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Sonntag, 24. April 2016
Theo
Theo
Alle haben sie gelacht!
Und wiederum hat er den Stammtisch fast im Alleingang unterhalten. Eine Anekdote nach der anderen – ihr schallendes Gelächter hat ihn zusätzlich angespornt. Heute Abend war er einmal mehr in Bestform.
Seine Sprüche kamen präzise und sein Intellekt arbeitete blitzschnell. Schlagfertig konterte er alle Bemerkungen und setzte so jeweils noch einen drauf – bis sie vor Lachen Tränen in den Augen hatten.
Trotzdem, niemanden am Tisch hat er gekränkt, denn Theo macht keine abwertenden Sprüche über andere. Wenn schon nimmt er sich selber auf den Arm, stilisierte sich hoch zu einer Witzfigur.
Gerade dann bekommt er am meisten Anerkennung. Dann ist er jemand! Man nimmt ihn wahr – doch keiner nimmt ihn ernst. Manch einer hat ihm zum Abschied anerkennend auf die Schultern geklopft. „Theo, du bisch eifach en glatte Siech,” und alle haben anerkennend genickt.
Aber was wissen die schon? Was wissen die von Theo! Keiner kennt ihn wirklich. Keiner sieht sein Inneres, keiner weiss von seinen Schmerz.
Nun ist er auf dem Heimweg – alleine.
Noch ein paar Gedanken an die vergangenen zwei Stunden. Er möchte sie für immer festhalten, denn sie haben ihm kurzfristige Linderung gebracht. Aber die quälende Einsamkeit und die Angst sind schnell wieder da.
Noch ein kurzes Lächeln der Erinnerung und dann ist nur noch Leere.
Mehr über Einsamkeit hier
:(
Mittwoch, 27. Mai 2015
Einsamkeit
Einsamkeit
Verwundert bleibt Flandrina stehen und schaut sich um.
Ihr Atem geht rasch, das letzte Wegstück ging steil bergan.
„Bin ich jetzt wirklich so weit gelaufen?“ fragt sie sich.
Doch da sie nun hier oben steht, muss sie weit über eine Stunde gegangen sein.
Eigentlich wollte sie ja einfach nur ein wenig der allmählich untergehenden Frühlingssonne entgegengehen. Denn nach dem hartnäckigen Hochnebel der letzten Tage, war ihr Sonnenlicht jetzt wichtig.
Tranceartig ist sie bis hierher gekommen. Auf dem ganzen Weg war sie in sich gekehrt, in trübe Gedanken versunken gewesen. Doch wie immer hatte es keine Klärung gegeben. Da konnte sie grübeln so lange sie wollte.
Flandrina setzt sich auf die lange Bank am Wegrand, genau in die Mitte unter das Kreuz mit der geschundenen Holzfigur. Einatmen, ausatmen, ruhig werden und sich entspannen. Sie lehnt sich etwas zurück, berührt das Holz mit ihrem Rücken. Einatmen, ausatmen. Sich fallen lassen. Die Atmung wird schnell regelmässiger, das Pochen im Hals ruhiger.
Die Frau in den Fünfzigern sitzt gerne hier. Da ist der Blick weit – über die braungrünen Matten mit den vereinzelten Schneeresten bis hin zu den majestätischen Berggipfeln in der Ferne. Noch sind sie schneebedeckt und zeichnen sich darum in der untergehenden Sonne umso kontrastreicher vom tiefblauen Himmel ab. Das grelle Weiss untermalt ihre Erhabenheit.
Flandrina schliesst die Augen und nimmt die Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht bewusst war. Ein Gefühl von wohliger Wärme und angenehmer Schwere macht sich breit.
„Alles halb so schlimm“, denkt sie.
„Sollte ich hier beten?“
Flandrina atmet tief ein, setzt sich aufrecht hin und verwirft den Gedanken sofort wieder. Nein, sie kann sich nicht vorstellen, hier mit gefalteten Händen zu sitzen und mit einem Gott zu sprechen an den sie gar nicht mehr recht glaubt. Schnell öffnet Flandrina die Augen wieder und sucht die Berge.
„Die haben Bestand, sind Wirklichkeit und Realität!“
„Sie sind etwas, woran man sich halten könnte“, denkt Flandrina.
Wie ein 'Fels in der Brandung' – unerschütterlich gegen die Wogen des Lebens, gegen das Auf und Ab, das Hin und Zurück.
Unweigerlich kommt Flandrina der Begriff vom 'unerschütterlichen Glauben' in den Sinn. Warum verbindet sie diese beiden Worte immer wieder mit den Bergen? Vielleicht durch den Spruch: 'Der Glaube versetzt Berge' – aber welcher Glaube?
Der kindliche Glaube an den allmächtigen Mann mit dem weissen Bart im Himmel?
Flandrina schaut nach oben und muss lächeln. Früher hatte sie sich immer vorgestellt, wie dieser gütige Mann mit dem rosa, faltigen Gesicht die Wolkenballen auseinander schiebt und wohlwollend zu ihr hinab lächelt. Das hatte lange Zeit etwas Tröstliches für sie, doch heute?
So einfach ist das alles nicht mehr. Sie hat zu viel erlebt und erfahren. Sie weiss inzwischen einfach zu viel, auch vom Leben. Zu viele Prognosen wurden gestellt und mindestens so viele Rezepte lagen bereit und doch hat sie noch keines gefunden, das ihr geschmeckt oder geholfen hätte. Alles ist jetzt fast nur noch kompliziert. Oft wünscht sich Flandrina darum diese kindliche Einfachheit zurück.
Man müsste wieder unbeschwert und ohne Gedanken durch das Leben gehen können, denkt sie sich manchmal – das wäre das richtige Rezept! Aber Gedankenlosigkeit ist das Vorrecht kleiner Kinder.
„Dann müsste man eben einfach 'das Richtige' denken,“ massregelt sich Flandrina halblaut selbst. Es erscheint ihr einfach logisch, dass sich die Zukunft eigentlich nur nach dem Verhalten der Gedanken richten kann. Trotzdem fällt es ihr schwer, immer 'das Richtige' zu denken. Immer wieder verfällt sie der Spirale der negativen Gedanken und Gefühle. Das hat ihr gerade die letzte Stunde wieder deutlich gezeigt.
Zuerst kam die Wut und die Enttäuschung, dann das Hadern mit dem vermeintlichen Schicksal, danach das Gefühl der Hilflosigkeit. Sie kam sich wieder verkehrt und minderwertig vor.
Darauf kamen die Vorwürfe gegen sich selbst: „Es ist deine Schuld, 'du' musst dich ändern, 'du' machst es falsch!
Doch eigentlich weiss sie schon gar nicht mehr, was Richtig oder Falsch ist.
Dann folgt jeweils die matte Hoffnungslosigkeit, danach die Trauer und dann die innere Einsamkeit. Dieses Gefühl von allen verlassen zu sein - der letzte Akt im Flandrin’schen Drama - sie kennt das Szenario zur Genüge.
Würde da der Glaube helfen? Wenigstens wäre dann bestimmt immer einer da …
Flandrina sinkt wider zurück. Sie wünscht sich, ihre Gedanken besser kontrollieren zu können. Sie möchte sich doch am Positiven freuen, statt dem Negativen soviel Raum zu geben. Aber das braucht so viel Kraft, das schafft sie einfach nicht immer. Sie müsste sich doch bloss mit dem zufrieden geben, das sie hat und nicht dem nacheifern, das so schwer zu erreichen ist. Doch dazu müsste sie einen grossen Teil ihrer Wünsche und Bedürfnisse, Hoffnungen und Träume hintanstellen. Den Kampf aufgeben – sich selber ein Stück aufgeben – den Willen zügeln und sich dem Schicksal einfach fügen.
Flandrina bewundert Menschen, die das können.
Genauso wie diese unverbesserlichen Optimisten, die nichts erschüttern kann. Menschen, die überall das Gute sehen, bei denen das Glas immer halb voll und nie halb leer ist. Starke Menschen, keine Schwächlinge.
Oder sind es die, die einen starken Glauben haben. Den unerschütterlichen Glauben an das Gute, das Richtige, das Hilfreiche und das Beschützende. Menschen die diesen Glauben auch immer wieder bei einem Gott oder an einem besonderen Ort finden und ihn dort bestärken können.
Vielleicht faszinieren sie darum Plätze wie diesen hier immer wieder.
Wie viele Menschen haben hier schon gesessen und gebetet, vielleicht auch geklagt, gefleht oder geweint?
Haben sie hier Kraft und Trost gefunden oder hier gar Linderung des Schmerzes in ihrer Seele erfahren?
Können solch magische Orte Knoten lösen und den rechten Weg weisen? Aber wo sind diese Menschen. Flandrina hat hier noch kaum Menschen gesehen, obschon sie schon oft hier gesessen ist.
Genau wie heute, Flandrina sitzt wieder alleine da – wieder kein Mensch weit und breit.
In ihrer der Brust zieht sich erneut etwas zusammen.
Einsamkeit schmerzt!
Die lange, leicht gerundete Sitzbank, auf der bestimmt über zwanzig Personen Platz finden, lässt darauf schliessen, dass hier auch Messen abgehalten werden. Gemeinschaft! Dieses Wort schiesst jetzt Flandrina durch den Kopf. Wäre das, das Gegenteil von ihrer Einsamkeit? „Vielleicht“, denkt sie, „aber nicht um jeden Preis …“
Zudem hat sie genug Leute um sich, die ganze Zeit. Es fehlt ihr nicht die Unterhaltung, ihr fehlt die Tiefe.
Möglicherweise hätte sie halt damals doch den Rat befolgen sollen und sich auf den Jakobsweg begeben.
Es sei eine gute Möglichkeit sich selbst zu finden; auch um sich klar zu werden wohin der Lebensweg führen soll, hat man ihr erklärt. Es müsse ja gute Gründe geben, weshalb sich Millionen von Menschen seit Jahrhunderten auf diese uralten Wege begeben würden. Pilgerwege seien zudem eine gute Möglichkeit, gleichgesinnte Suchende zu treffen, sich mit denen auszutauschen und dabei auch ernst genommen zu werden.
„Nicht so wie hier“, denkt sich Flandrina, „wo sie alle immer so selbstsicher und selbstbewusst sind und sofort einen 'guten Rat' bereit halten: ‚Du musst dich einfach zusammenreissen!’ Du musst einfach positiv denken und optimistisch sein’.“
Diese Ratschläge kennt Flandrina zur Genüge und immer wieder kommen sie ihr vor, als ob man einem Lahmen den Rat geben würde: ”Steh auf und gehe!”
Flandrina gibt sich einen Ruck! „Aber ich bin nicht lahm“, denkt sie trotzig. „Ich kann gehen – und irgendwann sitzt hier jemand, ganz bestimmt!“
Flandrina fröstelt leicht. Die Sonne hat sich von der Bank zurückgezogen und langsam wird es kalt.
Ihr beengtes Herz hat sich nun plötzlich geöffnet und einer gewissen Zuversicht Platz gemacht.
Noch einmal lässt sie ihren Blick über auf die majestätischen Berge schweifen, dann steht sie auf und marschiert entschlossen vorwärts. Da vorne gibt es noch etwas Sonne und wenn sie sich beeilt, dann umgibt sie bald wieder die Wärme des kommenden Frühlings. © Copyright by Herr Oter
Über „Das Gegenteil von Einsamkeit” habe ich hier geschrieben
Weitere Geschichten zum Thema Einsamkeit:
- Theo
:(
Donnerstag, 23. April 2015
Wie heisst das Gegenteil von Einsamkeit?
Was ist das Gegenteil von Einsamkeit?
„Das Gegenteil von Einsamkeit” („The Opposite of Loneliness”) ist ein Text, den die junge Yale-Absolventin Marina Keegan kurz vor ihrem Tod im Mai 2012 geschrieben hatte. Während der Autofahrt auf dem Weg zur Geburtstagsfeier ihres Vaters schlief ihr Freund am Steuer ein. Der Wagen fuhr gegen eine Leitplanke und überschlug sich. Marina Keegan starb sofort, mit 22, ihr Freund überlebte, leichtverletzt. Eine Schriftstellerin «mit Haut und Haar» zu werden, das war Marina Keegans grosses Ziel. Als sie starb, hatte sie eine Praktikumsstelle in der Literaturredaktion des „New Yorker“ auf sicher. Ihre Eltern veröffentlichten dann 2014 postum ein Buch, dem dieser Text den Namen gab: „Das Gegenteil von Einsamkeit“. Es ist eine Sammlung ihrer Erzählungen, in denen sie oft idealistisch die Gedanken einer jungen Frau zu ihren alltäglichen Beobachtungen und ihren Zweifeln in einer manchmal doch irrationalen Welt beschreibt. Der Band stand monatelang auf der Bestsellerliste der „New York Times“ und ist jetzt auch in Deutsch erhältlich.
Der Titel des Buches brachte mich zur Frage:
Wie heisst das Gegenteil von Einsamkeit -
und was ist das überhaupt?
Klar – Zweisamkeit – werden jetzt viele denken. Aber genügt das gegen Einsamkeit? Der Duden definiert die Zweisamkeit mit «zweisames Leben oder Handeln». Aber wer kennt es nicht, dieses schwer zu fassende, undefinierbare Gefühl der Einsamkeit trotz Partnerschaft und vielen Arbeitskollegen. Wer fühlt sich nicht ab und zu gefühlsmässig „alleine gelassen”, trotz glücklicher Zweisamkeit. Sind wir nicht gerade in den schwersten Lebensphasen im Innersten ganz oft alleine, trotz Anteilname und Zuspruch von aussen. Sind es nicht gerade die schwierigsten Probleme, die wir einfach mit uns ganz alleine ausmachen müssen.
Nein, Zweisamkeit alleine genügt nicht gegen Einsamkeit. Denn das Gegenteil von Einsamkeit ist nicht ˈnurˈ Liebe, ˈnurˈ Partnerschaft oder Familie, es sind auch nicht ˈnurˈ Arbeitskollegen, Freunde oder irgendeine eine andere Form von Gesellschaft. Jubel, Trubel und Betriebsamkeit sind zwar hilfreich, doch auch das genügt nicht, gegen das gelegentlich Aufkommen von innerer Einsamkeit.
Es ist also von allem etwas und doch nichts Konkretes.
Das Gegenteil von Einsamkeit ist also eine Mischung aus Gemeinschaft und Geborgenheit, Wohlwollen, Respekt, Anerkennung und Wertschätzung.
Darum – es gibt kein Wort für das Gegenteil von Einsamkeit!
Trotzdem glaube ich, wir wüssten eigentlich alle, was damit gemeint ist.
Weiter geht es mit der Einsamkeit hier
;)
Dienstag, 21. Januar 2014
Für jeden Fall den richtigen Mann
Für jeden Fall den richtigen Mann
So hatte es sich Rosmarie nicht
vorgestellt, als sie sich vor knapp drei Jahren scheiden liess!
Denn ihre damaligen Vorstellungen, wie sie ihre zukünftigen Männer-Beziehungen gestalten wollte, waren kläglich gescheitert –wenigstens zum Teil. Dabei hatte sich alles so gut angefühlt, damals, als sie sich von Gregor trennte.
Ihre Ehe war nicht schlecht, das kann sie heute mit etwas Abstand, getrost sagen. Die ersten Jahre mit Gregor waren sogar sehr schön. Alles aufregend – prickelnd, wie frisch entkorkten Champagner. Das gemeinsame Leben war sorglos, unkompliziert, abwechslungsreich und oft auch ziemlich überraschend.
Dann kamen die beiden Kinder zur Welt, ein Bub und ein Mädchen. Beide gesund, idealer Altersunterschied und eigentlich problemlos in der Erziehung. Welch ein Glück. Da hatte sie von anderen ganz anderes gehört. Doch trotzdem, so unbeschwert wie vorher, war das Leben dann nicht mehr.
Mit der Zeit schlich sich ganz allmählich eine lähmende Monotonie in ihren Alltag.
Ihr Leben mit Gregor, die grösser werdenden Kinder – ihr ganzer Jahresablauf bekam zunehmend einen eintönigen Rhythmus. Alles war irgendwie schon mal da gewesen, alles war nicht mehr so aufregend, vieles frass sie langsam auch auf.
Bedingt durch Gregor beruflichen Aufstieg, das grössere Haus, die vielen Gäste, die gesellschaftlichen Verpflichtungen und, nicht zuletzt auch durch ihr starkes Engagement im Verein, hielten sich Gemeinsamkeiten und Zweisamkeiten mit Gregor immer öfter auf der Sparflamme, bis auch die vollends erlosch. Der Champagner war ausgetrunken, nachzufüllen hatte man vergessen.
Lange Zeit war ihr das nicht einmal besonders aufgefallen, als sie es merkte, war es bereits zu spät.
Die Schmetterlinge im Bauch waren verflogen und hatten einer inneren Einsamkeit Platz gemacht.
Kurz bevor die Jüngste aus der Schule kam, war Rosmarie mit einem Teilpensum in ihren früheren Beruf zurückgekehrt. Das brachte Abwechslungen, Selbstbewusstsein und finanzielle Unabhängigkeit. Die Zusammenarbeit mit ihren Kollegen liessen sie den tristen Alltag Zuhause für einige Stunden vergessen. Die verstohlenen Blicke, die geschickt versteckten Flirts oder die offensichtliche Schmeichelei – einige der männlichen Kollegen brachten sie durcheinander, andere konnten sie auch richtig wuselig machen. Dabei kam jeweils die alte Lebensfreude hoch und sie fand sich wieder attraktiv und begehrt.
Es hätte sich manches amouröse „Zwischenspiel“ ergeben, auch mit jüngeren Kollegen. Ihr Stimmung wuchs dann jeweils fast masslose an – um kurze Zeit später nur noch tiefer zu sinken, weil sie sich zu einem Seitensprung dann doch nicht entschliessen konnte. Sie käme sich hinterhältig, undankbar und schäbig vor. Denn Gregor liebte sie, das war unbestritten. Auch liess er es materiell an nichts fehlen und trotzdem, jedes Höhenfeuer verstärkte ihre Wahrnehmung, dass sie vom Leben benachteiligt wurde.
Wenige Jahre später hatte sie endgültig genug.
Denn ihre damaligen Vorstellungen, wie sie ihre zukünftigen Männer-Beziehungen gestalten wollte, waren kläglich gescheitert –wenigstens zum Teil. Dabei hatte sich alles so gut angefühlt, damals, als sie sich von Gregor trennte.
Ihre Ehe war nicht schlecht, das kann sie heute mit etwas Abstand, getrost sagen. Die ersten Jahre mit Gregor waren sogar sehr schön. Alles aufregend – prickelnd, wie frisch entkorkten Champagner. Das gemeinsame Leben war sorglos, unkompliziert, abwechslungsreich und oft auch ziemlich überraschend.
Dann kamen die beiden Kinder zur Welt, ein Bub und ein Mädchen. Beide gesund, idealer Altersunterschied und eigentlich problemlos in der Erziehung. Welch ein Glück. Da hatte sie von anderen ganz anderes gehört. Doch trotzdem, so unbeschwert wie vorher, war das Leben dann nicht mehr.
Mit der Zeit schlich sich ganz allmählich eine lähmende Monotonie in ihren Alltag.
Ihr Leben mit Gregor, die grösser werdenden Kinder – ihr ganzer Jahresablauf bekam zunehmend einen eintönigen Rhythmus. Alles war irgendwie schon mal da gewesen, alles war nicht mehr so aufregend, vieles frass sie langsam auch auf.
Bedingt durch Gregor beruflichen Aufstieg, das grössere Haus, die vielen Gäste, die gesellschaftlichen Verpflichtungen und, nicht zuletzt auch durch ihr starkes Engagement im Verein, hielten sich Gemeinsamkeiten und Zweisamkeiten mit Gregor immer öfter auf der Sparflamme, bis auch die vollends erlosch. Der Champagner war ausgetrunken, nachzufüllen hatte man vergessen.
Lange Zeit war ihr das nicht einmal besonders aufgefallen, als sie es merkte, war es bereits zu spät.
Die Schmetterlinge im Bauch waren verflogen und hatten einer inneren Einsamkeit Platz gemacht.
Kurz bevor die Jüngste aus der Schule kam, war Rosmarie mit einem Teilpensum in ihren früheren Beruf zurückgekehrt. Das brachte Abwechslungen, Selbstbewusstsein und finanzielle Unabhängigkeit. Die Zusammenarbeit mit ihren Kollegen liessen sie den tristen Alltag Zuhause für einige Stunden vergessen. Die verstohlenen Blicke, die geschickt versteckten Flirts oder die offensichtliche Schmeichelei – einige der männlichen Kollegen brachten sie durcheinander, andere konnten sie auch richtig wuselig machen. Dabei kam jeweils die alte Lebensfreude hoch und sie fand sich wieder attraktiv und begehrt.
Es hätte sich manches amouröse „Zwischenspiel“ ergeben, auch mit jüngeren Kollegen. Ihr Stimmung wuchs dann jeweils fast masslose an – um kurze Zeit später nur noch tiefer zu sinken, weil sie sich zu einem Seitensprung dann doch nicht entschliessen konnte. Sie käme sich hinterhältig, undankbar und schäbig vor. Denn Gregor liebte sie, das war unbestritten. Auch liess er es materiell an nichts fehlen und trotzdem, jedes Höhenfeuer verstärkte ihre Wahrnehmung, dass sie vom Leben benachteiligt wurde.
Wenige Jahre später hatte sie endgültig genug.
Sie war inzwischen selbstbewusst genug
und finanziell soweit, dass sie sich von Gregor trennen konnte.
Sie bezog eine hübsche, kleine Wohnung. Die Kinder waren inzwischen flügge geworden, hatten aber noch einen Schlafplatz beim Vater im Haus.
Zu ihr kamen sie auch regelmässig – vor allem, wenn sie Hunger oder keine sauberen Kleider hatten.
Rosmarie richtete sich ein gemütliches Zuhause ein. Sie kaufte eine schöne Möblierung mit einem Bett, in dem sie sich alleine nicht verloren und zu zweit, nicht erdrückt fühlen sollte.
Aber vorerst wollte sie sich sowieso Zeit lassen, bis sie jemanden in ihr Bett liess. Die neu gewonnene Freiheit wollte sie nicht gleich wieder mit einer neuen Beziehung vollstopfen.
Aber einem der jungen Kollegen konnte sie dann doch nicht widerstehen – es endete in einem Fiasko. Sie kam sich benutzt und gedemütigt vor.
Die Scheidung ein Jahr später war beidseitig fair und wurde mit gegenseitigem Respekt problemlos vollzogen.
Rosmarie war jetzt knapp fünfzig und hatte noch fast das halbe Leben vor sich. Jedenfalls Zeit genug, um nochmals neu anzufangen und beim zweiten Mal alles besser zu machen.
Dazu gehörte ihr kürzlich gefasster Plan:
Sie bezog eine hübsche, kleine Wohnung. Die Kinder waren inzwischen flügge geworden, hatten aber noch einen Schlafplatz beim Vater im Haus.
Zu ihr kamen sie auch regelmässig – vor allem, wenn sie Hunger oder keine sauberen Kleider hatten.
Rosmarie richtete sich ein gemütliches Zuhause ein. Sie kaufte eine schöne Möblierung mit einem Bett, in dem sie sich alleine nicht verloren und zu zweit, nicht erdrückt fühlen sollte.
Aber vorerst wollte sie sich sowieso Zeit lassen, bis sie jemanden in ihr Bett liess. Die neu gewonnene Freiheit wollte sie nicht gleich wieder mit einer neuen Beziehung vollstopfen.
Aber einem der jungen Kollegen konnte sie dann doch nicht widerstehen – es endete in einem Fiasko. Sie kam sich benutzt und gedemütigt vor.
Die Scheidung ein Jahr später war beidseitig fair und wurde mit gegenseitigem Respekt problemlos vollzogen.
Rosmarie war jetzt knapp fünfzig und hatte noch fast das halbe Leben vor sich. Jedenfalls Zeit genug, um nochmals neu anzufangen und beim zweiten Mal alles besser zu machen.
Dazu gehörte ihr kürzlich gefasster Plan:
„Für jeden Fall ein Mann“, statt
„ein Mann für alle Fälle“.
Mehrere lose Beziehungen, statt eine feste Bindung!
Das war ihre Zukunft!
Denn ihre Erfahrung hatte sie eines gelehrt: Den perfekten Mann für alle Lebenslagen gibt es nicht!
Darum wollte sie sich nicht mehr auf einen Mann alleine verlassen.
Auf diese scheinbar geniale Idee hatte sie nicht zuletzt ein Lied gebracht:
Mehrere lose Beziehungen, statt eine feste Bindung!
Das war ihre Zukunft!
Denn ihre Erfahrung hatte sie eines gelehrt: Den perfekten Mann für alle Lebenslagen gibt es nicht!
Darum wollte sie sich nicht mehr auf einen Mann alleine verlassen.
Auf diese scheinbar geniale Idee hatte sie nicht zuletzt ein Lied gebracht:
…. und je mehr sie darüber nachdachte, umso erstrebenswerter erschien ihr diese Strategie.”Einen so zum Lebeneinen für die Nachteinen für die Seeleder sie glücklich machtDaisy will vom Leben einfach etwas mehrund sie wird es kriegen…….. ”
Rosmarie wollte mehr vom Leben und dafür, in jedem Fall, immer den richtigen Mann dazu.
Einen für die sportlichen Freizeitaktivitäten, einen für die Nacht und einen für die Seele – ein Schöngeist mit etwas Geld, der sie mit Kultur und Reisen glücklich machen wollte.
Genau, der richtige Mann für jede Aktivität und jede Lebenslage!
Jeder weiss vom anderen, jeder bekommt von ihr, was er verdient und keiner hat den Anspruch, sie umfänglich zu besitzen.
Das war ihr genialer Plan.
Der Mann fürs Bett war schnell gefunden.
Ein sympathischer Kerl, der gut riecht und der nicht gleich bei ihr einziehen will. Ihre sexuellen Vorstellungen stimmen weitgehend überein, auch wenn es ihm etwas an Fantasie fehlt. Aber er lässt sich gut lenken, gibt sich Mühe und nimmt auf sie Rücksicht.
Er kommt ein- manchmal zweimal in der Woche, wenn sie es will. Sie kocht für ihn und danach kuscheln sie sich auf das Sofa. Manchmal übernachtete er bei ihr. Inzwischen hat sich ein gewisser Rhythmus etabliert.
Für tiefgründige Gespräche oder Aktivitäten ausser Haus, eignet er sich jedoch nicht. Der Sport im Fernsehen genügt ihm, das Bier „Zuhause“ ist ihm das Liebste und reden muss er schon genug in seinem Beruf, sagt er immer. In der Freizeit will er nicht viel denken müssen und es vor allem gemütlich haben.
Den tiefsinnigen Austausch pflegt Rosmarie darum mit einem anderen, den sie über das Internet kennengelernt hatte. Er wohnt 900 km entfernt in einem anderen Land und ist verheiratet. Dank diesen Umständen kann sie sich mit ihm recht offen über alles Mögliche unterhalten. So tauschen sie sich regelmässig über berufliches und familiäres, über das Tagesgeschehen oder über ihre gemeinsamen, kulturellen Vorlieben aus.
Manchmal kann es durchaus auch etwas intim werden, danach ist sie meistens ziemlich aufgekratzt und eine gewisse Sehnsucht ist dann unverkennbar. Aber gegenseitige Besuche lehnte sie bisher trotzdem immer kategorisch ab, auch wenn er es einrichten könnte. Denn es würde alles nur viel komplizierter machen. Zudem weiss sie ja nicht, wie der riecht und durch ein wenig Geflatter im Bauch will sie ihren geistigen Austausch mit ihm nicht gefährden; auch wenn es, bedingt durch die Distanz, nicht der ideale Begleiter ist, wie sie es sich mal vorgestellt hatte.
Denn für gemeinsame Reisen, Ausgänge oder den Besuch von Kulturveranstaltungen hat Rosmarie ihren „Schöngeist mit dem gewissen Extras“ nicht gefunden. So geht sie halt nach wie vor alleine ins Kino, ins Theater oder an Autoren-Lesungen. Zum Essen wird sie selten eingeladen. Auch schon, konnte sie eine Kollegin dazu überreden, aber die meisten sind ja in festen Beziehungen und haben meistens "keine Zeit".
Auch beim Mann für die sportliche Freizeitbetätigung will es nicht klappen. Darum hat sich Rosmarie ein Jahresabonnement in einem Fitnessclub genommen. Dort geht sie nun regelmässig einmal in der Woche hin. Aber ihre abendlichen Spaziergänge muss sie trotzdem meistens alleine machen und manchmal schmerzt es sie schon, wenn ihr Paare Hand in Hand entgegenkommen.
Ein paar mal konnte sie sich wenigstens mit Männern vom Fitnessclub für eine Wanderung, eine Bergtour oder eine Ausfahrt mit dem Velo verabreden. Aber meistens will man nachher mit ihr als Belohnung ins Bett und das ist gegen ihren Plan.
Überhaupt droht das ganze „Projekt": „Für jeden Fall ein Mann“, zu scheitern.
Die Männer wollen immer alles, oder zumindest das eine dazu. Mit ihrer Idee der Rollenteilung können die meistens nur schlecht umgehen.
Aber liegt es wirklich bloss an diesem „Macho-Mann“, der sich für den „Mann für alle Fälle“ hält?
Oder liegt es auch an ihr? Ist sie für ihren neuen Lebensentwurf vielleicht einfach zu wenig emanzipiert? Oder ist das menschliche Wesen halt generell für die Zweisamkeit geschaffen, trotz aller Schwierigkeiten die sich daraus ergeben?
Rosmarie stellt ernüchtert fest, dass das, was damals so ideal schien, nicht ganz so einfach zu erreichen ist. Das Ganze braucht ziemlich viel Anstrengungen und immer mehr hat sie das Gefühl, dass es sich als Hirngespinst erweisen könnte.
Denn, auch wenn andere Frauen sie für ihre Unabhängigkeit immer wieder bewundern, inzwischen fühlt sie sich, wenn sie ehrlich ist, noch mehr allein als früher. Zumindest in ihrer Seele ist sie einsamer denn je.
Niemand nimmt sie einfach mal so in den Arm und gibt ihr die Geborgenheit, nach der sie sich sehnt. Keiner gibt ihr das starke Gefühl der Zusammengehörigkeit und damit auch ein Stück Sicherheit.
Rosmarie muss sich sogar eingestehen, dass die einzige, tragfähige Beziehung nur mit einem Mann stattfindet, mit dem sie weniger verbindet als früher mit Gregor. Ihr fehlt die tiefe Vertrautheit, wie sie früher mit ihrem Mann da war. Alles ist jetzt eben so dünn und oberflächlich, wie es ihr Plan vorsieht.
Und, immer öfter fragt sie sich, ob in ein paar Jahren überhaupt noch einer da sein wird? Einer, der auch dann da ist, wenn das Leben schwieriger wird. Einer, der sie dann einfach so akzeptiert, wie sie vielleicht mal sein wird? Jemand, der vielleicht auch mal bereit ist, ihr in Zukunft etwas mehr zu geben, als sie ihm zurückgeben kann?
Einer, der sie in jedem Fall einfach nur von Herzen liebt?
® Copyright by Herr Oter
:)
Dienstag, 22. Mai 2012
Teil 1: Kann Mann und Frau „nur“ befreundet sein?
Kann Mann und Frau „nur“ befreundet sein?
Schwacher Pferdegeruch hängt zwischen den taufeuchten Tannenästen und auf dem nassen Waldweg sind die Abdrücke von Pferdehufen auszumachen. Ausser einer Maus – oder ist es doch ein junges Eichhörnchen gewesen, das vorhin verschreckt einen Baumstamm hinauf gerannt ist – sind Sybille jedoch keine weiteren Tiere begegnet. Auch die drei Rehe, die sie sonst fast täglich, während ihres Waldspazierganges irgendwo in einem Hang oder im Geäst ausmacht, hat sie bisher noch nicht erspäht. Doch, wie der Jagdaufseher letzthin meinte, könnte das Muttertier in den letzten Tagen auch bereits etwas abseits im dichten Unterholz ihre neuen Kitze gesetzt haben. Dann hätten sich auch ihre beiden Ricken aus dem Wurf vom letzten Jahr aus dem elterlichen Heimgebiet entfernt, um erst im Spätherbst wieder zur Mutter zurückzukehren, damit sie gemeinsam den Winter verbringen können.
Sybille erkennt, dass es zwei Reiter gewesen sein müssen, die vor kurzem, ihr voraus auf diesem schmalen Pfad entlang geritten sind.
Sie jedoch ist wie früher, wieder alleine unterwegs auf ihrem täglichen Spaziergang durch den Mischwald auf der südlichen Seite des idyllischen Städtchens. Sie hat heute Morgen auch – obschon sie absichtlich eine gute halbe Stunde früher aus dem Haus gegangen ist – nach der kleinen Brücke am Waldrand, den direkten, steileren Weg gewählt, damit sie ihm nicht doch noch begegnet, falls er verfrüht schon bei der Waldhütte auf sie wartet.
Denn ihre Entscheidung steht fest und wenn es sie auch etwas schmerzt, so ist es sicher vernünftiger, wenn sie in Zukunft wieder ohne ihn Laufen geht.
Jahrelang ist es ja auch ohne Begleitung gegangen und sie kann es auch geniessen, nur mit sich zu laufen. Aber immer öfter hat sie sich zwischendurch auch mal eine Begleitung gewünscht. Auch spürt sie manchmal eine kleine Eifersucht, wenn sie andere zu zweit oder zu dritt, schwatzend und lachend ihr entgegenkommen sieht. Aber irgendwie hat sie den Anschluss an eine dieser Frauengruppen einfach nicht geschafft. Vielleicht hat es mit ihrem Alter zu tun oder weil sie nicht von hier ist.
Sybille geht rasch und versucht nicht an ihn zu denken, aber es gelingt ihr nicht. Ihre Gedanken kreisen ständig um ihn und um ihre Begegnungen während den letzten drei, vier Wochen. Wie kurzweilig und abwechslungsreich sind ihre Waldspaziergänge doch plötzlich geworden, als sie zusammen gelaufen sind. Sie haben sich so gut verstanden und hatten sich immer soviel zu erzählen, dass sie kaum gemerkt hat, wie schnell so ein Vormittag verflogen ist und oft muss sie etwas verspätet nach Hause eilen, damit die Morgenarbeit erledigt und das Mittagessen rechtzeitig auf den Tisch kommt.
Erst traf man sich nur ab und zu und rein zufällig. Aus einem kurzen „Hallo“ wurde jedoch mit der Zeit ein „ich wünsche Ihnen einen schönen Tag“ und dann schon bald ein verbindlicheres „Hallo, wie geht's ?“. Dabei konnte man etwas stehen bleiben und ein paar Worte über das Wetter, den Hund oder die Wildbeobachtungen austauschen. Mit der Zeit achtete sie dann darauf, dass sie immer zur selben Stunde und auch häufiger auf der südlichen Hangseite laufen ging.
„Ihm sei es genau gleich ergangen“, hat er später einmal mal lachend gestanden und so traf man sich mit der Zeit unweigerlich fast täglich scheinbar zufällig und doch gewollt. Bis man begann, sich für den nächsten Tag beim Unterstand der Waldarbeiter zu verabreden. Denn man könne doch gleich... und von Anfang an... wenn man sich doch sowieso immer... und zudem mache es doch mehr Spass zusammen.
Das war doch nichts als logisch, oder?
So wurden ihre gemeinsamen Spaziergänge zu einem täglichen Ritual, ausser am Samstag und am Sonntag, denn dann waren seine Kinder und beider Partner Zuhause und da ging es natürlich nicht.
Sybille ist inzwischen oben angelangt und nimmt nun in einem grossen Bogen den linken Waldweg, um auf der anderen Seite des Baches wieder ins Städtchen zu gelangen. Dabei kreuzt sie den Fitnessparcours beim Übungsplatz 7, der mit dem Reck. Gewohnheitsmässig hängt sie sich für einen Moment an eine der beiden Metall-Stangen, aber kraftlos lässt sie sich schnell wieder fallen. Auch für die Dehnübungen, die sie hier normalerweise macht und die sie in letzter Zeit ebenfalls vernachlässigt hat, findet sie heute nicht die nötige innere Ruhe. Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass die Zeiger unweigerlich auf die mit ihm abgemachte Stunde zugehen.
Sybille setzt sich einige Meter weiter vorne, für einen Moment auf den Baumstrunk, der wie ein Thron in einer sonnenbeschienen Baumlichtung steht. Das ist ihr Lieblingsplatz und schon oft hat sie hier gesessen um Probleme zu zerlegen oder den Gedanken einfach freien Lauf zulassen.
Die Treffen mit ihm wurden ihr immer wichtiger, stellt Sybille fest. Denn sie kann sich perfekt mit ihm austauschen. Er nimmt sie ernst, wo sich ihr Partner verweigerte, er kann gut zuhören, aber auch sinnvoll reden. Er ist belesen, klug und hat natürlich mehr Lebenserfahrung als sie, denn vom Alter her, könnte er auch ihr Vater sein. Bei ihm fühlt sie sich gut aufgehoben. Eigentlich eine perfekte Freundschaft.
Aber, er ist ein Mann!
Schon bald hat sie bemerkt, dass sie nun auch zum Laufen vermehrt auf ihr Aussehen und ihre Kleidung achtet, während sie früher die ältesten Klamotten in den Wald anzog und sich erst nach dem Waldspaziergang duschte und aufhübschte. Zudem drängte sich dieser Mann zunehmend auch während des Tages zwischen ihre Gedanken. Das macht ihr Angst. Was könnte daraus entstehen?
Bleibt es bei einer Laufbekanntschaft? Sich traut sie das zu, aber was ist mit ihm?
Ist es möglich, dass ein Mann und eine Frau "nur" befreundet sein können, fragt sie sich?
Gibt es die reine Freundschaft zwischen Mann und Frau überhaupt, so wie sie unter Frauen oder Männern möglich ist oder wird daraus nicht immer – zumindest mit der Zeit und vielleicht auch nur von einer Seite – Liebe? Ist zwischen den Geschlechtern nicht immer auch Begehren mit im Spiel?
Sybille will das nicht. Sie hat einen Partner, den sie liebt und sie will nicht, dass aus dieser Lauf-Gemeinschaft mehr entsteht. Sie will ihre Partnerschaft nicht aufs Spiel setzen, sondern möchte einfach ab und zu mit jemandem laufen und sich dabei gut unterhalten! Nichts weiteres soll daraus entstehen.
Aber ist das möglich mit einem Mann? Traut sie ihm das zu? Traut sie sich selber das überhaupt zu?
Sybille ist hin und her gerissen. Sie weiss einfach nicht, wie sie sich verhalten soll. Am Morgen war sie sich noch so sicher und nun zweifelt sie bereits wieder an Ihrer Entscheidung.
Sie steht mit einem Ruck auf und nimmt den Rest des Weges unter die Füsse.
Kurze Zeit später sieht sie hinüber zur Waldhütte – ihrem Treffpunkt.
Daneben steht ein älterer Mann mit seinem kleinen Hündchen und wartet noch immer auf sie.
©® Copyright by Herr Oter
Liebe Leser:
Ist eine reine Freundschaft zwischen Mann und Frau, so wie sie Sybille vorschwebt, überhaupt möglich – oder ist immer mehr im Spiel?
Eure Meinung interessiert mich und je nach dem, könnte es eine Fortsetzung der Geschichte geben.
.)
Donnerstag, 7. Februar 2008
Mehr liegt heute nicht drin, meint Maria
Mehr liegt heute nicht drin, meint Maria
Maria, die junge Frau von nebenan, schlendert im kleinen Städtchen zwischen den Ständen des Marktes herum, kaufte hier ein bisschen buntes Gemüse vom Seeland, dort ein paar rotbackige Äpfel aus der Ostschweiz und da etwas Salat aus der Region. Mehr liegt nicht drin, aber für ihren Singlehaushalt braucht sie ohnehin nicht viel.
Danach geht sie zu weiteren Ständen, die Kleidung, Schuhe, Krimskrams und so Allerlei anbieten. Hier könnte man schicke Sachen kaufen, die manchmal auch nicht so teuer sind wie in den Geschäften ringsum. Aber gerade das, was ihr am besten gefällt, ist dann halt doch nicht erschwinglich für sie, denn im Moment liegt nicht viel drin.
"Sehen Sie mal, junge Frau", die nette Marktfrau hält ihr gerade den Pullover einladend vor die Nase, den sie so gern kaufen würde. Verlangend schielt sie noch einmal auf das wunderschöne Teil, dann schüttelt sie den Kopf, den ungnädigen Blick der Dame ignorierend. Maria ist Klavierlehrerin und gerade diese Woche haben wieder zwei ihrer Schüler abgesagt. Da heisst es, noch mehr verzichten und halt weiterhin auf bessere Zeiten warten. Aber darauf wartet sie ja schon lange. „Und nicht nur darauf“, denkt sich Maria bitter und ihre Einsamkeit, die sie sonst vor allem am Abend oder beim einsamen Essen spürt, steigt langsam wieder hoch. „Auch hier wäre es doch schön, jemanden an seiner Seite zu haben“, schwärmt Maria weiter. „Zu zweit wäre auch der Verzicht vielleicht einfacher zu ertragen“ sinniert Maria und schliesst den Gedanken mit einem tiefen Seufzer ab.
Aber wenigstens kann sie sich ja auf ein feines Nachtessen freuen. Das frische Gemüse und die herrlichen Salate sind doch ein Lichtblick und der Fernseher als Gesprächspartner bringt am Abend wenigstens etwas Unterhaltung. Vielleicht findet sie ja am Bücherstand mit den so genannten „alte Schätzen“, auch noch einen schönen Roman aus zweiter oder dritter Hand, dazu ein Glas Wein und ein kuscheliger Abend in der wärmenden Wolldecke ist ihr sicher. Inzwischen ist Maria beim Bücherstand angekommen und überfliegt mit schnellem Blick hunderte von Buchrücken. Als „Viel-Leserin“ nimmt sie diese preiswerten Ausgaben hier immer wieder gerne mit. Am liebsten hätte sie auch wieder einmal etwas Klassisches oder Philosophisches gelesen. Doch die wirklich guten Bücher wurden ja fast nie aus der Hand geben und in der Bibliothek ist Klassik und Philosophie nur spärlich vorhanden. Aber wahrscheinlich wird dort, auch kaum nach ihnen gefragt Darum werden sie natürlich selten zugekauft. Und Bücher aus der Buchhandlung sind für Maria unerschwinglich. Da bleibt ihr höchstens der Blick durchs Schaufenster, in eine Welt, die ihr paradiesisch erscheint, aber auf ein Paradies auf Erden, kann sie kaum hoffen.
Doch wie sie auch stöbert, mal ein Buch herausnimmt und etwas darin etwas blätterte oder einen Klappentext liesst - dieses Mal gibt es nichts, das sie hätte begeistern können. Vielleicht liegt es auch an ihrer Gemütverfassung von heute. Aber was soll sie mit Titeln wie: „Wie erhält man sich eine lebendige Partnerschaft?“ oder „Küssen macht gesund“ oder „Was schenke ich Pappi?“ und Ähnliches. Dazu gibt es ganz Regale mit Liebesromanen, Kochbüchern und Reiseführer. Alles nicht für sie.
"Also Tschüss, Fontane, Keller, Eichendorff, Rilke oder Mörike und nichts mit Sokrates oder Sartre ", sagt sie leise und geht mit hängendem Kopf. Nun gut, bereits Georg Hegel sagte ja: "Das Geistige allein ist das Wirkliche". Also wird sie sich nun irgendwo in die Sonne setzen, einen Apfel essen und von einem jungen, schönen Prinzen träumen. Beim Weitergehen lächelt sie an einem Stand, ganz am Rande des Marktes, ein winzig kleines Engelchen aus Gips tröstlich an. Es hat den Lockenkopf auf beide Hände gestützt, als ob es nachdenken würde.
Maria kann nicht anders, klaubt die beiden Münzen aus dem Geldbeutel und lässt sich das Engelchen in Seidenpapier einwickeln. Sie steckt es in die Manteltasche.
„Vielleicht bringt es ja Glück“, hofft Maria.
Sie nimmt am Rande des Marktes auf einer Bank im Grünen Platz, von wo sie den vielfältigen Geräuschen lauscht und den Trubel vor sich – mit etwas feuchteten Augen- betrachtet. „Es ist heute wirklich nicht mein Tag“, denkt sie.
Ein junger Mann in ihrem Alter - oder er konnte aber auch drei-vier Jahre älter sein als sie– nimmt neben ihr Platz. Anscheinend hat er das richtige Buch gefunden, denn er blättert neugierig darin herum und versenkt sich kurz darauf in den Text.
Maria seufzt. Heute ist kein Glückstag für sie.
Der junge Mann schaut auf.
"Sorgen?" fragt er. Sie zuckt die Achseln.
"Na ja, ich wollte auch ein Buch kaufen, ich habe aber nichts Richtiges gefunden. Mir sind im Augenblick selbst die preiswertesten Bücher zu teuer. Als Klavierlehrerin muss man auf manches Schöne verzichten."
Sie seufzt noch einmal ausgiebig.
Der junge Mann lächelt ihr zu. "Ich bin auch Musiker. Ich spiele die Orgel in unserer Kirche, ich bin hier im Städtchen der Organist.
„Ach so“, sagt darauf Maria interessiert. „Ich habe sie noch gar nie in der Kirche gesehen.“
„Schon klar“, entgegnet der flotte junge Mann und lächelt dabei. „Der Organist arbeitet im Hintergrund. Man nimmt mich kaum war - ausser ich spielt mal falsch. Außerdem schreibe ich in meiner Freizeit gerne Kurzgeschichten, ebenfalls eine einsame Tätigkeit."
"Doch so, wie sie strahlen, scheinen sie trotzdem ein richtiger Glückspilz zu sein. Darum haben Sie heute wohl auch das Richtige zum Lesen gefunden."
Er nickt. "Ich bin sehr genügsam. Ich brauche wenig um glücklich zu sein. Kleine Dinge erfreuen mich mehr, als wenn ich mich für Grosse verschulden oder zuviel arbeiten müsste. Glück hat nichts mit Geld zu tun. Das wissen nur die Wenigsten.
„Sie sind ja ein richtiger Philosoph, wie es scheint“, lächelt Maria ihm zu und ihr dünkt, als sei das Sonnenlicht gerade etwas wärmer geworden.
„Nein, nein“, wehrt sich der charmante Gesprächspartner. „Aber nehmen Sie die Natur. Sie ist für alle da und kostet nichts. Schauen Sie mal, da hinten dieser herrliche Kastanienbaum! Bald wird er wieder in Blüte stehen. Ich kann mich nicht satt genug an ihm sehen. Für mich ist er ein Geschenk der Natur."
"Wenn man es so sieht …", sagte Maria nach einer Weile des Nachdenkens.
„Wenn man wenig hat, muss man es so sehen und die, die mehr haben, täten gut daran, es auch so zu sehen. Das wäre die Lösung für die meisten Probleme auf dieser Welt. Aber ich will sie damit nicht langweilen.“
„Aber sie langweilen mich überhaupt nicht, ich höre ihnen sehr gerne zu“. Maria wird etwas verlegen und wenn sie jetzt nicht aufpasst, errötet sie wieder.
„Entschuldigen Sie, aber sie sollten sich nicht abwenden, denn es steht ihrem hübschen Gesicht sehr gut, wenn sie erröten.“ sagt der nette Mann auch prompt.
„Übrigens“, und dabei hält er ihr sein aufgeschlagenes Büchlein hin. "Lesen Sie, was Sokrates schon damals gesagt hat: „Wie viele Dinge gibt es doch, die man gar nicht braucht!“ Diesen Satz, den ich vorhin gerade gelesen habe, passt ja gerade jetzt, recht gut zu unserem Gespräch."
Sie lächelt ihn an und schwieg, aber ihre Gedanken schlagen Purzelbäume und in ihrem Magen beginnen Schmetterlinge zu tanzen.
"Ich leihe Ihnen das Buch sehr gerne aus, wenn Sie so etwas interessiert", meint er und hält ihr seine Visitenkarte hin, "ich lese es dann nach Ihnen. Geben Sie mir Ihre Adresse auch?"
Das Glücksgefühl in ihrem Herzen treibt ihr eine weitere Röte in die Wangen. Als gehörten sie zusammen, schlendern sie kurz danach noch einmal durch das Gewühl des Marktes. „Ich brauche noch etwas Gemüse und Salat fürs Abendessen“, meint er, „Sie scheinen ja bereits eingekauft zu haben“.
„Ja, das stimmt“, sagt Maria, „und wenn sie möchten lade ich sie gerne zum Abendessen bei mir ein, als Gegenleistung für das Buch, sozusagen. Aber leider gibt es nur Gemüse, Salat und frisches knuspriges Brot, mehr liegt heute nicht drin.“
„Ach, das ist sehr lieb von Ihnen, ich komme gerne. Darauf freue ich mich jetzt wirklich sehr, denn so alleine zu Essen, macht nicht sehr viel Spass.“
„Ja, das stimmt“, sagt Maria und denkt: „Man braucht tatsächlich nicht viele materielle Dinge zum Glücklichsein, etwas Anderes ist viel wichtiger.“
Dabei nimmt sie das kleine Engelchen in ihrer Manteltasche ganz fest in die Hand.
Sie sieht zu ihrem Begleiter auf. "Ich las eben Ihren Namen, Heinz Wissermann. Aber ich nenne Sie anders." Er lachte zu ihr herunter. "Und wie?"
"Heinz Weisemann - weil sie so weise sind, wie Sokrates."
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