinung waren auch ihre Lehrer, die wegen des Krieges sehr oft wechselten. Kaum waren sie da, da gingen sie wieder und so hat man in der Schule eben nicht bemerkt, dass Hedy nicht gut mitkam, weil sie vieles nicht gehört und verstanden hatte. Doch hätte es einer geahnt, wie gesagt, kaum war er da, war er auch schon wieder weg.
Zu dieser Zeit ging es doch darum, ein ganzes Land zu verteidigen, da konnte ein kleines, stilles Mädchen, das schwerhörig war, halt leicht übersehen werden.
Jeder neue Lehrer wurde gleich darauf aufmerksam gemacht, dass die Kleine halt nicht mit den anderen Schritt halten konnte und das half vermutlich mit, dass keiner auf die Idee kam, dass Hedy eher schwerhörig – als schwer von Begriff war.
Dazu kam, dass sie auch nicht besonders gut sah. So waren die Buchstaben auf der Wandtafel halt etwas verschwommen. Aber man merkte erst (zu) spät, dass nicht ihr Geist umnebelt war, sondern, dass sie nur nicht klar sah. So hat sie eben vieles eher nach Gefühl gemacht – das war sie sich so gewohnt, seit ihrer Geburt. Eine geeignete Brille bekam sie erst nach der fünften Klasse, doch da ging Hedy bereits sechs Jahre zur Schule. Sie wurde einfach immer mitgeschleift, von Klasse zu Klasse, ausser einmal, da blieb sie sitzen. Sonderschulen kannte man damals dort eben noch nicht.


Nach der Schule versuchte man gar nicht erst eine Lehrstelle für Hedy zu finden. Für Mädchen war ein Beruf zu dieser Zeit nicht üblich und für Hedy, die Zurückgebliebene, schon gar nicht. Junge Frauen sollten damals bald heiraten, Kinderkriegen und Haushalten, das genügte für ein Frauenleben in der damaligen Zeit. Zudem hätte so eine Lehrstelle ja noch etwas gekostet, nein, das war für Hedy, nun wirklich nicht nötig
Also nahm Hedy eine Arbeit in einer Fleischfabrik an. Sie verpackte getrocknete Fleischspezialitäten. Diese Arbeit war einfach und verlangte vor allem schnelle Hände – und Hedy war flink, sehr flink sogar. Sie war die Schnellste und bald die Beste. Denn sie verrichtete ihre Arbeit still und sprach wenig mit den Anderen. Klar, sie hätte sie im Lärm der Verpackungsmaschinen ja auch kaum verstanden. Zudem redeten die Mitarbeiterinnen auch nicht so gerne mit ihr, denn mit Hedy musste man immer sehr laut sprechen und sie gab dann noch lauter Antwort. Dadurch hörten alle mit, auch der Chef.
Doch der mochte sie gut. Vor allem, weil sie so schnell war und auch, weil sie nicht auf die Idee kam, nach mehr Lohn zu fragen. Sie war ja eine Behinderte und die hatten froh zu sein, dass sie jemand nahm. So sah man es auch Zuhause und darum fragte Hedy nicht nach mehr Lohn oder kam auf die Idee, sich nach einer andere Arbeit umzusehen.
Die Arbeitstage waren dafür lang. Morgens musste sie nach einem halbstündigen Marsch um halb sieben "auf den Zug" und nach der Arbeit fuhr sie am Abend eine gute halbe Stunde mit der Eisenbahn auch wieder zurück. Zuhause angekommen half sie, wie sie es sich als Jüngstes seit je her gewohnt war, der Mutter im Haushalt. Zu tun gab es viel, denn ihr Vater war schon mit fünfundfünfzig Jahren durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt und konnte nicht mehr arbeiten. Zwei ihrer Brüder wohnten auch noch zu Hause, der eine, weil er mit dreissig noch ledig war, der andere, hatte schon eine Scheidung hinter sich. Für sie war Hedy nützlich, denn sie war flink, kochte ordentlich, machte die Wäsche, wusch Geschirr, putzte Schuhe und sagte nicht viel, weil sie sowieso nichts verstand. Dafür brachte sie von der Arbeitsstelle oft Fleisch mit nach Hause, das sie als Angestellte günstiger einkaufen konnte. Das entlastete das Haushaltungsgeld und darüber war man allgemein froh.

Schon früh warnte man Hedy, dass sie sich vor Männern gut in acht nehmen müsse. Die würden solche Mädchen wie sie, sowieso nur "ausnützen". Männer seien darum gar nicht gut für sie , erst recht nicht, weil sie ja als Behinderte nicht so recht „Bescheid“ wisse. So kam Hedy auch nie auf die Idee, sich mit einen Mann einzulassen oder gar einen Freund zu haben. Sie war froh, geborgen im Elternhaus zu sein.

Eine ihrer älteren Schwestern, die kinderlos in einer grossen Stadt verheiratet war, warnte sie und die Eltern immer besonders eindringlich, wenn sie nach Hause zu Besuch kam. Denn sie kannte sich in „solchen Dingen“ aus und hatte schon oft von derartig schlimmen Schicksalen gehört. Zurückgebliebene Mädchen, verludert, die dann ein Kind bekamen, vielleicht auch noch ein Behindertes, das ohne Vater und später vermutlich verwahrlost und asozial aufwuchs – nein, das durfte nicht sein! Sowieso nicht in diesem Dorf – man hätte sich ja in Grund und Boden schämen müssen!
Denn als Sekretärin bei der halbstaatlichen schweizerischen Stiftung Pro Juventute, wusste sie doch ganz genau, was gut für Kinder ist und in welchen Verhältnissen sie aufzuwachsen haben. Denn dort kümmerte man sich seit 1912 um das allgemeine Kinderwohl und setzte sich unter anderem auch für die Kinderrechte ein. Es ist unbestritten, dass viel Gutes bei dieser Organisation entstanden ist , aber es herrschte zum Teil auch ein Gedankengut, das ethische und rechtswidrige Grenzen überschritten hat und deren Folgen und politische Aufarbeitung bis heute noch nicht abgeschlossen ist.
Davon zeugt das bereits 1926 entstandene Projekt „Kinder der Landstrasse“.
Mit Unterstützung der Vormundschaftsbehörden wurden Kinder von Fahrenden, insbesondere Jenischen, ihren Familien entzogen. Bis 1972, als das Projekt nach öffentlichem Druck eingestellt wurde, waren davon rund 600 Kinder betroffen. Ziel von „Kinder der Landstrasse“ war es, die Kinder dem Einfluss der als asozial beurteilten minderheitlichen Lebensverhältnisse zu entfremden und sie an die vorherrschende mehrheitsgesellschaftliche Lebensweise anzupassen. Ein weiteres Ziel war die Entwicklung der Kinder zu "brauchbaren" Arbeitern für die Gesellschaft. In diesem Zusammenhang muss man auch die, durch eine eugenische Politik motivierte Inhaftierung von sogenannten „liederlichen“, ledigen Frauen sehen, die zu hunderten zwangssterilisiert wurden.

Für Hedy's Schwester war ganz klar, es musste unbedingt verhindert werden, dass eine wie das Hedy, ein Kind bekommen konnte. Darum setzte sie alles in Bewegung, ging zu manchem Arzt, setzte sich mit allen Ämter auseinander, damit Hedy unwiderruflich „unterbunden“ wurde, nachdem ihr schon früher die Mündigkeit abgesprochen worden war. Das war gut für Hedy, so konnte ihr nichts passieren. Das war auch gut für ihre Mutter, der eine allfällige Schande erspart bleiben würde und Hedy blieb so auch sicher Zuhause und sorgte, nachdem der Vater gestorben war, wie vorgesehen für die kränkelnde Mutter. Das Geld, das sie alle die Jahre Zuhause abgab, konnte gut gebraucht werden, denn die Rente war klein, das eigene Häuschen kostete und Ersparnisse waren durch die frühe Krankheit des Vaters auch kaum vorhanden.

Als auch Hedy's Mutter starb, verzichteten die übrigen Geschwister zugunsten der jüngsten Schwester auf ihren Erbanteil, damit Hedy bis zu ihrem Lebensende ein gesichertes Zuhause hatte. Hedy war damals achtundvierzig Jahre alt.
Gut zwei Jahre später heiratete Hedy einen Mann, der zwölf Jahre älter war als sie. So ging die Haus- und Pflegearbeit für sie einfach wieder weiter.
Man stellt sich die Frage, wurde sie geliebt oder einmal mehr wieder ausgenützt?

Einige Jahre später verbrachte man sie aus undurchsichtigen Gründen in ein Heim, weit ab von ihrem Zuhause und der Ehemann übernahm nun das Häuschen ganz. Da dessen Unterhalt stark vernachlässigt wurde, musste es, nachdem der Ehemann in ein Pflegeheim eintrat, öffentlich zu einem bescheidenen Preis versteigert werden, um die horrenden Pflegeplatzkosten der beiden bezahlen zu können.

Hedy verstarb mit siebenundsiebzig Jahren – still und leise und ohne, dass die Verwandtschaft ihrer Geschwister etwas davon wusste. Der Zusammenhalt in der Familie war halt nie besonders gewesen.
Einige Monate später erfuhren sie davon durch ein Schreiben des Amtsvormundes. Darin wurde mitgeteilt, dass Hedy einen kleinen Nachlass hinterlassen hat, der nun an die Erben verteilt und nach der Unterzeichnung des Erbvertrages ausbezahlt wird.

Lange habe ich mit der Unterschrift gezögert, denn es machte mir doch etliche Mühe, nun vom „armen“ Hedy noch beschenkt zu werden, einfach, weil sie meine Tante war. Auch ich hatte sie lange Zeit nur als Behinderte wahrgenommen und ich hatte mich seit Jahrzehnten nicht mehr um sie gekümmert.
Dafür schäme ich mich und Hedy, dafür entschuldige ich mich bei Dir.







.))

Montag, 19. Dezember 2011





Fritz


Meinen Vater verlor ich mit Vier“, sagt er, während wir nebeneinander sitzen und warten.
Der ältere Herr ist mir auf Anhieb sympathisch. Er hat ein überaus freundliches Gesicht, wache, strahlende Augen, gepflegte Haare und ist adrett in Hellgrau gekleidet. Er heisse Fritz und sei bald achtzig, wird er mir beim Abschied sagen.

Wir warten erst seit Kurzem und werden auch nicht lange bleiben, somit wird leider vieles, das mich interessieren würde, unausgesprochen sein. Mir scheint jedoch, dass er mir gerne mehr erzählen würde, denn ich brauche ihn, während er erzählt, kaum etwas zu fragen.

Fünf Jahre lang hatte unsere Mutter nach Vaters Unfall alles versucht, die vier Kinder alleine zu versorgen und grosszuziehen. Aber sie hatte die Behörden gegen sich und halt nur wenig Unterstützung von Verwandten und Nachbarn. Die Zeiten waren schlecht und jeder musste für „sich schauen“.
Die Familie wurde dann auseinandergerissen und jeder kam an einen anderen Platz. Ich wurde zu meinen Pflegeeltern auf einen Bauernhof gebracht, weit ab der Übrigen.

Zu essen gab es wenig und immer in der Küche, denn die heimelige Stube war der Familie vorbehalten. Für einen wie mich taten es auch die abgetragenen Kleider der eigenen Kinder und etwas zum Spielen brauchte ich auch nicht, denn immer wieder musste ich hören, dass sie mich nicht aus Nächstenliebe, sondern einen „Verdingbub“ zum Arbeiten genommen hätten.
So kam auch die Schule immer erst an zweiter Stelle, wenn die Zeit neben der Arbeit halt noch reichte.
Jeden Morgen um fünf Uhr musste ich in den Stall und kam deswegen auch oft zu spät zur Schule, was jedes Mal eine Strafe nach sich zog. „Tatzen“ zum Beispiel, mit dem Bambusstab des Lehrers einige Male auf die Finger gehauen oder vor der ganzen Klasse eine halbe Stunde auf einem kantigen Holzscheit knien, das war besonders schlimm.
Nach dem Unterricht blieb wegen der Arbeit nur wenig Zeit für die Hausaufgaben, denn um acht oder neun Uhr wollte einfach kaum noch etwas in meinen müden Kopf. Aber zum Glück lernte ich sehr „ring“.
Ich war kein schlechter Schüler und wurde aus diesem Grund vom Lehrer zur Sekundarschulprüfung angemeldet. Doch am Morgen des Prüfungstages packte mich mein Pflegevater, schmiss den abgewetzten Schulsack in eine Ecke und meinte, dass sie nicht noch jahrelang für einen „Gstudierten“ zahlen wollten. Ich musste mit ihm bis am späten Abend in den Wald. Am anderen Tag sperrte mich der Lehrer den ganzen Vormittag in den dunklen Kohlenkeller, weil ich nicht zur Prüfung erschienen war. Dafür musste ich am Nachmittag zwei Stunden länger bleiben um nachzuholen, was ich am Morgen versäumt hatte. Als ich nach Hause kam, gab's dann gleich Schläge mit dem Hosengurt, weil ich zu spät nach Hause kam.
Solche Beispiele könnte ich noch viele erzählen.
Besonders hart war es für mich jeweils an Weihnachten, wenn alle anderen in der warmen Stube vor dem festlich geschmückten Baum feierten, heilige Lieder sangen, lachten und sich über die Geschenke freuten. Derweil musste ich in der Küche bleiben, hörte alles mit und auch das Weihnachtsessen wurde an mir vorbei ins Wohnzimmer getragen. Während die anderen danach in die Mitternachtsmesse gingen, war ich bereits im Bett und hatte mich in den Schlaf geweint.

Nach der Schulzeit konnte ich keine Lehre machen – ich sei zu dumm dafür und das koste ja auch noch, war die Begründung des Pflegevaters.
Doch mit zwanzig mussten sie mich gehen lassen. Ich fand einen guten Arbeitgeber, der mich gefördert hat. Ich war willig und fleissig und Arbeit gab es ja genug. Ich habe mich hochgearbeitet und es doch noch zu etwas gebracht. Auch eine liebe, tüchtige Frau habe ich gefunden und mir war es immer wichtig, ein guter und liebevoller Vater für meine Kinder zu sein. Ich wollte ihnen geben, was mir als Kind so sehr gefehlt hat.
Ja, das Leben hat mich mehr als nur entschädigt für die schwere Kindheit und selten belastet mich diese Vergangenheit. Auch wenn man hierzulande gerade jetzt sehr viel über dieses dunkle Thema spricht und man dadurch immer wieder daran erinnert wird. Aber es ist auch befriedigend, dass die Allgemeinheit endlich die misslichen Zustände von damals zur Kenntnis nimmt und diese üble Vergangenheit aufarbeitet.
Es scheint sogar, dass sich die Nichtbetroffenen mit diesen schlimmen Geschichten noch fast schwerer tun, denn die meisten haben, als Mitschüler oder Nachbarn, „einen von denen“ gekannt und waren dabei, wenn sie „gehänselt“, geplagt und ausgegrenzt wurden.

©/® Copyright by Herr Oter


Der Film zum Thema:  
« Der Verdingbub» von Markus Imboden
   Basierend auf 100'000 wahren Geschichten 




:-± 


Montag, 14. November 2011

Agathe





Agathe

Ich vermisse ihn so sehr“, sagt Agathe zu mir.
„Weisst du, er war mir der Liebste. Er hat mir nur Freude gemacht. Er war halt speziell.
Er war sehr neugierig. Er wollte immer alles wissen, allem auf den Grund gehen, überall dahinter sehen.
Und er hat viel gelesen, von klein auf – er war der Einzige, der so viel gelesen hat. Auch diese Leidenschaft hat uns beide verbunden, mehr als mit den Anderen. Ja, das Lesen und dann das Sprechen darüber, das war interessant. Über Gott und die Welt. Mit ihm konnte man über alles sprechen. Er war sinnlich, spirituell und offen für alles. Auch in die Kirche kam er gerne mit – die Anderen weniger, ausser wenn sie mussten. Wie auch mein Mann, vor allem wegen seines Amtes musste er sich halt auch dort zeigen.“

Agathe nimmt ihre Geldbörse hervor, klappt sie auf und zeigt mir das kleine, schwarzweisse Porträt – die einzige Foto, dort, hinter einer Plastikfolie. Der Platz daneben ist leer und diese Leere ist auf beide Seiten des Bildes gleichmässig verteilt.
Die Abbildung zeigt einen sympathischen jungen Mann, schmales Gesicht, scheues Lächeln, aufmerksame Augen.
„Ich weiss wenig von ihm“, sage ich, „dich habe ich nie gefragt – ich spüre doch, wie sehr du darunter leidest.
Ich weiss auch nicht, ob du mir jetzt etwas erzählen möchtest – vielleicht wie es passiert ist?“
Sofort glitzern Tränen in ihren Augen.
„Es war ein Autounfall, am Dorfeingang, kurz bevor er zu Hause war. Aber er ist nicht selber gefahren, er sass auf dem Beifahrersitz.
Mit seinen beiden Kollegen besuchte er ein Konzert in der Stadt, sie fuhren mit dem Zug.
„Du musst nicht auf mich warten oder dich sorgen, Mutter“, sagte er, „wir kommen mit dem ersten Zug am Sonntagmorgen wieder zurück.“
Nachtbusse gab es damals noch keine.
Sie haben dann aber einen getroffen, dort in der Schür, der kommt von unserem Ort. Das ist ein Anständiger, der fährt normal, keine Drogen, kein Alkohol. Er war mit dem Auto unterwegs und hat die Drei mitgenommen. Die beiden anderen sassen hinten. Beim Dorfeingang ist der Fahrer eingenickt, Sekundenschlaf. Das Auto krachte rechts in einen grossen Stein. Mein Sohn war sofort tot, die anderen kaum verletzt“.
„Entschuldige bitte“, sagt Agathe und wischt sich rasch die Tränen von den Wangen. Mir erscheint sie noch schmaler und kleiner als sonst, hängende Schultern, fahles Gesicht - ein Häufchen Elend.
„Dass er nicht selber gefahren ist, macht es sicher auch nicht einfacher“, versuche ich hilflos abzulenken.
„Ich mache dem jungen Burschen keine Vorwürfe, er war immer ein Anständiger, hatte nichts getrunken oder genommen, das hat man untersucht. Er ist einfach kurz eingenickt, ohne, dass er es gemerkt hätte. Er leidet ja auch unter dem Unfall. Er hat mich auch oft besucht – vor allem am Anfang. Es war einfach Pech.“
Das Nastuch wischt wieder verschämt über ihre tränenden Augen.
„Vielleicht war der Lebensweg deines Sohnes einfach zu Ende“, versuche ich etwas zu trösten. „Seine Aufgabe hier, davon bin ich überzeugt, war erledigt. Wie alt war er, als es passierte?“
Keine neunzehn Jahre alt. Es ist kaum zu verstehen, warum so ein junger Mensch sterben muss – und dann gerade er. Er hatte doch so eine interessante Zukunft vor sich, er mit seiner Neugier und seiner Belesenheit. Er, der so lieb war! Nie hat er etwas Unrechtes getan.“
„Vielleicht deswegen, liebe Agathe, vielleicht gerade darum war er so ein Lieber, so ein Interessierter, so ein Intensiver. Er hatte nur wenig Zeit. Er gab dir seine Liebe konzentrierter, er holte sein Wissen schneller und lebte sein kurzes Leben intensiver als deine beiden anderen Kinder. Denn er hatte weniger Zeit zur Verfügung. Vielleicht hat er es – nicht gewusst– aber im Unterbewusstsein – man weiss ja nie....“
„Seine beiden Freunde, die beim Unfall dabei waren, kamen später einmal vorbei. Sie müssten mir etwas erzählen, meinten sie etwas zögerlich.
Kurz vor dem Unfall – einige Tage davor sei es gewesen – sie Drei seien, oberhalb des Friedhofes – also, diesen Weg dort hätten sie genommen und er habe gesagt – es töne jetzt verrückt – aber, er habe damals gesagt, dass er noch in diesem Jahr dort unten liegen werde – dort unten auf dem Friedhof.
Sie wären in guter Stimmung gewesen und darum hätten sie damals nur gelacht und ihn überhaupt nicht ernst genommen. Erst im Nachhinein – nach dem Unfall, sei ihnen das wieder bewusst geworden.“

Ein Moment der Stille stand zwischen uns.

„Zehn Jahre ist das jetzt her und – ich vermisse ihn noch immer, jeden Tag.

©/® Copyright by Herr Oter



:-/



Donnerstag, 22. September 2011

Marie


°



Marie

Liebe, wie sie heute zu Nachkommen üblich sei, habe sie als Kind nie erfahren, sagt die fast neunzigjährige Marie, als ich sie im Alterszentrum, wo sie seit Kurzem wohnt, besuche.
Als Älteste von dreizehn Kindern habe sie schon sehr früh vor allem Arbeit und Verantwortung gekannt. Sie könne sich kaum erinnern, dass sie einmal nicht auf jüngere Geschwister habe aufpassen müssen, sei es auf dem anderthalbstündigen Schulweg, beim Vieh hüten oder beim Sammeln von Beeren, Pilzen, Kräuter und anderem Essbarem, das die Natur hergab. Auch hätten sie sich selten satt essen können - einteilen und beiseitelegen für die damals noch viel strengeren Winter, seien wichtig gewesen. Das, und das ständig fehlende Geld, liessen immer nur das Notwendigste zu.
Freizeit gab es kaum, meistens hätten Haus-, Stall-, Feld- oder Handarbeiten gemacht werden müssen. Denn, „Zutun gab es immer - und Kinder waren, aus heutiger Sicht, vor allem dazu da, Arbeiten zu übernehmen und mitzuverdienen, sobald sie dazu imstande waren.“
Aber schlimm sei das damals für sie nicht gewesen. Denn alle, die sie kannte - in diesem, damals als ärmste Gegend der Schweiz geltenden Hochtal - hätten es nicht besser gehabt.
Man kannte einfach nichts anderes“.
Allen sei es so ergangen, ausser den paar wohlhabenden „Studierten“, die geachtet waren oder den jämmerlichen Krämerseelen, die zwar bewundert, aber zugleich verachtet wurden, weil sie Trunksucht, Krankheiten und familiäres Leid gnadenlos ausnutzten und schlussendlich den mausarmen Bauern in den schlimmen Jahren zwischen den Kriegen, die Höfe für ein Butterbrot abluchsten.

Die übelste Erinnerung an ihre Kindheit, vermutlich sogar die schlimmste Erfahrung ihres Lebens war, als ein plötzliches Unwetter mit anhaltendem Platzregen, sie und ihre Geschwister beim Hüten der kleinen Vieherde auf einem Weideplatz, weit weg des abgelegenen Heimathofes überraschten.
In ganz kurzer Zeit verwandelte sich ein friedliches Wiesenbächlein, das querend oberhalb des kleinen Heustalls die von Wald gesäumte Matte durchfloss, in einen reissenden Wild-Bach. Schon bald riss beidseitig des kleinen Unterstandes eine Schlammlawine einige ihrer Geissen und Zicklein mit in den Wald.
Ich hatte solch unglaubliche Angst, als ich hilflos zusehen musste, wie die armen Tiere fortgeschwemmt wurden, während ich versuchte, die verängstigten Geschwister und restlichen Tiere in Sicherheit zu bringen. Doch ich habe spürte, dass das einfache Hüttchen, das uns noch vor der gewaltigen Schlammmasse schützte, der Naturgewalt mehr lange standhalten konnte und, dass wir somit in Kürze den gleichen, todbringenden Weg wie die Geissen würden gehen müssen. Ich war mit der Situation und der riesigen Verantwortung völlig überfordert.“
Doch plötzlich, aus zunächst unersichtlichen Gründen, sei eine grosse, unterspülte Tanne mit lautem Getöse umgestürzt und habe sich parallel zum Bach schützend vor die derangierte Hütte gelegt.
Die Gefahr war gebannt.
Ob der Zufall oder Gottes Hand im Spiel war, wisse sie nicht, doch glaube sie heute eher an Letzteres.

Der wild gewordene Bach habe unten im Dörfchen grosse Schäden angerichtet, ja, ganze Dorfteile weggerissen und verwüstet. Ihre Eltern, die bei anderen Bauern als Hilfskräfte gearbeitet hätten, hätten ebenfalls bange Stunden erlebt, bis sie wussten, dass ihre Kinder, Gott sei Dank, das Unwetter heil überstanden hatten - auch wenn die fehlenden Geissen und das Geröll auf der Matte ein erheblicher Verlust bedeutete.

Diese verantwortungsvolle und harte Kindheit habe sie jedoch vor allem positiv geprägt. Sie habe meistens in ihrer fünfundfünfzigjährigen Ehe „geführt“, „vorangetrieben“ und „weiter gebracht“. Oft habe sie „den Karren aus dem Dreck gezogen“ und das Leben in die richtigen Bahnen gelenkt. Dazu habe natürlich auch ihr Ehemann viel beigetragen, arbeitsam, gutmütig genügsam und grosszügig wie er war.
Er, der ebenfalls aus einer dreizehnköpfigen Kinderschar stammte, aber als jüngster eher das Gegenteil von ihrer Kindheit erlebte, habe sich ihr immer wunderbar angepasst und sei froh gewesen, wenn jemand anderer die Zügel in beiden Händen hielt.
Wäre er wie ich oder ich wie er gewesen - das Gespann hätte nie so gut und so lange harmoniert.“

©® Copyright by Herr Oter

:-)