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Dienstag, 21. Januar 2014

Für jeden Fall den richtigen Mann







Für jeden Fall den richtigen Mann


So hatte es sich Rosmarie nicht vorgestellt, als sie sich vor knapp drei Jahren scheiden liess!
Denn ihre damaligen Vorstellungen, wie sie ihre zukünftigen Männer-Beziehungen gestalten wollte, waren kläglich gescheitert –wenigstens zum Teil. Dabei hatte sich alles so gut angefühlt, damals, als sie sich von Gregor trennte.

Ihre Ehe war nicht schlecht, das kann sie heute mit etwas Abstand, getrost sagen. Die ersten Jahre mit Gregor waren sogar sehr schön. Alles aufregend – prickelnd, wie frisch entkorkten Champagner. Das gemeinsame Leben war sorglos, unkompliziert, abwechslungsreich und oft auch ziemlich überraschend.
Dann kamen die beiden Kinder zur Welt, ein Bub und ein Mädchen. Beide gesund, idealer Altersunterschied und eigentlich problemlos in der Erziehung. Welch ein Glück. Da hatte sie von anderen ganz anderes gehört. Doch trotzdem, so unbeschwert wie vorher, war das Leben dann nicht mehr.

Mit der Zeit schlich sich ganz allmählich eine lähmende Monotonie in ihren Alltag.
Ihr Leben mit Gregor, die grösser werdenden Kinder – ihr ganzer Jahresablauf bekam zunehmend einen eintönigen Rhythmus. Alles war irgendwie schon mal da gewesen, alles war nicht mehr so aufregend, vieles frass sie langsam auch auf.
Bedingt durch Gregor beruflichen Aufstieg, das grössere Haus, die vielen Gäste, die gesellschaftlichen Verpflichtungen und, nicht zuletzt auch durch ihr starkes Engagement im Verein, hielten sich Gemeinsamkeiten und Zweisamkeiten mit Gregor immer öfter auf der Sparflamme, bis auch die vollends erlosch. Der Champagner war ausgetrunken, nachzufüllen hatte man vergessen.
Lange Zeit war ihr das nicht einmal besonders aufgefallen, als sie es merkte, war es bereits zu spät.
Die Schmetterlinge im Bauch waren verflogen und hatten einer inneren Einsamkeit Platz gemacht.

Kurz bevor die Jüngste aus der Schule kam, war Rosmarie mit einem Teilpensum in ihren früheren Beruf zurückgekehrt. Das brachte Abwechslungen, Selbstbewusstsein und finanzielle Unabhängigkeit. Die Zusammenarbeit mit ihren Kollegen liessen sie den tristen Alltag Zuhause für einige Stunden vergessen. Die verstohlenen Blicke, die geschickt versteckten Flirts oder die offensichtliche Schmeichelei – einige der männlichen Kollegen brachten sie durcheinander, andere konnten sie auch richtig wuselig machen. Dabei kam jeweils die alte Lebensfreude hoch und sie fand sich wieder attraktiv und begehrt.
Es hätte sich manches amouröse „Zwischenspiel“ ergeben, auch mit jüngeren Kollegen. Ihr Stimmung wuchs dann jeweils fast masslose an – um kurze Zeit später nur noch tiefer zu sinken, weil sie sich zu einem Seitensprung dann doch nicht entschliessen konnte. Sie käme sich hinterhältig, undankbar und schäbig vor. Denn Gregor liebte sie, das war unbestritten. Auch liess er es materiell an nichts fehlen und trotzdem, jedes Höhenfeuer verstärkte ihre Wahrnehmung, dass sie vom Leben benachteiligt wurde.

Wenige Jahre später hatte sie endgültig genug.
Sie war inzwischen selbstbewusst genug und finanziell soweit, dass sie sich von Gregor trennen konnte.
Sie bezog eine hübsche, kleine Wohnung. Die Kinder waren inzwischen flügge geworden, hatten aber noch einen Schlafplatz beim Vater im Haus.
Zu ihr kamen sie auch regelmässig – vor allem, wenn sie Hunger oder keine sauberen Kleider hatten.
Rosmarie richtete sich ein gemütliches Zuhause ein. Sie kaufte eine schöne Möblierung mit einem Bett, in dem sie sich alleine nicht verloren und zu zweit, nicht erdrückt fühlen sollte.
Aber vorerst wollte sie sich sowieso Zeit lassen, bis sie jemanden in ihr Bett liess. Die neu gewonnene Freiheit wollte sie nicht gleich wieder mit einer neuen Beziehung vollstopfen.
Aber einem der jungen Kollegen konnte sie dann doch nicht widerstehen – es endete in einem Fiasko. Sie kam sich benutzt und gedemütigt vor.

Die Scheidung ein Jahr später war beidseitig fair und wurde mit gegenseitigem Respekt problemlos vollzogen.
Rosmarie war jetzt knapp fünfzig und hatte noch fast das halbe Leben vor sich. Jedenfalls Zeit genug, um nochmals neu anzufangen und beim zweiten Mal alles besser zu machen.

Dazu gehörte ihr kürzlich gefasster Plan:
„Für jeden Fall ein Mann“, statt „ein Mann für alle Fälle“. 
Mehrere lose Beziehungen, statt eine feste Bindung!
Das war ihre Zukunft!
Denn ihre Erfahrung hatte sie eines gelehrt: Den perfekten Mann für alle Lebenslagen gibt es nicht!
Darum wollte sie sich nicht mehr auf einen Mann alleine verlassen.

Auf diese scheinbar geniale Idee hatte sie nicht zuletzt ein Lied gebracht:
Daisy von Juliane Verding.
Der Schlager ging ihr tagelang nicht mehr aus dem Kopf:

”Einen so zum Leben
  einen für die Nacht
  einen für die Seele
  der sie glücklich macht
  Daisy will vom Leben einfach etwas mehr
  und sie wird es kriegen…….. ”
 …. und je mehr sie darüber nachdachte, umso erstrebenswerter erschien ihr diese Strategie. 
Rosmarie wollte mehr vom Leben und dafür, in jedem Fall, immer den richtigen Mann dazu.
Einen für die sportlichen Freizeitaktivitäten, einen für die Nacht und einen für die Seele – ein Schöngeist mit etwas Geld, der sie mit Kultur und Reisen glücklich machen wollte.
Genau, der richtige Mann für jede Aktivität und jede Lebenslage!
Jeder weiss vom anderen, jeder bekommt von ihr, was er verdient und keiner hat den Anspruch, sie umfänglich zu besitzen.
Das war ihr genialer Plan.

Der Mann fürs Bett war schnell gefunden.
Ein sympathischer Kerl, der gut riecht und der nicht gleich bei ihr einziehen will. Ihre sexuellen Vorstellungen stimmen weitgehend überein, auch wenn es ihm etwas an Fantasie fehlt. Aber er lässt sich gut lenken, gibt sich Mühe und nimmt auf sie Rücksicht.
Er kommt ein- manchmal zweimal in der Woche, wenn sie es will. Sie kocht für ihn und danach kuscheln sie sich auf das Sofa. Manchmal übernachtete er bei ihr. Inzwischen hat sich ein gewisser Rhythmus etabliert.
Für tiefgründige Gespräche oder Aktivitäten ausser Haus, eignet er sich jedoch nicht. Der Sport im Fernsehen genügt ihm, das Bier „Zuhause“ ist ihm das Liebste und reden muss er schon genug in seinem Beruf, sagt er immer. In der Freizeit will er nicht viel denken müssen und es vor allem gemütlich haben.

Den tiefsinnigen Austausch pflegt Rosmarie darum mit einem anderen, den sie über das Internet kennengelernt hatte. Er wohnt 900 km entfernt in einem anderen Land und ist verheiratet. Dank diesen Umständen kann sie sich mit ihm recht offen über alles Mögliche unterhalten. So tauschen sie sich regelmässig über berufliches und familiäres, über das Tagesgeschehen oder über ihre gemeinsamen, kulturellen Vorlieben aus.
Manchmal kann es durchaus auch etwas intim werden, danach ist sie meistens ziemlich aufgekratzt und eine gewisse Sehnsucht ist dann unverkennbar. Aber gegenseitige Besuche lehnte sie bisher trotzdem immer kategorisch ab, auch wenn er es einrichten könnte. Denn es würde alles nur viel komplizierter machen. Zudem weiss sie ja nicht, wie der riecht und durch ein wenig Geflatter im Bauch will sie ihren geistigen Austausch mit ihm nicht gefährden; auch wenn es, bedingt durch die Distanz, nicht der ideale Begleiter ist, wie sie es sich mal vorgestellt hatte.
Denn für gemeinsame Reisen, Ausgänge oder den Besuch von Kulturveranstaltungen hat Rosmarie ihren „Schöngeist mit dem gewissen Extras“ nicht gefunden. So geht sie halt nach wie vor alleine ins Kino, ins Theater oder an Autoren-Lesungen. Zum Essen wird sie selten eingeladen. Auch schon, konnte sie eine Kollegin dazu überreden, aber die meisten sind ja in festen Beziehungen und haben meistens "keine Zeit".

Auch beim Mann für die sportliche Freizeitbetätigung will es nicht klappen. Darum hat sich Rosmarie ein Jahresabonnement in einem Fitnessclub genommen. Dort geht sie nun regelmässig einmal in der Woche hin. Aber ihre abendlichen Spaziergänge muss sie trotzdem meistens alleine machen und manchmal schmerzt es sie schon, wenn ihr Paare Hand in Hand entgegenkommen.
Ein paar mal konnte sie sich wenigstens mit Männern vom Fitnessclub für eine Wanderung, eine Bergtour oder eine Ausfahrt mit dem Velo verabreden. Aber meistens will man nachher mit ihr als Belohnung ins Bett und das ist gegen ihren Plan.

Überhaupt droht das ganze „Projekt": „Für jeden Fall ein Mann“, zu scheitern.
Die Männer wollen immer alles, oder zumindest das eine dazu. Mit ihrer Idee der Rollenteilung können die meistens nur schlecht umgehen.
Aber liegt es wirklich bloss an diesem „Macho-Mann“, der sich für den „Mann für alle Fälle“ hält?
Oder liegt es auch an ihr? Ist sie für ihren neuen Lebensentwurf vielleicht einfach zu wenig emanzipiert? Oder ist das menschliche Wesen halt generell für die Zweisamkeit geschaffen, trotz aller Schwierigkeiten die sich daraus ergeben?
Rosmarie stellt ernüchtert fest, dass das, was damals so ideal schien, nicht ganz so einfach zu erreichen ist. Das Ganze braucht ziemlich viel Anstrengungen und immer mehr hat sie das Gefühl, dass es sich als Hirngespinst erweisen könnte.
Denn, auch wenn andere Frauen sie für ihre Unabhängigkeit immer wieder bewundern, inzwischen fühlt sie sich, wenn sie ehrlich ist, noch mehr allein als früher. Zumindest in ihrer Seele ist sie einsamer denn je.
Niemand nimmt sie einfach mal so in den Arm und gibt ihr die Geborgenheit, nach der sie sich sehnt. Keiner gibt ihr das starke Gefühl der Zusammengehörigkeit und damit auch ein Stück Sicherheit.
Rosmarie muss sich sogar eingestehen, dass die einzige, tragfähige Beziehung nur mit einem Mann stattfindet, mit dem sie weniger verbindet als früher mit Gregor. Ihr fehlt die tiefe Vertrautheit, wie sie früher mit ihrem Mann da war. Alles ist jetzt eben so dünn und oberflächlich, wie es ihr Plan vorsieht.

Und, immer öfter fragt sie sich, ob in ein paar Jahren überhaupt noch einer da sein wird? Einer, der auch dann da ist, wenn das Leben schwieriger wird. Einer, der sie dann einfach so akzeptiert, wie sie vielleicht mal sein wird? Jemand, der vielleicht auch mal bereit ist, ihr in Zukunft etwas mehr zu geben, als sie ihm zurückgeben kann?
Einer, der sie in jedem Fall einfach nur von Herzen liebt?


 :)

Kommentare :

Beate hat gesagt…

Reaktion erwünscht:

in der Rubrik da unten ist nix dabei, was ich ankreuzen möchte, denn der ist ganz einfach

K L A S S E

Hans hat gesagt…

Wunsch und Wirklichkeit....passen oft nicht überein.

rotzloeffel hat gesagt…

Toll geschrieben, Resunad!

„Für jeden Fall ein Mann“ und „ein Mann für alle Fälle“ ist zweitrangig.
Warum will sie´s denn besser machen, warum überhaupt dieses "Lebensmodel" nochmal? Sie hätte sich erstmal selbst "wieder finden" sollen und vielleicht einen Freundeskreis auf bauen sollen. Ihren Platz in ihrem 2. Lebensabschnitt finden sollen. Und ob sich dann nochmal ein Mann findet, entscheidet sich dann von allein.

Gibt´s eigentlich bei Frauen auch eine Midlife-Krise?^^

Herr Oter hat gesagt…

@Beate:
Was für ein Kompliment! Ganz herzlichen Dank, Beate.

@Hans:
Es ist doch meistens so. Trotzdem, das Wünschen sollte man niemals aufgeben.

@rotzloeffel:
Danke für das Lob, Löffelchen.
Natürlich hast Du recht, genau das alles hätte sie machen sollen.
Aber meine Wahrnehmung zeigt, dass sich die meisten ganz schnell in die nächste (ähnliche) "Beziehungs-Kiste" flüchten und andere, wenige, es "ganz anders" machen wollen. Beides ist aus meiner Sicht nicht erfolgversprechend.

Diese fiktive Geschichte basiert auf auf einer Idee, die ich bei Frauen wie auch Männern ab und zu höre.

Ich bin überzeugt, dass es eine "Midlife-Krise" bei beiden Geschlechtern gibt. Ich meine sogar, dass sie bei Frauen zunehmend stärker spürbar ist.
Damit hast Du mich gerade auf eine neue Idee gebracht....

@an alle:
Herzlichen Dank für Euren Kommentar. Rückmeldungen freuen mich einfach immer.
Allen eine ganz schöne Wochenmitte.
Gruss Resunad

Anonym hat gesagt…

Schöön B-)

Herr Oter hat gesagt…

Danke an Unbekannt

chat noir hat gesagt…

Ach, lieber Resunad, so wie es der Rosmarie im ersten Teil der Geschichte geht, ging es mir auch mal einige Zeit. Wer leidet in einer langjährigen Beziehung nicht schon einmal unter dem Alltag, der letztendlich uns alle einholt und zermürbt? Und gerade da habe ich mich umgesehen und mich gefragt, ob sich einer zweiten Ehe oder Lebensgemeinschaft ebenfalls irgendwann der Alltag in den Weg stellt und es mit einem neuen/anderen Partner nicht auch so wird wie mit dem Vorherigen? Ich meine nicht die Beziehungen, die aus "Gründen" entzwei brechen, sondern die "normalen" Partnerschaften. Und ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich mich neu einbringen muss - in die Ehe und in mein Leben. Jetzt ist alles wieder gut.

Einen schönen Sonntag wünscht Dir Deine schwarze Katze, die sich gerade durch Deine letzten Blogeinträge liest.

Herr Oter hat gesagt…

Ich bin ganz Deiner Meinung, liebe schwarze Katze.

Auch aus meiner Erfahrung zeigt sich, dass es sicher besser ist, eine Beziehung "neu zu gestalten" – zu reden und nochmals zu reden und nicht zuletzt auch die eigenen Vorstellungen und Erwartungen den Realitäten anzupassen – statt davon zu laufen und nach einer gewissen Zeit wieder an der gleichen stelle zu stehen, weil man nicht viel dazu gelernt hat.
Würde man in der ersten Ehe soviel Durchhaltewillen zeigen, wie dann in der Zweiten (weil sich die meisten eine weitere Scheidung (heutzutage noch) "nicht zugestehen") würde sie sich genau so, wenn nicht sogar noch besser, gestalten.

Ich bin überzeugt, Frau Noir, Du hast Dich richtig entschieden und vielen viel Leid, Kummer und Sorgen erspart. Ich wünsche Dir, dass es eine Erfolgsgeschichte bleibt.

Liebe Grüsse und einen schönen Sonntag wünscht Dir
Resunad