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Dienstag, 19. April 2016

Ich wollte nie Lokomotivführer werden




Ich wollte nie Lokomotivführer werden


Als Kind wollte ich nie, wie die anderen, ein Pilot, Lokomotivführer, Fussball-Profi oder Polizist werden. Ich wollte ein Senn sein! Der Stallgeruch hatte es mir angetan.

Natürlich lag ich auch damit wieder 'verkehrt'. Denn in unserer Familie gab es weder einen Stall, noch war jemand in der Verwandtschaft ein Bauer. Vermutlich gibt es sogar in unserem ganzen Stammbaum, seit unseren Walser-Vorfahren, kaum noch Alphirten oder Sennen.

Aber auf meinem Schulweg lagen drei Bauernbetriebe und besonders den von Bauer Hartmann besuchte ich täglich mehrmals. Ich kannte jede Kuh im Stall – es gab zwar nicht viele, aber ich war über jedes Geschehen im Stall immer bestens informiert. So dauerte mein Schulweg halt meistens auch einiges länger, als bei meinen Brüdern. War eine krank oder kam bald ein Kalb zur Welt, konnte es auch einmal noch etwas später werden. Das gab dann einigen Ärger, besonders in der Schule und manchmal halt auch Zuhause, wenn ich es übertrieb. Aber das Leben im Stall war für mich einfach spannender, als die blöde Schule und die lästigen Hausaufgaben.

Dafür hatte ich dann Zuhause, als Entschuldigung sozusagen, immer etwas Spannendes zu erzählen.
Besonders meine Mutter war, nachdem der erste Ärger abgeflaut war, an meinen Erzählungen aus dem Stall durchaus interessiert, denn sie war in der Stadt aufgewachsen. So hätte sie, erzählte sie später manchmal, auch interessiert meinem atemlos vorgetragenen Bericht über die Geburt eines Kalbes zugehört. Blöd sei nur gewesen, dass just in dem Moment, als es richtig spannend wurde und „da hinten bei der Kuh etwas herausgekommen“ sei, Bauer Hartmann zu mir gesagt hätte, es wäre nun wohl besser, wenn ich nach Hause gehen würde.

Doch in so einem Stall erfuhr man natürlich nicht nur Stallgeschichten, da war durchaus das halbe Dorfgeschehen ein Thema und ich, als aufmerksamer Zuhörer, brachte diese Neuigkeiten dann nach Hause. Damit konnte ich glänzen, im Gegensatz zu meinen schulischen Leistungen.

Schon bald hatte mein Vater für mich einen scherzhaften Übernamen gefunden: 'Early Bird' – den Namen des ersten kommerziellen geostationären Fernsehsatelliten weltweit, der damals ins All befördert wurde. Dieser 'Early Bird' konnte sagenhafte 240 Telefongespräche oder eine Fernsehsendung von weither übertragen und war damit der Beginn der internationalen Telekommunikation.

Damals, im Gegensatz zu heute, war es nicht üblich, volkstümliche Musik im Stall abzuspielen, damit die Kühe sich wohler fühlten und mehr Milch gaben. Trotzdem war ich ganz begeistert von 'Ländlermusik' und Jodel-Gesang. Natürlich wieder als einziger in der Familie. So war dann auch meine erste eigene Schallplatte aus dieser volkstümlichen Musiksparte. Diese kleine schwarze Vinil-Scheibe, ich hatte sie geschenkt bekommen, enthielt vier Jodellieder, komponiert vom „Holzgüetler“ Siegfried Zihlmann-Steffen und gesungen von der Älplerjodlergruppe Zihlmann aus Schüpfheim. 




Ein Lied darauf hiess 'Du Allerwelts Schätzeli', ein anderes 'z’Flüeli Dörfli'. Es beschreibt ein kleines Örtchen im von mir damals weit entfernten Entlebuch. Ich habe diese beiden Lied bestimmt einige hundertmal abgespielt und noch heute, nachdem ich sie Jahrzehnte nicht mehr gehört habe, erzeugten sie bei mir noch immer die gleichen Empfindungen wie damals. (Hier eine Coverversion)

Einige Jahre später habe ich dann, weit ab von Zuhause, in einer grossen Stadt, ein nettes 'Mädchen' aus genau diesem 'Flüeli Dörfli’ getroffen. Sie blieb während dreissig Jahren meine Partnerin …
Zufall oder Vorhersehung?


Um eine 45er Vinylschallplatte  und eine Kindererinnerung geht es auch in einer früheren Anekdote


:)

Sonntag, 17. April 2016

Ich küsse nicht gerne



Ich küsse nicht gerne


Ich mag sie einfach nicht – diese imaginären Luftküsse, links und rechts, knapp an den Ohren vorbei, zur Begrüssung oder zum Abschied. Wange an Wange mit Frauen, die ich kaum kenne, das ist mir einfach zu nahe, zu eng und zu intim. Ich finde es ehrlicher, sich anständig die Hand zu geben und in die Augen zu sehen. Denn in den Augen des Gegenüber, erkenne ich mehr, als an seinen Ohrläppchen.

Aber vielleicht ist die Abneigung gegen diese Begrüssungs-Küsserei auch einfach ein Trauma aus Kindertagen … (hier: Loni - ein Albtraum)

Nicht, dass ihr jetzt denkt, ich sei ein genereller Kussmuffel!
Nein – aber ich bevorzuge für solche 'Lippenbekenntnisse' einfach die richtige Person und die passende Situation. Ich küsse nicht jede zur Begrüssung und umarme schon gar nicht jeden, auch wenn sich das unter Männern immer mehr verbreitet. Ich habe nichts gegen eine Umarmung zwischen Vater und Sohn als Zeichen von Verbundenheit und Respekt; obschon, bei meinem Vater hätte ich das nie gemacht. Das war damals bei uns einfach nicht üblich.

Mir ist es unangenehm, wenn ich von Personen geküsst und umarmt werde, die ich noch nicht lange kenne oder die mir eigentlich gar nicht sonderlich sympathisch sind.
Doch wie mache ich das in einer Gruppe? Da müsste ich ja eine Auswahl treffen. Das geht natürlich nicht – entweder alle oder keine. Ich habe mich für keine entschieden.

Doch das kommt nicht immer gut an und so trete ich bei weiblichen Kuss-Fans manchmal ins Fettnäpfchen. Sie will, ich nicht!
So einmal geschehen bei einer Arbeitskollegin, die in einer ganzen Gruppe von mir fremden Frauen stand. Meine Kollegin und ich hatten uns bei der Arbeit noch nie zur Begrüssung geküsst, nicht einmal die Hand gegeben. Aber an dem Tag … ich hielt natürlich bei allen eine Armlänge Distanz, auch bei Ihr, wie immer.
Die Reaktion kam am nächsten Arbeitstag: „Du hast mich vor den Anderen schön blamiert!” funkelte sie mich böse an. „Aber wir hatten doch bisher noch nie …” meinte ich etwas verlegen. „Ja schon, aber heute ist das eben üblich – ich stand vor meinen Kolleginnen da wie ein Depp!”, giftelte sie mich an.

Seit diesem Vorfall bin ich mit dem Begrüssungskuss etwas 'grosszügiger’ geworden – wenn es sich gar nicht vermeiden lässt – denn ich will ja niemanden kränken.
Doch noch immer gehe ich erstmal mit ausgestrecktem Arm auf die Leute zu, um den Abstand zum Gegenüber zu steuern. Doch nicht selten treffe ich dann auf Frauen, die das Küsschen-Ritual regelrecht einfordern. So stehe ich dann steif da und lasse mich zum Ritual hin und her zerren.
Scheinbar muss ich diese Menschen ans Herz drücken, auch wenn mir das unangenehm ist. Oder habe ich als Mann eine faire Chance diese Begrüssungsform zu vermeiden, ohne die Frauen zu verletzen?

Diese 'gesellschaftliche Küsserei' auf die Wangen ist, zumindest bei uns, ja nicht althergebracht oder kulturell begründet.
Zwar kennt man den gehauchten Wangenkuss bereits seit frühchristlicher Zeit – als 'Friedenskuss', dem Zeichen einer vollständigen Versöhnung und Freundschaft.

Auch der Wangenkuss mit darauffolgendem festem Schmatzer auf den Mund, von Mann zu Mann,  der sogenannte 'Bruderkuss', hat Tradition und war vor allem in der sozialistisch Zeit der Sowjetunion bei uns bekannt, denn es war die höchste Ehrerbietung unter befreundeten Staatsmännern. Sicher erinnert man sich noch an den Berühmtesten unter ihnen, Honecker und Breschnew, zwei alte, graue und faltige Männer, die die  Lippen aufeinander drücken. Für mich schwer zu ertragen, sogar als Bild auf der Berliner Mauer.
Daraufhin wurden Umarmungen und Küsschen unter scheinbar befreundeten Politikern als politische Machtdemonstration auch andernorts immer häufiger. Doch waren das immer wirkliche Freunde?





Umarmungen zur Begrüssung zwischen Männern oder zwischen Frauen  haben vor allem in der arabisch-muslimischen Welt eine lange Tradition. Doch öffentliche Berührungen zwischen den Geschlechtern, wie bei uns, sind dort vielerorts sogar verboten.
Diese Begrüssungsformen kennt man bei uns eher von südlichen Ländern. Auch in Frankreich hat diese Form von Umarmung mit Küsschen, die sogenannte Akkolade, Tradition, während bei uns noch lange und bis noch vor wenigen Jahrzehnten der Handkuss als korrekter, sehr formaler Gruss galt. Es war die allgemein übliche Ehrerbietung an eine geachtete Dame. Bis dann diese  bacio- bacio -Welle aus den südlichen Ländern zu uns herüber schwappte.
Zuerst, so meine ich, bei der 'Prominenz’, und dort besonders bei den Schauspielerinnen. Da wollte man vermutlich grosse Herzlichkeit demonstrieren, obschon man doch weiss, dass kaum woanders, Neid und Missgunst weiter verbreitet sind.
Inzwischen gehört, was früher dieser 'Glamourwelt' vorbehalten blieb, auch bei uns 'Normalen’ schon fast zum guten Ton.

Küsschen da, Küsschen dort, Küsschen … – ja wie oft denn eigentlich?
Denn man küsst sich nicht überall gleichviel.
In Japan, beispielsweise, ist eine Umarmung unter Erwachsenen verpönt. Auch in Schweden küsst man gar nicht – wenigstens nicht zur Begrüssung. In Deutschland, Italien und Österreich macht man es meist zweimal und in der Schweiz gibt man sich gar drei Backen-Schmatzer (hier muss man aber auch alles übertreiben …).
Nur in Paris küsst man mehr, nämlich sogar viermal! – Aber Achtung im Resten Frankreichs macht man es wieder nur zweimal – das heisst – man braucht im westlichen Nachbarland fast eine Landkarte um sich über die obligatorische Anzahl der “bises” in 'La Grande Nation' zu informieren: eines in der Bretagne, zwei in Lyon, drei im Midi, vier südlich von Nantes und sogar fünf in einigen Binnenregionen von Korsika.

Und, man küsst sich nicht überall gleich.
Da gibt es Regeln zu beobachten, sonst entstehen peinliche Situationen – entweder du hängst mit deinen Lippen plötzlich verloren in der Luft oder es gibt einen Zusammenstoss der Nasen oder schlimmer noch, ein verrutschter Kuss landet direkt auf dem Mund und du stehst dann da wie ein begossener Pudel.
Also, erst rechts, dann links, so ist es bei uns. Aber schon in Frankreich wird es kompliziert, denn dort fängt man im Süden mit der linken und im Norden mit der rechten Wange an.
Und, was manche vielleicht nicht wissen: Auch bei uns gilt, je höher die soziale Stellung, desto weniger wird richtig geküsst. So einen herzhaften, geräuschvollen Schmatzer gibt man sich eher unter dicken Kolleginnen, in der  'feinen Gesellschaft' wird nur noch unhörbar gehaucht. Wichtig dabei ist, dass man die Lippen nicht spitzt.

Zum Schluss noch eine gute Nachricht für andere Begrüssungskuss-Muffel:
Unter Geschäftspartnern küsst und umarmt man sich strikte nicht! – Das ist mir sympathisch!



;)


Dienstag, 12. April 2016

Einfach nichts mehr da!




Einfach nichts mehr da!

Manchmal habe ich Angst, dass plötzlich nichts mehr da ist.
Unbemerkt schleicht es sich langsam davon und dann werde ich – vielleicht eines Morgens beim Aufwachen – erschrocken feststellen, dass alles weg ist!
Vermutlich bemerke ich es, weil ich mich wundere, wer neben mir liegt.
Kenne ich die? Gehört sie zu mir oder liegt sie zufälligerweise dort?
Ich weiss es nicht!
Nichts ist mehr da, mein Gedächtnis ist einfach verschwunden.

Damit sind auch all die schönen Momente in meinem Leben weg.
Die Kindheitserinnerungen, der erste Kuss, die Hochzeit oder das unbeschreibliche Glücksgefühl, als ich meine Buben das erste Mal in meinen Armen hielt.
All diese 'unvergesslichen' Glücksmomente sind einfach vergessen.
Keine Erinnerungen an die Eltern, an die Lebenspartnerinnen oder an all die anderen wichtigen Dinge in meinem Leben. Was war beruflich, wo war ich auf Reisen, was habe ich alles erlebt?
Keine Ahnung! Es ist einfach nichts mehr da.
Meine Eigenart, meine Identität, ja mein ganzes Leben ist einfach verschwunden.

Vorhin habe ich mich gefragt, ob es auch bei mir mal so kommt, wie damals bei meiner Mutter?
Ob auch bei mir einmal die Diagnose 'Alzheimer' lautet?

Aber eigentlich brauche ich mir deswegen doch gar keine Gedanken zu machen.
Denn in dem Moment, an dem ich mich an nichts mehr erinnern werde, werden nicht nur alle schönen Erlebnisse verschwunden sein, sondern auch die sorgenvollen Gedanken, die mich gerade beschäftigten.



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Dienstag, 9. Juni 2015

Mein erster Kinobesuch





Mein erster Kinobesuch

 

Der französische Filmschauspieler Pierre Brice ist in Paris, 86-jährig, an einer Lungenentzündung gestorben.
Er wurde als 'Pierre Louis Baron Le Bris' in Brest geboren, war lange Zeit Soldat und gelangte 1962 als Darsteller des 'Winnetou' in den Karl-May-Verfilmungen zu Weltruhm. Nun ist der 'echte' Winnetou, edler Indianer und Häuptling der Mescalero-Apachen, nach mehrfachen schauspielerischen Wiederauferstehungen vor wenigen Tagen endgültig in die ewigen Jagdgründe eingegangen.

Das erinnert mich an meinen ersten Besuch in einem Kino.

 

Ich war damals etwa vierzehn Jahre alt. Wie die meisten kleinen Kinder hatten wir natürlich auch ‘Indianerlis’ gespielt, aber die Karl May Bücher haben mich nie sonderlich interessiert. Mir gefiel nur Winnetous Schwester ausserordentlich gut.
Darum hing bei mir über dem Bett, statt Pierre Brice als Winnetou oder Lex Barker als Old Shatterhand, ein riesengrosses Poster der jungen, damals 24-jährigen, Marie Versini, als bildhübsche Häuptlingstochter Nscho-tschi an der Wand.
Für diese Nscho-tschi ging ich auch zum ersten Mal in meinem Leben in ein Kino – mit dem Velo, im nächst grösseren Ort.

„Bist du schon zwölf?“, fragte die korpulente Kassiererin ziemlich unwirsch. Ich war etwas aufgeregt.
„Ja“, kam es kleinlaut von mir, „dreizehn!“.
„Welcher Rang?“
Was, welcher Rang? Ich kam ins Stottern.
„Oben, unten, vorne hinten?“ knapp und forsch kam die Erklärung.
„Vorne!“, sagte ich erleichtert.
So war man der Leinwand doch am nächsten, oder? Komisch nur, dass das trotzdem die billigsten Plätze waren... Aber das kam mir nicht ungelegen, denn ich hatte gelernt, mein erarbeitetes ‘Sackgeld’ gut einzuteilen.
Natürlich war ich viel zu früh. Im düsteren Kinosaal waren erst wenige Plätze in der Mitte besetzt.
Ein Mann mit Taschenlampe verlangte nach dem Billett, und scheuchte mich dann den langen Gang hinunter: „Erste drei Reihen.“
Scheu setzte ich mich auf den ersten Klappstuhl der zweituntersten, ziemlich langen Bankreihe. Ich stand dann noch einige mal auf, bis sie ganz gefüllt war. Der Holzstuhl war ungepolstert und unbequem. Man musste steil nach oben sehen und die riesige Leinwand konnte man so nahe auch nicht mit einem Blick erfassen. So löste sich dann das Rätsel mit den billigen Plätzen rasch.

Nach einiger Zeit wurde es ganz dunkel. Aber nicht der Film begann, sondern die Reklame.
Ich musste ziemlich lange warten, bis mein Idol endlich zu sehen war. Ihr erster Auftritt war auch nur ganz kurz und in einer dunklen Abendszene. Darum war sie nur schemenhaft zu erkennen. Doch der Ausstrahlung von Nscho-tschi tat das keinen Abbruch.
Danach musste ich mich wieder sehr lange gedulden, bis das schöne Indianermädchen das nächste Mal ins Bild kam. Vorher hatte ich noch einige heftige Explosionen und spektakuläre Kampfszenen mit stürzenden Pferden und vielen Toten über mich ergehen zu lassen. Alles hautnah, übermächtig gross und sehr laut. Doch das Kino-Publikum war begeistert, ich eher 'beeindruckt'. Denn Zuhause hatten wir zu der Zeit noch nicht einmal einen schwarzweiss Fernseher. Darum schloss ich manchmal einfach ein wenig die Augen, wenn mit das Ganze 'zu nahe' kam.

Irgendwann ging das diffuse Licht im Kinosaal wieder an. Ich war enttäuscht, mein Idol nur so kurz und erst noch undeutlich gesehen zu haben. Aber viele blieben sitzen, denn zum Glück war nur Pause. Schüchtern wie ich war, getraute auch ich mich nicht von meinen Platz, obschon ich eigentlich zur Toilette musste. Doch, man konnte ja nie wissen wenn es weiterging.

Nach geraumer Zeit füllte sich dann die grosse Leinwand wieder mit Leben – Indianer, Gauner, Schurken, Spassmacher und Soldaten, auch viele Pferde und wunderschöne Landschaften waren zu sehen, nur meine Nscho-tschi nicht. Wann würde sie denn endlich auftauchen?

Erst musste noch Winnetou vom Marterpfahl befreit und der böse Santer bekämpft werden. Saloons, Zeltlager und weitere Pferde flogen durch die Luft. Auch ein paar Dutzend Rothäute und Weisse wurden noch niedergemetzelt – erst dann kam endlich der nächste Auftritt meiner Favoritin.
Zum Glück, denn meine Blase meldete sich immer heftiger.

Ihr Auftritt war ein Erlebnis, das Warten und der vorangegangene Gräuel hatten sich gelohnt. Hingebungsvoll pflegte sie den am Hals verletzten Old Shatterhand. Rührend tupfte sie dem Verwundeten den Schweiss von der Stirne, während sie ihn mit ihren grossen, dunklen Augen zärtlich ansah. Man sah, dass sich die junge Indianerin zum Todfeind ihres Stammes hingezogen fühlte. Aufopfernd pflegte sie ihn, während er sich im Fieberwahn wälzte. Tag und Nacht sass Nscho-tschi im Schein einer Öllampe an seinem Lager. Dann, kaum war sie kurz eingenickt, erwachte der Genesene und versuchte sich zu erheben. Mit zärtlichen Blicken drückte sie den stämmigen Mann sanft auf die weissschwarze Fellunterlage zurück.
„Wie heisst du, wie dein Name?” fragte der Verwundete. „Sag wie du heisst!”
„In meiner Sprache Nscho-tschi, das bedeutet 'Schöner Tag'.”
Old Shatterhand und ich waren hingerissen.
Im Kino, so gross und so nahe vor mir, erschien sie mir noch viel schöner und strahlender als auf dem Poster Zuhause. Zwischendurch vergass ich sogar meine übervolle Blase.

Nach dem eindrücklichen Dialog der Beiden musste Old Shatterhand essen, damit er wieder zu Kräften kam. Dazu löffelte die Schönheit dem Helden mit zärtlichem Blick eine rote, dünne Suppe ein. Danach musste er schlafen, damit er wieder gesund wurde – nur, damit man ihn und seine beiden Kollegen später tüchtig martern und dann töten konnte. Old Shatterhand versicherte ihr zwar glaubhaft, dass er Winnetou aus den Händen der Kiowas gerettet hatte, aber er konnte es nicht beweisen.
„Aber ist es war? Schwörst du es?“, fragte darauf die angebetete Schönheit den inzwischen bereits bärtigen Patienten.
„Ich schwöre es.“
In der schönsten Szene des Films schaute das bezaubernde Indianer-Mädchen den Helden mit ihren grossen dunklen Augen nachdenklich an und sagte dann leise mit ihrem unvergleichlich 'indianischen' Akzent: „Isch glaube dir.“ Trotzig fügte sie dann noch hinzu: „Wenn du sterben musst, dann will auch isch nicht leben – das schwöre isch".
Mich betrübte diese Ankündigung nicht. Hauptsache, das Ganze dauerte nicht mehr allzu lange, denn meine Blase meldete bereits Notstand!

Nscho-tschi wollte also für ihren Old Shatterhand kämpfen und seine Unschuld und gute Gesinnung beweisen. Doch den dramatischen Rest des Filmes habe ich dann leider nicht mehr richtig mitbekommen. Ich führte meinen persönlichen Kampf – gegen den Harndrang. Sogar der tragische Tod meiner Heldin liess mich vollkommen unberührt und während das halbe Kino mit den Tränen kämpfte, kämpfte ich gegen das Auslaufen.

Was war ich froh, als der Film endlich zu Ende war!
Mit einem unglücklichen Ende für die schöne Nscho-tschi, aber zum Glück mit einem 'Happy End' für mich. Ich hatte den Kampf gegen meine übervolle Blase gewonnen und mein erstes Kinoerlebnis ging zum Glück nicht in die Hose.





Marie Versini als Nscho-tschi
© Copyright Bild-Autor: unbekannt /  Lizenz:  GNU 1.2 / Quelle: Karl-May-Wiki  




:)

Freitag, 1. Mai 2015

Drei Brüder und drei Schwestern






Drei Brüder und drei Schwestern


Wann und wie sie kamen, das weiss ich gar nicht mehr, weil ich damals noch ziemlich klein war. In meiner Kindheitserinnerung sind sie einfach plötzlich da.
Woher sie kamen, das hat man mir dann später erzählt; aus einem hoch gelegen, bekannten Bündner Winterkurort muss es gewesen sein. Ich nenne ihn hier einfach mal „Büren“ und die drei zugezogenen Schwestern dementsprechend unverbindlich „DieVonBüren“.

„DieVonBüren“ waren drei verhuschte Jungfern, ledig gebliebene Schwestern, die in meinen Erinnerungen schon immer alte Frauen waren, von Anfang an. Aber trotz eintretendem Lebensherbst wurden sie von allen „Fräulein” genannt. Natürlich auch von uns drei Brüdern, denn darauf legten die drei Schwestern Wert, bis zum Schluss. Zwar soll eine von ihnen mal verheiratet gewesen sein - diese schien uns auch die Umgänglichste - doch Genaueres wussten man nicht, zumindest wir nicht.

Diese drei alten Jungfern hatten nun also den anderen Hausteil unseres Doppel-Einfamilienhauses dem Briefträger abgekauft. Über ihn habe ich hier bereits geschrieben.  Somit waren sie jetzt unsere nächsten Nachbarn – drei alte Schwestern neben uns drei, heranwachsenden Brüdern – Seite an Seite unter einem Dach, nur getrennt durch eine gemeinsame Hauswand und einem niederen Gartenzaun.
Ob das gut gehen konnte? – Es konnte natürlich nicht!

Anfangs verlief alles noch harmonisch. Man grüsste sich gegenseitig freundlich über den hölzernen Kreuzzaun. Wir sagten zu ihnen „Fräulein“ und sie nannten uns bei unseren Vornamen. Flog mal ein Ball über den Zaun, lag er später wieder in unserem Garten. Manchmal reichten uns „dieVonBüren“ auch mal eine Tafel Schokolade hinüber. Es war vermutlich ein jahrealter Restbestand des kleinen Gemischtwarenladens in Büren, den sie von ihren Eltern übernommen und vor ihrem Zuzug zusammen jahrelang betrieben haben sollen.
Denn innen waren diese Schokoladentafeln immer bereits weisslich angelaufen. Ein Zeichen der unsachgemässen Lagerung oder des Alters? Denn eine Datierung gab es damals noch nicht. Essen durften wir die Schokolade nie, Mami misstraute der Verträglichkeit. Aber bedanken mussten wir uns dafür immer, Mami wollte das so. Manchmal gab es von den „Fräuleins“ auch Beeren, direkt von einem Strauch aus ihrem Garten, zumindest eine knappe Handvoll für uns drei.  Diese Früchte durften wir immer essen, nur gründlich gewaschen mussten sie vorher werden. Im Gegensatz zu unseren, die meistens direkt in den Mund wanderten.
Vielleicht gab es von den Nachbarinnen auch mal eine kleine Birne vom einzigen Baum, der mitten auf der Wiese zwischen unserem Grundstück und unserem Schulweg, dem Bahndamm entlang, lag. Dieses Grundstück, durch unseres von ihrem getrennt, hatten die drei extra noch dazugekauft. War es einfach Bauland, als weitsichtige, gewinnbringende Landreserve? Oder spekulierte die eine oder andere der ledigen Jungfern vielleicht doch noch auf einen eigenen Hausstand mit Partner? Gebraucht haben sie die Wiese jedenfalls nichtw. Sie wurde von einem Bauern zweimal im Jahr gemäht. Betreten durften wir sie nie, auch wenn sie sich nach dem letzten Abmähen hervorragend für Ballspiele der Quartierjugend geeignet hätte.



© Copyright Bild-Autor: Antiker / Lizenz: CC BY-SA 3.0 / aus Wikimedia Commons  



 

Überhaupt wurden die drei Jungfern im Quartier zunehmend als kauzige, unumgängliche Weiber wahrgenommen, die nur mit wenigen Kontakt hatten. Für uns Kinder aber, wurden die „Fräuleins“ mit der Zeit zu bösen Hexen. Wir waren uns einig, dass sie Kinder hassen mussten. Genau so, wie wir es aus den Märchen kannten. Eine Zeitlang hatten wir sogar richtig Angst vor ihnen.

Auch ihre Kleider sahen wie in den Grimm'schen Märchen aus. Immer dunkel und immer etwas schäbig. Dunkelblaue, bodenlange Kittelkleider – hochgeschlossen und mit Ärmeln. Darüber meistens noch ein feines, graues Jäckchen. Auch bei der grössten Hitze. Dazu eine gemusterte Schürze und ein dunkles Kopftuch. Jedoch im Gegensatz zu den Märchen, im Nacken, statt vorne zusammengebunden. Darunter leicht ergraute, schwarze Haare, zu einem Huppi (Dutt, Knopf) hinter dem Kopf zusammengebunden. Ihr langen Harre sah man jedoch selten und nie offen getragen. Ich glaube, die drei hatten all die Jahre auch immer dasselbe an. Ausser sonntags, da trugen sie stets eine braunrote Tracht mit weisser Bluse, wenn sie zur Kirche gingen. Alle drei, hurtig hintereinander her laufend.

Wir Kinder konnten uns gar nicht vorstellen, dass diese drei „Fräuleins” jemals fröhlich sein oder freundlich lächeln konnten. Missmutig, grimmig und etwas unheimlich, so habe ich die drei in Erinnerung. Und ständig huschten sie irgendwo im Garten herum. Meistens alle drei – eine hinter der anderen her trippelnd. In ihren bodenlangen Kleidern folgten sie einander mit schnellen, kurzen Schrittchen, husch, husch, wie graue Mäuse.
Schaute eine in ein Gartenbeet – kam sicher bald die Nächste angewuselt und schaute ebenfalls hinein. Dabei bewegten sich ihre Kopftücher Eulen gleich, ruckartig hin und her und murmelten dazu Unverständliches. Manchmal hörte man sie auch nur unsichtbar zwischen den Büschen brummeln. Richtig gespenstisch war das dann für uns. Doch in Wirklichkeit waren sie wohl einfach kleiner als die Büsche und sprachen leiser miteinander, als wir es uns gewohnt waren.

Arm waren „DieVonBüren“ wahrscheinlich nicht – aber sparsam. Man munkelte, dass sie sogar die getrockneten Kuhfladen gezügelt hätten, die sie an ihrem alten Ort nicht mehr zu verfeuern vermochten. Ob das wirklich stimmte, kann ich nicht sagen.
Doch beim Badewasser traf es ganz sicher und offensichtlich zu, das beobachteten wir ganz genau:
Gebadet haben „DieVonBüren“ auch einmal wöchentlich, wie wir. Das war damals so üblich. Und genau wie wir drei Brüder, badeten auch die drei Schwestern im Nachbarhaus immer am späteren Samstagnachmittag. Wir fanden auch heraus, dass die Frauen ebenfalls, wie wir Kinder auch, alle drei  im selben Badewasser badeten – wenn auch vermutlich nicht alle drei zusammen, wie wir es taten, als wir noch klein waren. Das entnahmen wir der Tatsache, dass sie danach immer nur einmal, das Badewasser „kübelchenweise“ hinausgetragen haben, um damit auch noch das Gemüse und die Blumen im Garten zu wässern. Im Gegensatz zu uns, da wurde am Ende einfach der Stöpsel gezogen.

Gewaschen wurde bei den „Fräuleins“ nur etwa einmal im Monat, damals noch im mit Holz befeuerten Waschhafen. Trotzdem hing bei ihnen nach einem Monat nicht mehr Wäsche zum Trocknen hinter dem Haus, als bei uns jede Woche. Vielleicht etwas mehr als ein Dutzend Kleidungsstücke,  ein bisschen Haushaltswäsche und sonst noch das eine oder andere. Doch an Unterwäsche an ihrer „Wöschhänki“, kann ich mich nicht erinnern. Die hätte uns Buben schon noch interessiert. Aber diese kindliche Neugier wurde von den drei Schwestern nicht befriedigt.
Dafür erinnere ich mich noch gut an ihre Bettwäsche. Denn die weissen Barchent-Ober- und Unterleintücher wurden jeweils im Frühling und im Herbst von ihnen sorgfältig zum Bleichen in der Sonne ausgelegt, ein herrlicher Kontrast auf der sattgrünen Wiese.

So wussten wir vieles von ihnen, weil wir sie genau beobachtet haben. Doch ich bin überzeugt, dass sie es mit uns genau so machten. Wir waren sicher ein Teil ihres Lebensinhaltes, sorgten vermutlich für viel Gesprächsstoff und leider zunehmend auch für Ärger.



 © Bild von: Utoplec  / Lizenz: CC0 / by: pixabay


Wann der nachbarschaftliche Frieden kippte, kann ich im Nachhinein nicht mehr nachvollziehen. Ich glaube, dass es keinen triftigen Anlass dafür gab. Es hat sich einfach mit der Zeit hochgeschaukelt. Irgendwann kamen die Bälle immer später zurück. Mit der Zeit holten wir sie dann selber durch das Gartentor. Als es verschlossen wurde, kletterten wir über den Zaun. Das bescherte uns dann ein heftiges Geklopfe am Fenster. Später kamen dann  noch Schimpfwörter dazu. Deswegen holten wir uns die Spielbälle einfach nach dem Eindunkeln. Daraufhin verschwanden sie bereits vor dem Eindunkeln aus ihrem Garten und blieben dafür tagelang verschwunden. Mit der Zeit, sahen wir unsere verschossenen Bälle oder anderen Spielsachen dann zusätzlich tagelang ausgestellt hinter dem Fliegengitter auf ihrer Fensterbank im zweiten Stock. Ich erinnere mich noch gut, dass mein blauer Hula-Hoop-Reifen mindestens drei Wochen lang an einem ihrer Fensterladen angehängt war. Das war schon sehr bitter, den beliebten Ring tagtäglich unerreichbar ansehen zu müssen. Irgendwann hatte Vater dann genug und er hat dem üblen Spiel der „Hexen“ mit einem energischen Besuch bei den „Fräuleins“ ein Ende gesetzt.

Aber von da an, war es mit dem Nachbarschaftsfrieden ganz vorbei. Wir drei Buben haben die drei Schwestern mit allen Mitteln geärgert und umgekehrt genau so. Die Frauen wurden zu alten Hexen, wir Kinder zu unerzogenen, rotzfrechen "Gofa" (bösen Kinder). Unsere kleinen Unarten wurden zu untolerierbaren Ungezogenheiten, ihre fehlende Toleranz zu Kriegserklärungen. Ein Pingpong-Spiel der Feindseligkeiten. Kinderkram und doch nichts, worauf man heute noch stolz sein könnte.

Kürzten wir auf dem Schulweg die Ecke ihrer Baulandreserve ab, provozierte das wieder ein heftiges Geklopfe ans Küchen- oder Schlafzimmerfenster und machten wir noch eine „Zusatzschleife“ erzeugte es dazu noch wüstes Geschimpfe. Immer wieder probierten wir es aus und jedes Mal funktionierte es. Denn sie sahen uns immer! Die müssen den ganzen Tag hinter dem Vorhang gesessen haben, oder zumindest eine der dreien. Vielleicht nach einem festen „Sitzplan”… Ich muss bei dem Gedanken heute noch Schmunzeln, obschon es für die drei Schwestern sicher nicht lustig war, uns auszuhalten. Dieser unschönen Sache wurde dann mit einigen dicken Holzposten und einem dazwischen gespannten Draht ein Ende gemacht. Scheinbar! Denn wie es Kinder so haben, schlenderten wir auf dem Heimweg dem Zaun entlang und liessen den Draht durch die geballte Faust schleifen. Das hatte die gleiche Wirkung, wie vorher, als wir den Weg abkürzten – die Fensterscheiben mussten wieder daran glauben.

Ich muss gestehen, wir drei Brüder haben die drei Schwestern im Nachbarhaus mit gemeinsamem Dach, zunehmend absichtlich geärgert. Waren unsere Eltern abends mal abwesend, was nicht oft vorkam, so haben wir das natürlich ausgenutzt und spät am Abend ziemlich viel Lärm in unserem Haus gemacht, Türen geschlagen und die Rolling Stones aufgedreht, was das Radio hergab. Klar wussten wir längst, dass die drei Frauen mit den Hühnern zu Bett gingen und die Fensterläden zuzogen, wenn wir im Sommer abends draussen noch gespielt haben. Aber was kümmerte das uns? So dauerte es jeweils nicht lange, bis es an der gemeinsamen Wand energisch klopfte – wir haben dann nicht weniger heftig zurück geklopft.
Die Reklamationen, am nächsten Morgen bei unserer Mutter, blieb natürlich nicht aus. Anfänglich wurden wir von ihr ermahnt, mit der Zeit hingegen, hat uns Mami nur noch gebeten, es nicht zu übertreiben.

Dramatisch wurde die Lage, als wir von den herrlichen Schwarzen Johannisbeeren der Nachbarinnen naschten. Die Büsche wuchsen zwar in ihrem Garten, aber die Zweige streckten sich, dick behangen mit den feinen süssen Früchten, durch den Zaun weit in unseren. Dem Vater waren diese Zweige sowieso ein Dorn im Auge und so erlaubte er uns, von den Beeren zu naschen. „Schliesslich hängen sie auf unserem Grund und Boden“, meinte er lakonisch dazu. Unser Vater war in solchen Sachen immer ganz genau und konsequent. Zwar hatten wir Johannisbeeren auch in unserem Garten, aber vor allem die Roten und die aus dem Nachbargarten waren doch einfach viel süsser…
Nachdem wir das erste Mal davon genascht hatten, waren die Zweige auf unserer Seite am nächsten Tag mit einer seltsamen, weissgrauen Schicht dick „überzuckert”. Das kam uns schon etwas komisch vor und Mami wurde zu Rate gezogen. Zum Glück, denn unsere lieben Nachbarinnen hatten die Zweige dick mit Pirox, einem hochgiftigen Pflanzenschutzmittel gegen Schädlinge, eingestäubt. Mutters Rebschere machte der hochgiftigen Abwehrmassnahme gegen den vermeintlichen Mundraub der Nachbarskinder ein radikales Ende. Die Büsche waren damit zugleich auch wieder auf die nachbarliche Grenze zurückgeschnitten.

Mit der Zeit liess unser Interesse an den drei alten Frauen aber immer mehr nach. Jüngere weibliche Geschöpfe wurden interessanter. Später wurde auch das Verhältnis unserer Mutter mit den Frauen eher besser, aber gepflegte Nachbarschaft wurde nie daraus. 




Hula-Hoop-Reifen
 © Copyright Bild-Autor: Ljame015 / Lizenz: CC BY-SA 3.0 / aus Wikimedia Commons  



;)






Freitag, 13. Februar 2015

Frau Hueber





Frau Hueber



Frau Hueber zieht den weissen Unterrock über die behaarten Beine nach oben. Beim Gesäss wird es eng. Sie hatte es vorher schon von oben versucht, über den Kopf, aber da blieb sie bereits bei den Schultern stecken. Also, da muss sie nun einfach durch, für Anpassungen bleibt keine Zeit mehr. Zum Glück kann sie dank des schönen Wetters wenigstens auf die  halblange Unterhose verzichten, sonst wäre es noch enger geworden. So zerrt Frau Hueber nun kräftig am groben Leinen – geht doch, oben sitzt der Gummizug auf der Hüfte und der kunstvolle Spitzensaum reicht bis über die Knöchel. Passt!
Ermutigt greift Frau Hueber nun zur bestickten Rüschenbluse, die ebenfalls aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts stammt. Die war ja schon immer etwas eng an den Schultern und den Oberarmen. Aber sie passt bestimmt noch, denn dort hat sie nicht zugelegt. Der feste Stoff ist blütenweiss und glatt gebügelt, so wie es sich für ein ordentliches ‚Wöschwyb‘ gehört. Zwar hat sie nur einmal im Jahr einen Auftritt an der Fasnacht, aber immerhin, da will man doch eine gute Figur abgeben.

Jedoch, Frau Hueber hat in diesem Jahr Mühe in Fasnachtsstimmung zu kommen. Etwas ist in den letzten Tagen ist leicht aus dem Takt geraten, aber vielleicht liegt es auch nur am trüben Wetter der letzten Zeit. Doch nun kann sie sich keine Blösse geben. Spätestens, wenn sie das Altersheim betritt, muss sie in fasnächtlicher Hochstimmung sein. Dafür ist sie gekommen und das erwarten auch die betagten Bewohner von ihr; davon sprechen sie seit Tagen.

Während sie die lange Knopfreihe zuknöpft, überlegt sich Frau Hueber ob sie den BH noch etwas ausstopfen sollte, um den Bauchansatz zu kaschieren. Dabei muss die alte Tante nun doch etwas lächeln, denn sie ist froh, dass sie sich solche Sorgen nur einmal im Jahr machen muss. Jetzt steigt sie in den schwarzen Rock. Kein Problem, der sitzt perfekt. Er ist etwas weiter geschnitten und ein Stück kürzer, damit der schön bestickte Saum des engen Unterrockes sichtbar bleibt.

Nun legt sich Frau Hueber den gehäkelten, schwarze Umhang über die Schultern. Frau Ambauen hat auch manchmal ein ähnliches Tuch übergezogen, wenn ihr ein wenig kalt war. „Selber gestrickt“, erwähnte sie dann oft und hat sich gefreut, wenn man den Umhang lobte. Nun ist sie tot. Gestern Nachmittag verstorben. Frau Hueber überzieht bei dem Gedanken eine leichte Gänsehaut. Viele Nachmittage hatten sie zusammen mit den anderen am grossen Tisch in der Cafeteria des Altersheimes verbracht. Kaffee trinken, Dessert essen, reden, schweigen, lachen, ja es ist oft eine lustige Runde. Doch Frau Ambauen war nicht leicht zum Lachen zu bringen. Sie war eine ernste Frau. Sie hat viele Schicksalsschläge hinnehmen müssen - ein Sohn behindert; der Mann – na ja, Gott hab in selig – und ihre Tochter ist dann vor zwei Jahren auch noch viel zu früh gestorben. „Dass das Kind vor einem stirbt, wenn man doch selber alt und angeschlagen ist, das ist ungerecht“, hat sie einmal traurig zu mir gesagt. Die Tochter hatte sie regelmässig besucht, darum hatte ihr Tod Frau Ambauen vielleicht auch besonders schwer mitgenommen; darüber ist sie nie ganz weg gekommen. Zur Beerdigung wurde sie von der eigenen Familie, die im gleichen Ort wohnt, nicht einmal persönlich abgeholt – ein Begleitungs-Auftrag wurde ans Heim erteilt. Die selten Besuche der danach noch verbleibenden Familienmitglieder, die immerhin einen stattlichen Hof erben konnten, taten dann das übrige. Sie wollte nicht mehr. Im Dezember sagte sie mir, dass sie gerne sterben möchte, weil das alles sowieso ‘keinen Sinn mehr machen würde‘.
Nun liegt sie oben in ihrem Zimmer aufgebahrt, so wie es üblich ist. Und morgen Abend wird das Sterbegebet für Frau Ambauen in der Heimkapelle abgehalten. Ich werde dabei sein, ganz normal gekleidet.

Nun gilt es aber zuerst, trotzdem gute Stimmung an der Heim-Fasnacht in der Cafeteria zu verbreiten. Ist das pietätlos? Nein, das ist das Leben! Der Tod gehört dazu, genau wie eine Geburt. Damit hat Frau Hueber keine Mühe und als ‚Figur‘ sowieso nicht. Denn früher wurden die ‚Wöschwyber’ oft gerufen, um die Toten zu waschen und anzukleiden. Das gehörte vielerorts zu ihren Aufgaben.

Frau Hueber atmet tief durch, zieht sich das schwarzweisse Kopftuch über ihre grauen Haare und knotet es vorne zusammen. Danach zieht sie die von Mutters Hand grobgestrickten Socken an und steckt die Füsse in die klobigen Schuhe. Probelauf – an die stöckelnden Schritte im engen Unterrock, muss sie sich erst wieder gewöhnen. Kein Wunder, dass Frauen manchmal zu spät zu einem Treffen kommen, bei diesen kleinen Schritten, denkt Frau Hueber verschmitzt. Entschlossen greift sie nun zur geflochtenen Handtasche. Sie stammt noch von ihrer Grossmutter. Sicher wird das elegante Täschchen von den Bewohnerinnen auch heute wieder besonders bewundert und gelobt.
Vorsichtig betätigt Frau Hueber den Schliessmechanismus und zieht den Zipfel eines karierten Taschentuches ein wenig hinaus. So fertig.
Ein Blick in den Spiegel – alles sitzt und passt auch einigermassen. Jetzt bitte lächeln Frau Hueber – Mundwinkel nach oben!
In Kürze wird ein altes, gebeugtes Waschweib am schwarzen Gehstock ins Altersheim humpeln. Am linken Arm ein schwarzes Täschchen. Eine vollendete Komposition aus schwarz und weiss. Passt doch! Lächeln Frau Hueber, lächeln! Fasnachtsstimmung wie immer – schauspielern ist sich Frau Hueber ja gewohnt.

©/® Copyright by Herr Oter 






;)

Montag, 5. Januar 2015

Schnee




 
Schnee

Vor einigen Tagen gab es bei uns wieder einmal richtig Schnee - so, wie schon lange nicht mehr. In der ersten Zeit, als Wege und Bäume noch dick mit dem flaumigen Weiss überzogen waren, wähnte man sich in einem Märchenland, so wunderschön zeigte sich die glitzernde Pracht im Sonnenschein. Mir hat dieser Anflug von „tiefem Winter“ richtig gefallen.
Inzwischen sind die Wiesen bereits wieder grün, die Bäume wieder schwarz, genau so, wie die geteerten Strassen. Die meisten Autofahrer werden froh darüber sein, denn während dem Schneetreiben zwischen Weihnachten und Neujahr, waren viele von ihnen mit dem glitschigen Weiss heillos überfordert. Die Zeitungen mit den grossen Buchstaben schrieben von „Schnee-Chaos“, „Winter-Inferno“ und, „nichts geht mehr bei der Bahn und auf der Strasse“ – und das wegen 20 - 30 cm Neuschnee.
Wie hat man das bloss früher gemacht?



«Ich erinnere mich dabei an meine Kindheit, als der Schnee so hoch lag, dass wir uns, ohne das Gartentürchen zu öffnen, über den Gartenzaun auf den Schulweg machen konnten. Hüfthoch stapften wir dann dem Eisenbahndamm entlang, bis wir auf eine gepflügte Strasse kamen.
Gepflügt wurde zu dieser Zeit noch mit einem Holzpflug und zwei bis vier Pferden. Zwei dicke, mit Eisen beschlagene Bretter wurden dabei keilförmig zusammengebracht und quer dazwischen mit einem breiten Balken versehen. Mit diesem verstellbaren Spreizbalken konnte die Breite des Keilpfluges je nach Strassenbreite verengt oder erweitert werden. Je weiter vorne der Balken eingesetzt wurde, desto breiter die gepflügte Spur. War zu viel Neuschnee gefallen, musste dann jeweils eine schmalere Spur genügen, damit die vorgespannten Pferdestärken ausreichten. Aber bei dem schwachen Verkehr im Winter von damals, war das kein Problem.
Auf dem Spreizbalken war ein breites Brett angebracht, auf dem drei oder vier Männer hockten, um dem Pflug das nötige Gewicht zu geben. Dabei hielten sie ihre Schneeschaufeln aus Holz senkrecht in die Höhe, um sie nötigenfalls zum Einsatz zu bringen. Das war eine gute Einnahmequelle für die zahlreichen Bauern in unserem Dorf, die früher viel unproduktive Zeit im Winter hatten. Einen dicken „Stumpen“ oder eine „es Pfiffli“ gehörte bei den Mannen natürlich auch dazu. An den Qualm kann ich mich noch gut erinnern, er schwebte danach noch für kurze Zeit in der Luft, genau so wie der penetrante Geruch der Pferde. Manchmal gab es unterwegs für die Männer auch etwas zu trinken, wenn sie einer älteren Frau den Hauszugang freischaufelten und vereinzelt durften wir Kinder sogar ein Stück mitfahren. Ja, man hatte zu jener Zeit noch viel mehr Zeit.
Diese Holzpflüge räumten natürlich nicht so sauber wie heute und so wurde die festgefahrene Schneedecke auf der Strasse immer dicker und spiegelglatt. Das Salzen der winterlichen Strassen war bei uns damals nicht üblich. Grosse und wichtige Wege wurden gekieselt. Bei breiten Strassen jedoch nur die beiden Seitenränder und bei Schmalen nur eine. Auch mit dem Kies ging man sparsam um, zu jener Zeit. Im Frühling übrigens, wurden die Steinchen dann wieder zusammengefegt, damit sie im nächsten Winter wieder eingesetzt werden konnten. Oft war der Kies auf dem Pferdeanhänger gefroren und musste mit dem Pickel zuerst gelöst werden, bevor er gestreut werden konnte.

Diese spiegelglatten Strassen waren für uns Kinder natürlich ein ideales Spielfeld. Im Stampfacker, dem Ortsteil in der Ebene, liess sich wunderbar Hockey spielen. Oben im „Tobel“, dort wo es besonders steil war, gab es eine dutzende Meter lange, eisige Rutschbahn, und in den „Bövel“, dem Hang über dem Dorf, liess sich am Mittwochnachmittag wunderbar Skifahren und Schanzenspringen. Ganz einfach: Schnee wurde gestampft, Schanze wurde aufgehäuft und dann konnte man dem Wintersport frönen – einfach ein langes Hinaufgestiegen, für eine sehr kurze Abfahrt – die Jugend damals war schon recht anspruchslos.

Unten und oben im Dorf verbindet die „Rüfigasse“. Sie wurde für die Fussgänger nur auf einer Seite schmal gekieselt. So wurde unser langer Schulweg hinauf ins Dorf zur perfekten Schlittenpiste; und sie gehörte dann ganz uns Kindern.
Autofahrer und Anwohner hatten Rücksicht auf die „Schlittler“ zu nehmen. So unglaublich es klingt: Es wurde weitgehend respektiert. Um ins Dorf zu gelangen, machten die wenigen Autofahrer einen kleinen Umweg über die parallel verlaufende, grössere Dorfstrasse. Auf der war das Schlitteln verboten und die spitzigen Steinchen wurden dort auch grosszügiger verteilt. Die Anwohner der „Rüfigasse“ fuhren dann auch meistens im Einbahnverkehr von oben nach unten. Aus Rücksicht auf uns „Schlittler“– und, damit sie keine Schneeketten montieren mussten um die Peinlichkeit eines steckengebliebenen, „spuhlenden“ Fahrzeugs zu vermeiden. Klar, es gab auch ein oder zwei AnwohnerInnen, die das laute Treiben der Dorfjugend störte. Die streuten dann nachts ihre Asche auf die Strasse, damit man ruckartig vom Schlitten flog. Aber solche Hemmnisse wurden von uns schnell wieder entfernt oder überdeckt.
Vom Theilacker im Oberdorf bis in den Stampfacker in der Ebene – wenn die Schranke der RhB offen stand. Sonst musste man im letzten Moment noch schnell kräftig nach rechts zum Bahnhof abdrehen – aber passiert ist nie etwas, soviel ich weiss.

Damals gab es nur Holz-Schlitten, meistens „Davoser-Schlitten“ aus Eschenholz gefertigt.
 

 Davoser Schlitten


Erst später hatten die Ersten dann Schlittenmodelle aus Leichtmetall.

Beim Schlittenfahren herrscht Ordnung. Dafür sorgten die Grossen. Vorrecht hatten die „Büchler“ – die bäuchlings und kopfvoran auf dem Schlitten lagen. Gesteuert wurde mit den Schuhen und gebremst mittels Anheben der Schlittenvorderseite.
Aber die absolute Königsdisziplin war dabei die „Kettenbildung“: Bäuchlings auf den Schlitten liegend bildete man eine möglichst lange Kette, indem man jeweils im Schlitten des Hintermanns mit den Füssen einhakte. So wurden ein halbes Dutzend und mehr Schlitten miteinander verbunden. Wenn der Vorderste, meistens einer der Grossen, dann noch mit Karacho in Schlangenlinie die „Gasse“ hinunterfuhr, dann landete mehr als einer, meistens die Hintersten, auf der Strasse oder kopfvoran im Schnee.
Diese langen Ketten waren gefährlich, denn sie waren am Schnellsten unterwegs und Bremsen war kaum mehr möglich. Sie kamen dafür auch am Weitesten, weit über den Bahnübergang hinaus. Aber wehe, wenn die Barriere geschlossen war –in der engen Rechtskurve "spickte" es dann fast jeden vom Schlitten und wenn mutige Mädchen darunter waren, gab es willkommenen, engeren Kontakt zum anderen Geschlecht im nächsten Schneehaufen.

Wer aufrecht sitzend fuhr, war ein „Hosaschiesser“ oder ein Mädchen. Das mitgeführte „Milchkesseli“ war auch nur bedingt eine Ausrede dafür. So ist mancher Liter Milch auf der Strecke geblieben und manches „Pfünderli“ Brot vom Theilacker, nur in dünnes Seidenpapier gepackt, während der rasanten Dorfabfahrt im Schnee gelandet. Manchmal musste man auch eine Beule oder einen Zahnverlust beklagen, aber das änderte nichts an unserer Faszination am „Böbla“, trotz den Verboten der Erwachsenen.»

(Auszug aus den Memoiren des Herrn Oter)


Ja, die Winter mit viel Schnee waren schon eine tolle Zeit für uns Kinder.
Weisse Weihnachten war vermutlich schon damals nicht immer. Aber irgendwann kam das Weiss dann trotzdem und meistens in viel grösseren Mengen als heute. Auch war die weisse Pracht in der Regel nicht schon nach einer Woche wieder vorbei – wie in diesem Jahr, in dem man die Weihnachtsbeleuchtung am 5. Tag des neuen Jahres bei Frühlingswetter "einwintern" konnte.

Da frage ich mich, ob unsere Urenkel auch noch regelmässig weisse Wintertage erleben werden?





;)







 


Mittwoch, 31. Dezember 2014






Ich wünsche allen "en guata Rutsch"
und ein gutes, gesundes und erfolgreiches 
neues Jahr

Mögen sich alle Eure 
Wünsche und Hoffnungen 
im
2015 
segensreich erfüllen.






Ich danke Euch allen,
dass Ihr hier vorbeischaut -
und wenn Ihr mal einen Zeichen hinterlässt,
dann freut mich das ganz besonders.
Ihr seit für mich
Motivation und Inspiration.
 
Liebe Grüsse
Resunad



:)


Sonntag, 21. Dezember 2014








Ein Gedicht aus meiner diesjährig, letzten Lesung 
im Adventskaffee des Altersheims. 




Ich wünsche mir

Ich wünsche mir in diesem Jahr
mal Weihnacht´ wie es früher war.

Kein Hetzen zur Bescherung hin,
kein Schenken ohne Herz und wenig Sinn.

Ich wünsche mir, eine stille Nacht,
frostklirrend und mit weißer Pracht.

Ich wünsche mir ein kleines Stück
Von warmer Menschlichkeit zurück.

Ich wünsche mir in diesem Jahr
´ne Weihnacht, wie als Kind sie war.

Es war einmal, schon lang ist´s her,
da war so wenig, so viel mehr.
(Autor unbekannt)


Ich wünsche allen,
frohe und erholsame Weihnachtstage
mit vielen schönen Momenten.



Bildquelle: Autor:  R. B.  /  Bild-ID.: 105107  / Lizens: (CC BY-NC) / by pixelio.de







:) 











Sonntag, 2. Februar 2014

Das Unglück des Briefträgers







Das Unglück des Briefträgers
 

Wenn der Briefträger zu uns kam, dann läutete es immer zwei mal, kurz nacheinander damals schon, auch bei uns im Bergdorf, und so auch an diesem dramatischen Morgen.


In meiner Jugend kam der Briefträger ja noch täglich zweimal – vormittags und nachmittags.
Manchmal kam er bei uns sogar dreimal – dann, wenn Vater einen „Express“ erwartete. Und, wir bekamen oft einen „Express“; Pakete mit wichtigen Ersatzteilen, die mein Vater für sein Geschäft mit den grossen Kühlanlagen dringend brauchte.
So ein „Express“ wurde damals vom Pöstler zu jeder Tageszeit zugestellt. Morgens kurz vor sieben, nachdem der erste Zug von Landquart gekommen war, oder abends um acht, wenn der Zug auf seiner Fahrt nach Davos zum letzten Mal bei uns Halt machte.

Dazwischen brachte der Pöstler jederzeit einen „Express“ und auch ein „Telegramm“ – kurze, wichtige Mitteilungen, die besonders rasch den Empfänger erreichen mussten. Sie wurden in einer Poststelle aufgegeben und dann über ein weltweites Telegrafen-Netz mittels Kabel an die Post bei uns übermittelt und dort aufgeschrieben. Dieses Telegramm brachte dann der Briefträger auf dem schnellsten Weg – bei uns mit dem Velo, notabene – dem Empfänger. Telegramme brachten meistens besonderes Glück oder grosses Leid, doch immer etwas Aussergewöhnliches – darum kamen Telegramme ganz selten.


Im Sommer, wenn es um sieben noch hell war, kam es auch vor, dass wir Buben vom Vater zum Bahnhof geschickt wurden, um den erwarteten „Express“ mit dem Velo abzuholen. Damit hatte der Pöstler etwas früher Feierabend und wir erledigten diese „wichtige“ Aufgabe gerne. Denn dort war es immer spannend, besonders wenn ein Zug hielt. Nur hielten bei uns ja die Züge nicht so oft, denn vielfach waren es Schnellzüge, die liessen dann, auf ihrem Weg in den berühmten Kurort im Prättigau, unseren kleinen Bahnhof links liegen.

So hockten wir schon frühzeitig ganz gespannt auf der Verladerampe vor dem langen Güterschuppen mit seinen mächtigen Schiebetüren. An den grossen Schuppen war das kleine Holzhäuschen des Bahnhofsvorstandes angebaut – oder war es umgekehrt? Jedenfalls wirkte es so.
Oben wohnte er mit seiner Familie und unten war das Büro mit dem mechanischen Weichenstellwerk. Das Prinzip dieser langen roten und blauen Hebel an den grossen Rädern war mir damals noch nicht klar, denn immerhin bewegte der Herr Bahnhofsvorstand damit „gespenstisch“ draussen die Weichen, wenn er einen dieser Hebel nach unten legte.
Gleich neben dem Büro befand sich – durch den „Billettschalter“, mit seiner dicken Glasscheibe und dem Drehteller, getrennt – der Wartesaal erster und zweiter Klasse. So stand es jedenfalls draussen auf einem Metalltäfelchen an der Türe angeschrieben. Bei unserem kleinen Bahnhof war das eher ein grösseres Wartezimmer für beide Klassen, das ständig nach abgestandenem Rauch stank.

Von unserem erhöhten Sitzplatz auf der Rampe aus, hatten wir einen guten Überblick über das abendliche Geschehen. Doch es geschah noch nicht viel. Zu sehen gab es eigentlich nur zwei Männer, die da standen – der Herr Bahnhofsvorstand und der Pöstler.
Sie standen nebeneinander – breitbeinig im typischen Grätsche-Schritt der Beamten – auf dem meistens leeren Abstellgeleise und schauten in Richtung Landquart, denn von dort sollte der Zug ja kommen.
Jeder stand da in Uniform und mit steifer Mütze – der Bähnler mit der Roten und der Pöstler mit einer Schwarzen. Der eine stand für die RhB und der andere für die PTT – der eine hielt die grüne-weisse Signalkelle in der Hand und der andere hielt sich manchmal an einem kleinen Handwagen fest. Denn ab und zu verbrachte der Briefträger die Zeit zwischen den beiden letzten Zügen im Bahnhofsbuffet – und das waren dann doch immerhin zwei Stunden.
Bahnkunden, die auf den Zug warteten, standen meistens keine da. Denn wer aus unserem Dörfchen wollte um diese Uhrzeit schon noch ins Prättigau.

Sobald die mächtige, rostbraun gestrichene Krokodil-Lokomotive mit einem kurzen Pfiff in den Bahnhof einfuhr, hoben die beiden Beamten fast synchron (meistens) die Hand zum Gruss. Der grüne Postwagen, gleich hinter der zischenden Lokomotive blieb zu unserem Erstaunen immer, wie von Geisterhand gestoppt, genau vor dem Postbeamten mit seinem Wägelchen stehen. Der nahm dann – während der Bahnhofsvorstand ein paar Worte mit dem Lokomotivführer wechselte und eine Handvoll späte Passagiere dem Zug entstiegen – ein, zwei graue Postsäcke in Empfang, die im Durchgang der geöffneten Schiebetüre schon bereitlagen.
Unser „Express“ wurde dem Pöstler am Schluss, zusammen mit anderem Wichtigen, direkt in die Hand gedrückt.

Wir äugten währenddessen durch die breite Öffnung in den Postwagen. Fasziniert von diesem kleine, fahrende Postbüro mit seinen vielen, schmalen Fächern über dem Schreibtisch. An den Wänden hingen ringsum geöffnete Postsäcke. Damit würde die Post sortierte, erklärte uns der Briefträger einmal. Auch hing in jedem Postwagen ein schwarz-weisses Velo (Fahrrad) an einem Hacken – wofür, das weiss ich bis heute nicht.
Aber am meisten erregten uns die beiden schmalen Türen, aussen, auf der rechten Seite des Postwagens. Jede hatte oben ein noch schmaleres Fenster, das mit zwei dicken, runden Eisenstäben quer unterteilt war. Das Transportabteil für Gefangene! Verstohlen linsten wir immer wieder dort hinüber und hofften, mal so einen Gefangenen zu erspähen. Doch nie konnten wir einen entdecken.
Schon bald hob dann der Vorstand seine grün-weisse Kelle, steckte seine Trillerpfeife in die Mundmitte und verabschiedete den Zug mit einem kräftigen Pfiff und aufgeblasenen Backen. Kurz darauf
nahmen wir dann, nicht ohne einen gewissen Stolz, den wichtigen „Express“ aus den Händen des Pöstlers, um ihn zusammen mit seinem Gruss, unverzüglich dem Vater in die Werkstatt zu bringen.


An diesem besagten Unglücksmorgen standen also der Briefträger und meine Mutter, wie meistens, noch kurz im Windfang vor der Haustüre und schwatzten. Denn der Pöstler war mit meinen Eltern schon lange befreundet; sie hatten einige Jahre früher ihre Häuser zusammengebaut. Ein Doppeleinfamilienhaus also. Das kam günstiger, denn es brauchte eine Seitenmauer weniger und nur einen Kamin. Aber der Briefträger hatte inzwischen seine Hälfte bereits wieder an drei alte „Jumpfern“ verkauft und wohnte jetzt oben im Dorf, näher bei der Post.
Mami hingegen ging selten ins Dorf, denn Haushalt und Geschäft, Büro und Garten und wir drei Buben hielten sie anderweitig in Trab. So schätzte sie diesen täglichen, kurzen Tratsch mit dem Briefträger, denn er wusste immer das Neuste aus dem Dorfleben. Schliesslich klingelte er – immer zwei mal, kurz nacheinander damals bei den Meisten mindestens einmal täglich. Manchmal drückte er ihnen auch im Garten, im Stall oder wenn nötig auf der Strasse „die Post“ in die Hand.  
So ein Schwatz dauerte ja normalerweise nur ganz kurz, ausser es war etwas Aussergewöhnliches, dann wurde es länger.

So auch an diesem besagten Morgen.

Auf dem Grundstück nebenan, einer Wiese mit einem Kirschen-, einem Apfel- und einem Birnbaum, waren zwei Männer daran, den Birnbaum auszugraben – aus welchem Grund weiss ich nicht mehr. Wir Kinder standen am Gartenzaun und schauten aus sicherer Entfernung interessiert zu. Nachdem die dicksten Wurzeln dieses Hochstammbaumes freigelegt und abgesägt worden waren, ging es nun darum, den ganzen Baum umzulegen. Einer zog an einem Seil, während der andere mit dem Rücken an den Stamm gelehnt, drückte. Der Baum schwankte zwar, aber er wollte trotz dem lauten Ächzen und Stöhnen der beiden, einfach nicht fallen.
Auch der Briefträger beobachtete, während dem Tratsch mit unserer Mutter, belustigt die Szenerie durch das Fenster im Windfang. Weil der Baum sich weiterhin standhaft wehrte, anerbot er dann grosszügig seine Hilfe. Schliesslich war er gross und kräftig. Nun zogen die beide Männer am Seil, während der sich Postbeamte, nicht ohne etwas Spott über die beiden Schwächlinge, mit dem Rücken am Stamm kräftig ins Zeug legte.
Hooo-Ruck“ – „Hooo-Ruck“, der Baum neigte sich bedrohlich, federte aber wieder zurück. Die Männer strengten sich noch mehr an. Die beiden am Seil und der Pöstler am Stamm brachten sich noch etwas mehr in Schräglage, um mehr Kraft aufzubringen. Mit einem weiteren, lauten „Hoooo-Ruck“ drückte der Pöstler nun ruckartig mit hochrotem Kopf gegen den standhaften Birnbaum.
Ich meine noch heute, ein Knacken gehört zu haben! Ob es der Birnbaum oder der Rücken des Briefträger war, kann ich nicht sagen.
Jedenfalls wechselte das Gesicht unseres Briefträgers von hochrot auf schneeweiss und dann ging der Mann zu Boden, während der Birnbaum noch immer stand.
Das Krankenauto brachte ihn danach ins Spital. Sein Rücken war gebrochen und es brauchte Jahre, bis er einigermassen wieder an Krücken gehen konnte.

Es kam dann ein anderer Pöstler, der weniger Kraft hatte und nichts mehr Neues aus dem Dorf wusste. Er klingelte auch nur noch ganz selten – zwei mal, kurz nacheinander. Man warf „die Post“ meistens nur noch in den Briefkasten im Windfang, ausser wenn wir dafür unterschreiben mussten. Bald kam der Postzusteller dann auch nur noch einmal, am Vormittag, und der Express mussten immer selber am Bahnhof oder im Postbüro geholt werden, wenn man sie ausserhalb der normalen Tour erhalten wollte.