Laufen, laufen, laufen immer weiter laufen. Schritt für Schritt, einen Fuss vor den anderen setzten. Davon laufen, ohne zu denken, höchstens etwas träumen. Aber es nützt wenig, denn man wird immer wieder eingeholt.
„Was denkst du über einen Seitensprung, Thomas?“ fragt Sybille plötzlich und unterbricht damit abrupt eine „Schweigeminute“ in der jeder ergriffen von malerischer Schönheit und tiefer Beschaulichkeit in seinen Gedanken versunken war. Die beiden sitzen an diesem herrlich warmen Sommermorgen einträchtig nebeneinander auf zwei Baumstrünken am Rande ihrer „Waldoase“, wie sie diesen Platz hier inzwischen nennen. Ganz zufällig sind sie vor wenigen Wochen auf dieses lauschige Plätzchen gestossen, nachdem Thomas wieder einmal einen neuen, unscheinbaren Trampelpfad zwischen dicken Baumstämmen und dichtem Unterholz ausgemacht hatte. Sybille sind solch abenteuerliche Entdeckungsstreifzüge inzwischen nicht mehr fremd und oft sind sie ja auch ziemlich spannend. Dafür nimm sie auch zerkratzte Beine und Arme in Kauf, nicht zuletzt, weil Thomas dabei immer von einem eigentlichen „Jagdfieber“ gepackt wird, als gälte es einen grossen Schatz zu finden. Das macht ihn um Jahre jünger, voller Elan und Übermut und dazu kann er grinsen, wie ein Junge der gerade einige rotbackige Äpfel unerkannt aus Nachbars Garten stibitzt hat. Dann, anfangs Juli, fanden sie prompt dieses Kleinod hier. Es wurde schnell zu ihrem Heiligtum. Umsäumt von mächtigen Tannen macht sich eine kleine, verwunschene Wiesenfläche breit, an deren Rand zwei Baumstümpfe nebeneinander im Vormittagsschatten stehen. Manchmal, wenn sie Glück haben, treffen sie auf ein Reh beim äsen oder einmal sahen sie einen jungen Fuchs, der sich aus dem üppigen Unterholz auf die Grasfläche hinaus gewagt hatte. Hier, an diesem Ort der Erbauung, sind sie inzwischen wöchentlich ein-, zweimal und lassen sich von der friedlichen Stimmung und ihrer raren Zweisamkeit verzaubern. Meistens sitzen sie für längere Zeit einfach andächtig da und sind sich ihres grossen Glücks bewusst, wie gleich eben. Darum ist Thomas ob der plötzlichen Frage auch sichtlich erstaunt, ja, fast etwas verdattert. Er dreht sich ruckartig zu Sybille um und fragt ziemlich verunsichert: „Wie ehm, wie kommst du nun darauf?“ Beim Anblick seines belämmerten Gesichtsausdruckes muss Sybille schallend lachen und damit ist auch schon mal klar, dass sie heute auf keine Wildtiere mehr zu hoffen brauchten. Thomas erholt sich aber rasch von ihrer unerwarteten Frage und wird sogleich von Sybille's glucksendem Gelächter angesteckt. Man sieht es ihm an, dass er sich durch ihre Reaktion gleich wieder wohler fühlt. „Nicht, was du wieder denkst oder befürchtest, Thomas“, prustet Sybille heraus und legt dabei ihre Hand beruhigend auf seine Achsel. Thomas ärgert sich ein wenig, dass sie seine Gedanken inzwischen jederzeit lesen oder zumindest erraten kann. „Ich rede nicht von mir, sondern von .... ähm, einer Kollegin, die ich zufälligerweise in der Stadt dabei erwischt habe, wie sie einen Mann, der nicht der ihre ist, in einer etwas verborgenen Ecke geküsst hat“ erklärt Sybille ihre Frage etwas genauer. „Oh, pikant!“ entfährt es Thomas ungewollt. „Nun“, fährt Sybille fort, „ich kenne ihren Mann, ein lieber Kerl, der manchmal zwar etwas zu gutmütig ist, aber er ist bestimmt ein ganz lieber Ehemann.“ Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht und Thomas wundert sich etwas. „Nun gut“, erzählt Sybille weiter, „die Beiden sind inzwischen ebenfalls viele Jahre zusammen und vielleicht ist ihr Alltag halt manchmal auch etwas öde geworden. Die stürmische Zeit hat sich vermutlich leise davon geschlichen, das Herzklopfen und Kribbeln fehlt inzwischen und wenn man diese Lücke nicht mit einem anderen Gefühl zum Partner füllen kann, dann entsteht natürlich schon mal eine Lehre, die einem lästig werden kann. Ihre Kinder sind bereits etwas grösser und wenn man da den richtigen Zeitpunkt nicht findet, an dem man sich wieder vermehrt auf die Partnerschaft und auf gemeinsame Unternehmungen zu zweit konzentriert, dann kann ich mir schon vorstellen, dass Frust und Unzufriedenheit entstehen können, meinst du nicht auch?“ „Sicher, Sybille, das kommt vermutlich in jeder Beziehung vor. Es fragt sich einfach, was man gemeinsam dagegen unternimmt“, sagt Thomas und sein Blick gleitet gedankenverloren über die kleine Matte zum gegenüberliegenden Waldrand, als müsste dort eine Antwort zu finden sein. „Deine wohlwollende und ausführliche Erklärung, liebe Sybille, zeigt mir doch ein gewisses Verständnis für die Situation deiner Kollegin, habe ich recht?“ „Weisst du, Thomas, seit ich dich kenne, sehe ich die Sache schon etwas anders als früher. Ich mag ihr die Gefühle, die sie mit diesem Mann sicher empfindet, von Herzen gönnen. Ich weiss, wie schön dieses Prickeln ist und wie positiv sich eine Liebschaft auf das Lebensgefühl auswirkt. Einfach ein paar Stunden des Glücks und – doch für eine ganze Ewigkeit genug.“ Sybille hat den Schluss des Satzes nur noch leise vor sich hin geflüstert, trotzdem sind sie Thomas nicht entgangen. „Ja, von aussen betrachtet, hast du sicher recht, Sybille,“ bringt Thomas sie wieder in die Wirklichkeit zurück. „Es fragt sich einfach, wie es in ihr drinnen, in ihrem Herzen und in ihren Gedanken aussieht. Wie sind ihre wirklichen Gefühlen dem anderen gegenüber. Was kommt nach dem Kuss, wie geht es weiter mit den Beiden. Kennst du auch ihn?“ „Nein“, antwortet Sybille, „ich habe ihn dort das erste Mal gesehen und ich weiss natürlich auch nicht, ob sie ihren Mann schon länger betrügt. Auch kann ich nicht einschätzen, ob sie weiter gehen wird, als nur dieser etwas längere Kuss, wenn die Situation günstig ist. Vielleicht haben sie ja bereits miteinander geschlafen. Aber gehen wir nun mal davon aus, dass es noch nicht so weit gekommen ist. Findest du es schlimm, was sie macht?“ Thomas lächelt. „Dass deiner Kollegin das aufregende Beisammensein mit diesem Mann Spass macht, das können wir beide natürlich gut verstehen“, antwortet er und sieht dabei verstohlen mit seinem spitzbübischen Lächeln, das ihr so gut gefällt, zu Sybille hin. „Also dürfen wir sie ganz bestimmt nicht verurteilen. Aber ich bin sowieso der Meinung, dass man das durchaus auch mal geniessen darf, denn es macht einem ja auch richtig gute und schöne Gefühle, nicht wahr meine Liebe? Man muss einfach aufpassen, dass es niemand merkt.“ Beide sehen sich für einen kurzen Moment mit einem etwas verschleierten Blick in die Augen und man wüsste gerne, was jeder dabei gedacht hat. „Um bei deiner Kollegin zu bleiben,“ nimmt Thomas den Faden rasch wieder auf, „seine Aufmerksamkeiten und Komplimente werden ihre Wirkung bei ihr sicher nicht verfehlen. Endlich wird sie wieder einmal als attraktive Frau wahrgenommen. Ihre Weiblichkeit wird geschätzt und das wird sich sicher positiv auf ihr Selbstwertgefühl auswirken. Denn, wer bekommt nicht gerne Komplimente und Anerkennung. So eine Liebschaft kann doch ganz schön unter die Haut gehen. Man fühlt sich wieder jung und begehrt, glaubt vielleicht ein noch nie da gewesenes Glück gefunden zu haben. Die Probleme und Schwierigkeiten des Zusammenlebens sind ja in so einem Verhältnis weitgehend ausgeschaltet. Man träumt davon, dass mit einer neuen Liebe alles im Leben vielleicht besser wird. Diese Hoffnung und die neue Lebensfreude lässt einem doch Flügel wachsen, nicht wahr?“ „Nur ob dem denn so ist, das sei mal dahingestellt“ sagt Thomas nach kurzer Pause eher zu sich selbst. „Oft ist das doch eine Illusion.“ „Aber eigentlich sind das doch alles ganz positive Eigenschaften“, fordert ihn Sybille etwas heraus. „Warum ist dagegen etwas einzuwenden?“ „Da hast du natürlich recht, meine Liebe. Wenn da nur nicht der Partner Zuhause wäre, der einem zu einem Versteckspiel zwingt und das dazu notwendige Lügen meistens einem auch noch schlechte Gefühle bescheren würde. Aber vielleicht ist es ja auch gerade das, was einen Teil des Reizes ausmacht. Etwas Abenteuer im tristen Leben. Das Verbotene, das Verborgene, das Neue und das Geheimnisvolle. Diese Gefühle kann der ewige Trott Zuhause natürlich nach so vielen Ehejahren nicht mehr bieten, das ist klar. Ich glaube, manchmal steigert gerade das die Attraktivität einer neuen Verliebtheit ungemein. „Ja, das ist schon möglich“, bejaht Sybille. „Doch könnte sich diese reizvolle Abwechslung nicht auch positiv auf ihre Ehe auswirken? Ich weiss von jemandem, bei denen durch einen Seitensprung wieder mächtig Schwung in die Liebe und ins Ehebett kam. Könnte es nicht sein, dass durch ihre grössere Lebensfreude und das gesteigerte Selbstbewusstsein, sich sogar ihr Partner wieder mehr von ihr angezogen fühlt? Dazu kommt oft noch das schlechte Gewissen, das wieder mehr Aufmerksamkeit dem Partner gegenüber geradezu herausfordert. Man gibt sich vielleicht wieder etwas mehr Mühe, damit er ja nichts merkt oder damit er sich wieder schneller beruhigt, wenn er es bereits weiss“. „Ja“, unterstützt sie Thomas, „ich glaube schon auch, dass so eine Romanze einer festgefahrenen Beziehung durchaus auch gut tun kann, wenn man daraus die richtigen Lehren zieht und einem schlussendlich die Ehe doch wichtiger ist. Zumindest ihr wird es auf jeden Fall etwas Abwechslung und Optimismus in den schnöden Alltag bringen. Dabei spielt doch auch mal ein Küsschen oder etwas mehr keine grosse Rolle. Man nimmt ja dem Anderen ja nichts weg. Aber eben, es ist halt immer etwas gefährlich. Wie oft wirft jemand für diese tollen, kribbeligen Gefühle alles über Bord um später festzustellen, dass nach ein paar Jahren der selbe Punkt wieder erreicht ist, wenn man an sich und der Partnerschaft nicht ständig gearbeitet hat. Jeder will zwar immer frisch verliebt sein und ständig mit tausenden Schmetterlingen im Bauch auf einer rosaroten Wolke schweben, aber etwas dazu beitragen, das macht dann schon zu viel Mühe. Aber ich finde, eine langjährige Beziehung hat doch auch ihr grossen Vorteile. Vor allem im Alter. Aber das ist wieder ein anderes Thema.“ „Hmm, ich weiss nicht Thomas, ich glaube, dass du das vielleicht doch etwas zu optimistisch siehst“, meint Sybille mit einem Lächeln. „Meinst du nicht, dass sie vielleicht Zuhause nur noch unzufriedener wird?“ „Ich bin überhaupt etwas erstaunt, Thomas, dass du so denkst. Ich habe immer gedacht, dass gerade du nie ...... Ich meine, dass gerade du für eiserne Treue in der Partnerschaft bist.“ „Ach, weisst du, Sybille, ich glaube, dass es heute nicht einfach ist, eine Beziehung über eine lange Zeit aufrecht zu erhalten. Da hat sich doch vieles geändert in den letzten Jahrzehnten. Man ist toleranter und unabhängiger geworden und manchmal kann ich auch verstehen, dass es heutzutage ein bisschen Abwechslung braucht oder halt jemand kommt, bei dem man gewisse Bedürfnisse besser abdecken kann, als mit dem Partner. Das siehst du ja bei uns. Aber wie weit man dabei gehen darf, das muss sich halt jeder selber überlegen und mit seinem Gewissen vereinbaren. Ich kann gut verstehen, wenn andere diese Grenze früher gezogen haben wollen. Ich versuche bei mir auch, solch verfängliche Situationen zu vermeiden, da hast du schon recht, Sybille. Nicht, weil mich eine amouröse Beziehung, niemals reizen könnte. Davor bin auch ich nicht gefeit. Aber erstens habe ich Angst vor den Folgen eines Seitensprunges, denn ich glaube, dass eine intime Freundschaft bedeutend komplizierter würde und zweitens möchte ich das auch meiner Partnerin nicht antun. Ich käme mir etwas schäbig vor. Denn ich glaube, sie würde es als Betrug empfinden – und, weil ich das annehme, würden vermutlich mein Gewissen und meine Selbstachtung darunter leiden.“ „Aber“, hackt Sybille nach, „wie würdest du denn reagieren, wenn du deine Partnerin, in derselben verfänglichen Situation gesehen hättest wie ich, ähm.. , ich meine, so wie ich meine Kollegin? Oder angenommen, du würdest von anderen davon erfahren?“ hackt Sybille nach. „Wäre ich selber betroffen, würde ich mich bestimmt grosszügig ihr gegenüber verhalten. Denn als liebender Partner müsste man doch seiner Liebsten diesen Flirt und diesen Kuss eigentlich von Herzen gönnen können, weil es eben ein so tolles Gefühl ist, begehrt und bewundert zu sein“, antwortet Thomas und lacht dabei. „Nein, im Ernst, natürlich würde es mich im ersten Moment heftig treffen und ich würde darüber zuerst gerne genau Bescheid wissen wollen. Ich würde intensiv das Gespräch zu ihr suchen, um herauszufinden was, warum und wie lange die ganze Sache schon dauert. Ich denke auch, dass meine Partnerin gut daran täte, mir offen und ehrlich Auskunft zu geben, denn das schafft doch nebst Klarheit auch schon wieder etwas Vertrauen. Aber schlussendlich würde ich, zugunsten einer langen und im Prinzip guten Partnerschaft, vermutlich sogar auch mal einen Seitensprung meiner Partnerin in Kauf nehmen, wenn die Umstände halt dementsprechend waren. Oft spielt ja Alkohol, ausgelassene Stimmung, Ferien oder eben ein kurzer Flirt dabei eine nicht unerhebliche Rolle. Natürlich meine ich nur einen Ausrutscher, eine einmalige Sexgeschichte und nicht mehrere oder wochenlange intime Liebesbeziehungen.“ „Ja, ich glaube wirklich, man sollte eine gute Partnerschaft nicht unbesonnen oder aus einer Kränkung heraus beenden. Mit einer „grosszügigen“ Geste könnte ich zudem meiner Partnerin auch wirklich beweisen, dass ich sie, gemäss einer oft zitierten Floskel, „über alles“ liebe. Dieser „grossherzige Liebesbeweis“ könnte vielleicht sogar nachhaltige Auswirkungen auf meine Partnerin haben und ihre Liebe zu mir umso mehr festigen. Versuchen sollte man es meiner Meinung nach auf jeden Fall. Thomas macht eine Pause und Sybille nickt. Aber sie scheint ganz in ihre Gedanken vertieft zu sein, bis er wieder fort fährt: „Dieser , sagen wir mal, „Abstecher“, müsste mir aber eigentlich auch als Fingerzeig dienen und mir die Augen öffnen, dass meine Liebste vielleicht etwas vermisst oder, dass man in der Beziehung dringend etwas verändern sollte, wenn man sie langfristig erhalten will. Diesen Ausrutscher könnte man also gut zum Anlass nehmen, sich wieder einmal vertieft und ausführliche über die Beziehung, die Vorstellungen, Wünsche und Nöte, die sicherlich beide haben, zu unterhalten. Meistens hat sich da ja sowieso schon manch Unausgesprochenes aufgestaut.“ „Ja, du hast recht, Thomas, daran hapert es doch bei den meisten Paaren, findest du nicht auch? Die meisten reden erst, wenn es zu spät und der Mist bereits verschüttet ist.“ Thomas muss über diese Bezeichnung lächeln, denn war es früher die Milch, so ist es nun der Mist. Aber in diesem Zusammenhang findet er diesen abgeänderten Ausdruck ziemlich treffend. „Nur, meine Liebe, so offen und ehrlich wie wir miteinander reden, reden wir in unserer Beziehung doch auch nicht immer, oder?“ „Das stimmt, Thomas, aber in meiner Partnerschaft ist es auch nicht so einfach wie mit dir. Dort geht es auch nicht um Theoretisches, Annahmen oder Kolleginnen, sondern meistens um den Partner und da fühlt er sich dann schnell betroffen, ungerecht behandelt und dann ist er beleidigt – vorbei mit der Diskussion. Aber ich gebe zu, auch bei mir ist es manchmal nicht anders. Es ist eben schon nicht so einfach, wenn es ans „Eingemachte“ geht.“ Thomas grinst und fragt Sybille: „Was würdest denn du von deinem Mann akzeptieren, wüsstest du von einem Seitensprung?“ „Das ist für mich eben gar nicht so einfach“, antwortet Sybille nachdenklich. „Ich bin da hin und her gerissen. Mal denke ich, was ist denn da schon gross dabei, der Partner verliert ja nichts und wer weiss, was der andere so alles treibt. So ein Kuss, eine Umarmung – das ist doch bloss eine „Schwärmerei“, nichts Ernstes, nichts Gefährliches. Man würde es vermutlich ja auch nie erfahren. Doch, wenn es einem dann selber trifft.... – so eine Entdeckung verunsichert einem schon sehr. Ich frage mich, wie ehrlich sind seine Erklärungen, wie offen ist er wirklich zu mir und was geht wirklich in ihm vor. Waren es bloss die Umstände oder hat es einen tieferen Grund. Liebt er mich überhaupt noch. Ich wäre vermutlich nicht so tolerant wie du.“ „Ich würde eigentlich auch gerne meinem Partner danach wieder voll vertrauen können, doch was weiss man schon über die innersten Gedanken und Gefühle seines Liebsten. Aber vielleicht würde ich es auch einfach akzeptieren, weil ich ihn ja liebe. Doch ich hätte vermutlich schon ziemlich lange, bis ich es ganz verdaut hätte. Ein anderes Mal denke ich dann wieder, es kann ja wirklich jedem mal passieren, dass er sich halt plötzlich in einen anderen verliebt und einfach nicht mehr zurück kann, oder?“ „Ja, klar, das kann jedem passieren, das glaube ich auch. Aber ich meine eben, das geschieht nicht plötzlich oder einfach so und unbewusst. Liebe auf den ersten Blick, das kommt doch eher selten vor. Meistens merkt man doch, wenn es „heikel“ wird. Ich bezeichne das dann gerne als den „Wendepunkt“. Irgendwann merkt man doch, dass es sehr ernst wird, dass es einem den Ärmel reinzieht und dann muss man sich eben entscheiden! Entweder man muss zu dieser "Liebelei" Abstand halten, sie vielleicht sogar meiden, oder man geht bewusst das Risiko ein, dass man seine Beziehung zum Partner gefährdet. Genau das ist doch der Punkt, an dem man sich fragen muss, was einem die bestehende Partnerschaft noch wert ist. Ich bin überzeugt, dass es bei einem „Flirt" immer diesen Punkt gibt, an dem man sich entscheiden muss, aber auch darf, ob man seine Beziehung gefährden will oder nicht. Überschreitet man diesen „Wendepunkt“, dann erreicht man ziemlich schnell den „Point of No Return“ und hat dann das Folgende eben meistens nicht mehr im Griff. Doch das hat sich dann jeder selber zuzuschreiben und kann weder dem Schicksal noch dem Partner oder etwas anderem in die „Schuhe geschoben“ werden. Ich bin überzeugt davon, dass jeder Mensch, der denken kann, diesen „Wendepunkt“ bewusst überschreitet. Denn jeder weiss, wenn man mit dem Feuer spielt, kann man sich auch leicht die Finger dabei verbrennen“. „Würdest du denn so eine Affäre deiner Partnerin, auch wenn sie beendet ist, im Nachhinein noch gestehen?“ „Nein, freiwillig würde ich ihr so etwas auf keinen Fall erzählen,“ entgegnet Thomas etwas heftig. „Warum sollte ich meiner Partnerin das antun? Was sie nicht weiss, macht sie nicht heiss, sagt man doch. Schlimm genug, wenn sie es von anderen erfahren würde. „Ja, das glaube ich auch, da hast du sicher recht Thomas“, sagt Sybille nachdenklich. Schweigend machen sie sich bald darauf auf den Heimweg. „Du, Thomas....“ sagt Sybille, die vor ihm geht, nach einer Weile. Doch die Hundeleine hat sich im Unterholz verhängt und Thomas kriecht auf allen Vieren, um sie zu lösen. Als er sie befreit hat, fragt er: „Was wolltest du vorhin sagen, Sybille?“ „Ach, es war nichts Wichtiges.“ Später, Thomas hat sich inzwischen von Sybille verabschiedet, macht er sich noch einige Gedanken über das heutige, doch ziemlich ernsthafte Gespräch in der Waldoase. Was hat Sybille wohl dazu bewogen, ihm diese Fragen zu stellen? Je mehr er darüber nachdenkt, glaubt er, dass das nicht ganz zufällig war. Irgendetwas scheint sie zu beschäftigen. Aber was geht in ihrem Kopf vor. Hat es etwas mir ihr, mit ihrem Mann oder gar mit mir zu tun, fragt sich Thomas immer wieder? Ach, immer diese Frauen, denkt Thomas und lächelt vor sich hin. Doch ein plötzlicher Gedanke lässt sein Lächeln erstarren. Hoffentlich hatte er den Mund, mit seiner Grosszügigkeit seiner Partnerin gegenüber, nicht zu voll genommen.......
(°!°)
Samstag, 21. Juli 2012
Früher war ich unentschlossen - heute bin ich nicht einmal mehr ganz sicher - was ich bin.
....stand auf einem T-Shirt.
;)
Montag, 16. Juli 2012
"Die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten!"
(Sigmund Freud)
mein Senf dazu: Manchmal kann ich dem nicht widersprechen! :(
Sonntag, 15. Juli 2012
"Man könnte viele Beispiele für unsinnige Ausgaben nennen,
aber keines ist treffender als die Errichtung einer Friedhofsmauer.
Die, die drinnen sind, können sowieso nicht hinaus,
und die, die draussen sind, wollen nicht hinein.“
(Mark Twain)
:)
Freitag, 13. Juli 2012
„Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom.“
:)
Montag, 9. Juli 2012
Versuche ich,
über meinen Schatten zu springen –
verschwindet die Sonne hinter einer dunklen Wolke und es wird dunkel.
Manchmal hat man es als Schweizer gar nicht so einfach, wenn es darum geht, in der „Fremdsprache Deutsch“ zu schreiben. So habe ich mich beim Schreiben des letzten Post gefragt, wie man nun „es Möödeli“ in der Schriftsprache richtig schreibt und ich musste das Wort sogar googeln, weil mir das Deutsche Synonym nicht sofort in den Sinn kam. Dabei bin ich wieder einmal auf den Blog von Jens-Rainer Wiese mit dem Titel: Blogwiese gestossen. Darin werden die unterschiedlichen Mentalitäten zwischen Schweizern und Deutschen, unsere sprachlichen Eigenheiten und auch allerlei andere schweizerische Möödeli auf unterhaltsame Weise dargestellt und beschrieben. Leider wird der Blog seit einigen Jahren nicht mehr aktiv weiterbetrieben, sondern es gibt nur noch „reloads“ der alten Post's. Aber ich empfehle trotzdem allen, die sich für die Unterschiede von Schweizern und Deutschen interessieren, einfach mal auf diese Seite zu gehen und vielleicht die eine oder andere Kurzgeschichte darin zu lesen. Denn ich denke, dass es für Schweizer und Deutsche recht amüsant und interessant ist. Ach ja, es "Möödeli" hat mehrere Bedeutung, je nachdem wie man es schreibt. Aber eines sei vorweggenommen: Kleine Mode,wie man vielleicht auf den ersten „deutschen“ Blick meinen könnte, das ist es eben genau nicht. Denn „Möödeli“ mit zwei langgesprochenen öö hat die Bedeutung der Worte – Macke, Marotte oder Gewohnheit. Es wird vor allem im liebevollen, negativen Sinne gebraucht, könnte aber durchaus auch eine positive Angewohnheit sein. „Mödeli“ kurzgesprochen mit einem ö, stammt aus dem Wort „Model“ und man braucht es bei uns vor allem im Zusammenhang mit Butter . So heisst dann ein schön geformtes und vielleicht noch reliefverziertes Stück Butter aus einer geschnitzten Holzform eben je nach Gegend: Es Mödeli Butter oder es Ankemödeli. (Anke = Butter) Vielleicht denke sie ja daran, wenn sie das nächste Mal Butter aufs Brot streichen. Ach noch was, es „Modi“, das ist im Berner-Dialekt ein Mädchen.
Es fällt mir immer wieder auf, dass Personen, die ich gut kenne, sich in reiferen Jahren, immer mehr ihren Eltern angleichen und ihnen immer ähnlicher werden. Ich meine nun nicht bloss in ihrem Aussehen, sondern insbesondere auch in ihrer Wesensart und in ihrer Lebensweise. So übernehmen Töchter oft, immer mehr die Wesenszüge der Mütter und dementsprechend Männer die Gewohnheiten und Eigenarten ihrer Väter an. Dabei gewöhnt jeder sich erstaunlich oft, die gleichen „Möödeli“ (Macke, Marotte) seiner Eltern an und das verwundert eigentlich auch nicht, denn sie stammen ja vom gleichen „Model“ ab. Vielleicht ist mir dieser Umstand früher einfach nicht aufgefallen oder er wird mir erst jetzt richtig bewusst, weil ich mich selber nun in dieser Alterskategorie befinde. Vielleicht bemerke ich es auch darum erst in der letzten Zeit, weil ich nun den dafür notwendigen „Überblick“ und immer öfter auch die entsprechenden Vergleichsmöglichkeiten habe. Ebenfalls beobachte ich, dass der Erziehungsstil der eigenen Eltern meistens von den Nachkommen bei ihren Kindern in weiten Teilen, etwas modernisiert natürlich, ebenfalls wieder angewendet wird. Das kann, falls der Partner nun eine ganz unterschiedliche Erziehung genossen hat, halt oft zu immer wiederkehrenden Konflikten und ständigen Diskussionen auch in diesem Bereich führen. Sollten sich diese Beobachtung als richtig erweisen, so müsste man jungen Leuten eigentlich den Rat geben, sich die zukünftigen Schwiegereltern etwas genauer anzusehen, bevor sie sich für „ewig“ bindet – und von der Ewigkeit gehen beim Ja-Wort ja doch noch immer die meisten aus. So müsste vorgängig sich also jeder fragen, ob diese konservative oder fortschrittliche, ausschweifende, verschwenderische, grosszügige oder sparsame, weltoffene und kommunikative oder eigensinnige und zurückgezogenen oder sonst etwas spezielle Lebensweise der Eltern des Anderen und , die angewendete Erziehungsmethode, für ihn auch in dreissig Jahren noch annehmbar und akzeptabel ist. Den solche familiär bedingte, unterschiedliche Ansichten und Lebensstiele lassen sich oft nur schwer überwinden und seinen Partner kann man in seinen grundsätzlichen Wesenszügen und Lebenshaltungen nicht ändern, ohne dabei grossen Schaden anzurichten. Darum schrieb vermutlich auch Friedrich Schiller bereits 1799 im „Das Lied von der Glocke“: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet“ – und seither ist das Zusammenleben wahrscheinlich nicht einfacher geworden.
Sie ist halt etwas zurückgeblieben, sagten sie alle über Hedy, solange ich mich erinnern kann. Sie ist halt behindert, haben sie jedoch damit gemeint - behindert im Kopf, dachten sie doch alle. Ein bisschen recht hatten sie ja und trotzdem lagen sie falsch. Denn Hedy war nicht behindert, sie wurde gehindert, zuerst vom Gehör und den Augen, dann von Lehrern, Eltern und der Schwester und später auch noch von einem Mann. Sie alle haben vieles bei ihr verhindert, weil sie in erster Linie in Hedy, eine Behinderte sahen. Das kam so, weil Hedy von Anfang an schlecht hörte. Dafür konnte sie nichts, das war nicht ihr Fehler, nein, es war einfach ein Geburtsfehler. Darum kann man auch niemand anderen dafür beschuldigen. Schuldig machten sich einige erst, als sie vieles falsch machten. Vielleicht aus Unwissenheit, oft jedoch, aus einer eigennützigen und kurzsichtigen Sichtweise. Doch wirklich kurzsichtig war doch eigentlich Hedy und trotzdem machte sie am wenigsten falsch. Doch sie hatte die fatalen Folgen der Fehler der anderen ein Leben lang zu tragen. Die Zeiten waren schwer als Hedy zur Welt kam, denn sechs Kinder waren bereits da und als die Jüngste fünf wurde, begann gerade der zweite Weltkrieg. Ihre Mutter hat wohl nichts von der Schwerhörigkeit der Kleinen gemerkt, auch wenn sie erst spät zu reden begann. Eine Träumerin sei sie halt, sagte Mama manchmal und die Grösseren mussten der Kleinsten helfen. Der gleichen Meinung waren auch ihre Lehrer, die wegen des Krieges sehr oft wechselten. Kaum waren sie da, da gingen sie wieder und so hat man in der Schule eben nicht bemerkt, dass Hedy nicht gut mitkam, weil sie vieles nicht gehört und verstanden hatte. Doch hätte es einer geahnt, wie gesagt, kaum war er da, war er auch schon wieder weg. Zu dieser Zeit ging es doch darum, ein ganzes Land zu verteidigen, da konnte ein kleines, stilles Mädchen, das schwerhörig war, halt leicht übersehen werden. Jeder neue Lehrer wurde gleich darauf aufmerksam gemacht, dass die Kleine halt nicht mit den anderen Schritt halten konnte und das half vermutlich mit, dass keiner auf die Idee kam, dass Hedy eher schwerhörig – als schwer von Begriff war. Dazu kam, dass sie auch nicht besonders gut sah. So waren die Buchstaben auf der Wandtafel halt etwas verschwommen. Aber man merkte erst (zu) spät, dass nicht ihr Geist umnebelt war, sondern, dass sie nur nicht klar sah. So hat sie eben vieles eher nach Gefühl gemacht – das war sie sich so gewohnt, seit ihrer Geburt. Eine geeignete Brille bekam sie erst nach der fünften Klasse, doch da ging Hedy bereits sechs Jahre zur Schule. Sie wurde einfach immer mitgeschleift, von Klasse zu Klasse, ausser einmal, da blieb sie sitzen. Sonderschulen kannte man damals dort eben noch nicht. Nach der Schule versuchte man gar nicht erst eine Lehrstelle für Hedy zu finden. Für Mädchen war ein Beruf zu dieser Zeit nicht üblich und für Hedy, die Zurückgebliebene, schon gar nicht. Junge Frauen sollten damals bald heiraten, Kinderkriegen und Haushalten, das genügte für ein Frauenleben in der damaligen Zeit. Zudem hätte so eine Lehrstelle ja noch etwas gekostet, nein, das war für Hedy, nun wirklich nicht nötig Also nahm Hedy eine Arbeit in einer Fleischfabrik an. Sie verpackte getrocknete Fleischspezialitäten. Diese Arbeit war einfach und verlangte vor allem schnelle Hände – und Hedy war flink, sehr flink sogar. Sie war die Schnellste und bald die Beste. Denn sie verrichtete ihre Arbeit still und sprach wenig mit den Anderen. Klar, sie hätte sie im Lärm der Verpackungsmaschinen ja auch kaum verstanden. Zudem redeten die Mitarbeiterinnen auch nicht so gerne mit ihr, denn mit Hedy musste man immer sehr laut sprechen und sie gab dann noch lauter Antwort. Dadurch hörten alle mit, auch der Chef. Doch der mochte sie gut. Vor allem, weil sie so schnell war und auch, weil sie nicht auf die Idee kam, nach mehr Lohn zu fragen. Sie war ja eine Behinderte und die hatten froh zu sein, dass sie jemand nahm. So sah man es auch Zuhause und darum fragte Hedy nicht nach mehr Lohn oder kam auf die Idee, sich nach einer andere Arbeit umzusehen. Die Arbeitstage waren dafür lang. Morgens musste sie nach einem halbstündigen Marsch um halb sieben "auf den Zug" und nach der Arbeit fuhr sie am Abend eine gute halbe Stunde mit der Eisenbahn auch wieder zurück. Zuhause angekommen half sie, wie sie es sich als Jüngstes seit je her gewohnt war, der Mutter im Haushalt. Zu tun gab es viel, denn ihr Vater war schon mit fünfundfünfzig Jahren durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt und konnte nicht mehr arbeiten. Zwei ihrer Brüder wohnten auch noch zu Hause, der eine, weil er mit dreissig noch ledig war, der andere, hatte schon eine Scheidung hinter sich. Für sie war Hedy nützlich, denn sie war flink, kochte ordentlich, machte die Wäsche, wusch Geschirr, putzte Schuhe und sagte nicht viel, weil sie sowieso nichts verstand. Dafür brachte sie von der Arbeitsstelle oft Fleisch mit nach Hause, das sie als Angestellte günstiger einkaufen konnte. Das entlastete das Haushaltungsgeld und darüber war man allgemein froh. Schon früh warnte man Hedy, dass sie sich vor Männern gut in acht nehmen müsse. Die würden solche Mädchen wie sie, sowieso nur "ausnützen". Männer seien darum gar nicht gut für sie , erst recht nicht, weil sie ja als Behinderte nicht so recht „Bescheid“ wisse. So kam Hedy auch nie auf die Idee, sich mit einen Mann einzulassen oder gar einen Freund zu haben. Sie war froh, geborgen im Elternhaus zu sein. Eine ihrer älteren Schwestern, die kinderlos in einer grossen Stadt verheiratet war, warnte sie und die Eltern immer besonders eindringlich, wenn sie nach Hause zu Besuch kam. Denn sie kannte sich in „solchen Dingen“ aus und hatte schon oft von derartig schlimmen Schicksalen gehört. Zurückgebliebene Mädchen, verludert, die dann ein Kind bekamen, vielleicht auch noch ein Behindertes, das ohne Vater und später vermutlich verwahrlost und asozial aufwuchs – nein, das durfte nicht sein! Sowieso nicht in diesem Dorf – man hätte sich ja in Grund und Boden schämen müssen! Denn als Sekretärin bei der halbstaatlichen schweizerischen Stiftung Pro Juventute, wusste sie doch ganz genau, was gut für Kinder ist und in welchen Verhältnissen sie aufzuwachsen haben. Denn dort kümmerte man sich seit 1912 um das allgemeine Kinderwohl und setzte sich unter anderem auch für die Kinderrechte ein. Es ist unbestritten, dass viel Gutes bei dieser Organisation entstanden ist , aber es herrschte zum Teil auch ein Gedankengut, das ethische und rechtswidrige Grenzen überschritten hat und deren Folgen und politische Aufarbeitung bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Davon zeugt das bereits 1926 entstandene Projekt „Kinder der Landstrasse“. Mit Unterstützung der Vormundschaftsbehörden wurden Kinder von Fahrenden, insbesondere Jenischen, ihren Familien entzogen. Bis 1972, als das Projekt nach öffentlichem Druck eingestellt wurde, waren davon rund 600 Kinder betroffen. Ziel von „Kinder der Landstrasse“ war es, die Kinder dem Einfluss der als asozial beurteilten minderheitlichen Lebensverhältnisse zu entfremden und sie an die vorherrschende mehrheitsgesellschaftliche Lebensweise anzupassen. Ein weiteres Ziel war die Entwicklung der Kinder zu "brauchbaren" Arbeitern für die Gesellschaft. In diesem Zusammenhang muss man auch die, durch eine eugenische Politik motivierte Inhaftierung von sogenannten „liederlichen“, ledigen Frauen sehen, die zu hunderten zwangssterilisiert wurden. Für Hedy's Schwester war ganz klar, es musste unbedingt verhindert werden, dass eine wie das Hedy, ein Kind bekommen konnte. Darum setzte sie alles in Bewegung, ging zu manchem Arzt, setzte sich mit allen Ämter auseinander, damit Hedy unwiderruflich „unterbunden“ wurde, nachdem ihr schon früher die Mündigkeit abgesprochen worden war. Das war gut für Hedy, so konnte ihr nichts passieren. Das war auch gut für ihre Mutter, der eine allfällige Schande erspart bleiben würde und Hedy blieb so auch sicher Zuhause und sorgte, nachdem der Vater gestorben war, wie vorgesehen für die kränkelnde Mutter. Das Geld, das sie alle die Jahre Zuhause abgab, konnte gut gebraucht werden, denn die Rente war klein, das eigene Häuschen kostete und Ersparnisse waren durch die frühe Krankheit des Vaters auch kaum vorhanden. Als auch Hedy's Mutter starb, verzichteten die übrigen Geschwister zugunsten der jüngsten Schwester auf ihren Erbanteil, damit Hedy bis zu ihrem Lebensende ein gesichertes Zuhause hatte. Hedy war damals achtundvierzig Jahre alt. Gut zwei Jahre später heiratete Hedy einen Mann, der zwölf Jahre älter war als sie. So ging die Haus- und Pflegearbeit für sie einfach wieder weiter. Man stellt sich die Frage, wurde sie geliebt oder einmal mehr wieder ausgenützt? Einige Jahre später verbrachte man sie aus undurchsichtigen Gründen in ein Heim, weit ab von ihrem Zuhause und der Ehemann übernahm nun das Häuschen ganz. Da dessen Unterhalt stark vernachlässigt wurde, musste es, nachdem der Ehemann in ein Pflegeheim eintrat, öffentlich zu einem bescheidenen Preis versteigert werden, um die horrenden Pflegeplatzkosten der beiden bezahlen zu können. Hedy verstarb mit siebenundsiebzig Jahren – still und leise und ohne, dass die Verwandtschaft ihrer Geschwister etwas davon wusste. Der Zusammenhalt in der Familie war halt nie besonders gewesen. Einige Monate später erfuhren sie davon durch ein Schreiben des Amtsvormundes. Darin wurde mitgeteilt, dass Hedy einen kleinen Nachlass hinterlassen hat, der nun an die Erben verteilt und nach der Unterzeichnung des Erbvertrages ausbezahlt wird. Lange habe ich mit der Unterschrift gezögert, denn es machte mir doch etliche Mühe, nun vom „armen“ Hedy noch beschenkt zu werden, einfach, weil sie meine Tante war. Auch ich hatte sie lange Zeit nur als Behinderte wahrgenommen und ich hatte mich seit Jahrzehnten nicht mehr um sie gekümmert. Dafür schäme ich mich und Hedy, dafür entschuldige ich mich bei Dir.
.))
"Unmögliches wird sofort erledigt - Wunder müssen noch etwas warten!" .... und das "Alltägliche" hat im Moment gar keinen Platz. Bis bald........
;))
Sonntag, 10. Juni 2012
Man kann von mir doch nicht verlangen, dass ich mich bei meinem Schatten entschuldige, dass die Sonne scheint.
Die Entscheidung Teil 3: Kann Mann und Frau „nur“ befreundet sein?
Sybille wird vom freudigen Jaulen eines Hundes hinter ihrem Rücken aus den Gedanken gerissen. Sie sitzt bereits eine gute halbe Stunde auf der obersten Holzbank der nördlichen Hangseite in der angenehmen Morgensonne. Dabei wird sie von drei einzelnen hohen Tannen bewacht, die ziemlich schutzlos als Einzige, nach dem heftigen Lothar-Sturm, vom dichten Wald übrig geblieben sind. Die drei arg zerzausten Bäume stehen jedoch trotzig auf der Hügelkuppe, scheinbar sinnlos wie die letzten tabakgebräunten Überbleibsel eines sonst zahnlosen, greisen Mundes. Aber Sybille spürt immer wieder deutlich, welch grosse Widerstandskraft von ihnen ausgeht. Darum sitzt sie gerne da und lässt ihren Blick gedankenverloren über das zu ihren Füssen liegende Städtchen und die mächtige, noch schneebedeckte Bergkette schweifen. Weitblick und Bodenhaftung, zwei Eigenschaften die Sybille erstrebenswert erscheinen. Sie dreht sich hastig um und erkennt sofort den kleinen Hund, der seinem Besitzer um eine Leinenlänge voraus rennt. Dabei wedelt er so heftig mit dem Schwanz, dass dadurch das ganze Tier fast ins Trudeln gerät. Durch das Jaulen und heftige Ziehen seines Begleiters aufmerksam gemacht, hebt nun auch Thomas den Kopf und, als ob er zuerst aus einer weit entfernten Welt zurückkehren müsste, dauert es einen Moment, bis er Sybille wirklich wahrnimmt. Ein Lachen auf seinem Gesicht bestätigt ihr seine Freude und seine Schritte verlängern sich unweigerlich. Schnell erreicht er ebenfalls die Sitzbank, und nachdem sie den närrisch gewordenen Hund etwas beruhigt und die ausziehbare Hundeleine entwirrt haben, fragt Thomas, ob er sich zu ihr setzten darf. "Ja gerne, wenn du möchtest?“ Mit einem strahlenden Nicken rückt Sybille etwas zur Seite. Ich freue mich, dich zu sehen, Thomas, auch wenn ich dich vor einer guten Woche so gemein versetzt habe", sagt sie dabei und senkt beschämt den Blick. "Hast du?", fragt Thomas milde lächelnd. "Ja, leider", gesteht Sybille leise. "Ich habe es inzwischen mehrmals bereut. Aber ich habe mich irgendwie nicht getraut, mich bei dir zu entschuldigen. Darum bin ich seither am Morgen immer auf dieser Hangseite laufen gegangen – um dir auszuweichen. Doch dadurch wurde es täglich noch schwieriger, dir zu begegnen. Nun bin ich froh, dass wir uns getroffen haben.“ Thomas lächelt, schweigt aber. „Nur einmal“, sagt darauf Sybille ergänzend, „bin ich abends, als mich die Unruhe nach draussen getrieben hat, auf der anderen Seite gewesen. Dabei habe ich die Rehgeis mit ihren zwei Kitzen gesehen. Die sind so klein und so härzig.– hast du sie auch schon gesehen, Thomas?" "Nein, sie haben sich vermutlich wegen des Hundes vor mir versteckt", meint er bedauernd. Nach einer kurzen Pause fährt er fort: "Ich habe noch zwei-, dreimal am Morgen bei der Hütte auf dich gewartet. Ich dachte zuerst, dass dir vielleicht etwas dazwischengekommen sein könnte. Aber dann habe ich schon angenommen, dass du nicht mehr zusammen mit mir laufen willst." "Nein, nein Thomas!", entgegnet nun Sybille heftig und ihre Mundwinkel ziehen etwas nach unten. "Das ist überhaupt nicht der Grund, bitte glaub mir! Ich hatte einfach Angst, dass ich mich... " Sybille stockt. "Ich meine, dass zwischen uns etwas entstehen könnte, das ich nicht mehr im Griff habe“. Sybille machte eine kurze Pause. „Ach weisst du, es ist einfach so, dass ich nicht wusste, wie ich mich verhalten soll, was richtig, was falsch ist und ..." Sybille sucht nach Worten, schaut in die Weite und schiebt dabei ihre aneinander gepresst Hände zwischen die geschlossenen Oberschenkel. "Ich meine, ich schätze dich sehr Thomas, auch deine Meinungen und, ja, ich bin auch gerne mit dir zusammen. Die Stunde, die wir miteinander laufen, gibt mir viel und ich habe dich..., ähm, also..., das gemeinsame Laufen in den letzten Tagen wirklich sehr vermisst. Ständig bist du mir durch den Kopf gegangen und oft habe ich befürchtet, dass ich dich nun verloren habe.“ Sybille fährt kurz darauf mit gedämpfter Stimme fort: Ich möchte wirklich nicht auf dich verzichten. Ich möchte dich als Freund und Gesprächspartner behalten, denn so jemanden hat mir schon immer gefehlt.“ Sybille wendet sich wieder zu Thomas und meint etwas heftig: „Ist es denn nicht möglich, dass wir einfach nur befreundet sind? Ich möchte einfach nicht, dass jemand dadurch verletzt wird oder, dass daraus eine ..., eine Affäre wird." Erleichtert, also ob sie Schweres abgeladen hätte, lehnt sich Sybille an die Rücklehne und atmet hörbar aus. Thomas, der noch immer etwas verkrampft, aufrecht sitzt, wendet seinen Kopf langsam zu ihr hin und sagt: "Ja, von mir aus, gerne. Ich habe mir in den letzten Tagen auch oft Gedanken über Dich und unsere noch junge Freundschaft gemacht. Mir ist der Kontakt mit dir ebenfalls ans Herz gewachsen – ich glaube gar, in dir eine Seelenverwandte gefunden zu haben, so sehr ähneln wir uns. Darum konnte ich einfach nicht verstehen, warum du die Begegnungen abgebrochen hast. Hundert Mal habe ich in der vergangenen Woche überlegt, ob ich beim letzten Mal vielleicht etwas Falsches zu dir gesagt habe. Nun bin ich wirklich erleichtert, dass es nicht daran gelegen hat." "Nein, Thomas, das hat es wirklich nicht!", bekräftigt Sybille ernsthaft. "Du hast dich absolut korrekt verhalten. Es sind meine Gefühle, die mich verunsichert haben und aus Angst, dass ich mich ernsthaft in dich verlieben könnte, wollte ich dir aus dem Weg gehen.“ Sybille seufzt. „Aber, dass das hier nicht möglich sein kann, ist mir schon klar. Wir mussten uns ja zwangsläufig irgendwann wieder über den Weg laufen, sowieso, wenn wir wirklich Seelenverwandte sein sollten.“ Bereits lacht Sybille bei den letzten Worten wieder und für sie scheint die Sache damit geklärt zu sein. Doch Thomas will die Gunst der Stunde nun gleich nutzen und bei Sybille Klarheit schaffen. "Ich freue mich natürlich auch, wenn wir wieder gemeinsam statt einsam laufen“, sagt er bestätigend. „Ich finde auch, dass wir uns auf Anhieb doch sehr gut verstanden haben. Wir haben trotz des grossen Altersunterschiedes die gleiche Wellenlänge und sicher einen besonderen Draht zueinander. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als mir dir befreundet zu sein.“ „Doch deine Bedenken sind schon nicht ganz unberechtigt. Die Gefahr des Verliebtseins besteht natürlich, nicht nur bei dir. Dass ich dich etwas verunsichert habe, war nicht zuletzt auch meine Schuld und ich muss zugeben, dass ich es auch genossen habe. Ich habe es herausgefordert, mit dir geflirtet und ehrlich gesagt auch ziemlich mit deinen Gefühlen gespielt. Das ist nicht in Ordnung und soll auch nicht wieder vorkommen. Versprochen! Aber ich würde wirklich gerne ein väterlicher Freund zu dir sein und dabei soll es auch bleiben. Eine weitergehende Beziehung kann es für mich auf keinen Fall geben.“ Sybille nickt, ohne Thomas anzusehen. „Siehst du das auch so?“, fragt Thomas darum nach. „Abgemacht?“ „Ja klar, abgemacht, Thomas. Und sollte ich es wieder vergessen, erinnerst du mich bitte daran“, sagt Sybille lachend. „Was ist mit deinem Mann?“, fragt Thomas, „meinst du, das geht auch mit ihm so in Ordnung?“ „Ja, ich habe ihm bereits gesagt, dass ich dich kennengelernt habe und, dass wir oft zusammen vormittags laufen. Auch wenn er erst mürrisch reagiert hat, glaube ich schon, dass er nichts dagegen hat. Er meinte jedenfalls, dass er nun an den Wochenenden ebenfalls ab und zu mit mir in den Wald kommen würde und er dich dann ja vielleicht mal kennenlernen würde.“ „Ja, klar“, meint Thomas darauf. „Das ist sicher gar nicht schlecht. Es ist auch gut, dass er es von dir direkt erfahren hat, bevor es jemand anderes ihm gesteckt hätte. Offenheit schafft Vertrauen.“ Der Hund ist inzwischen aufgestanden und schnuppert am Boden herum, während die beiden schweigend nebeneinandersitzen und über die letzten Minuten nach denken. „So, ich muss zurück, es ist schon spät“. Sybille steht auf und fragt Thomas: „Kommst du auch gleich mit hinunter, oder willst du noch hier bleiben?“ „Nein, ich komme mit – und morgen treffen wir uns wieder bei der Hütte?“ „Ja, gerne und dann zeige ich dir die jungen Rehe..........“
Es sind zwei! Schade, dass Thomas nicht dabei war.
Liebe Grüsse von Sybille
:))
Donnerstag, 31. Mai 2012
Wir sind zu allem fähig, aber manchmal,
zu nichts zu gebrauchen
(Spruch)
;)
Mittwoch, 30. Mai 2012
Glück Glück ist eine stille Stunde Glück ist auch ein gutes Buch Glück ist Spaß in froher Runde Glück ist freundlicher Besuch. Glück ist niemals ortsgebunden Glück kennt keine Jahreszeit Glück hat immer der gefunden der sich seines Lebens freut.
Clemens von Brentano
(1778 in Ehrenbreitstein (heute Koblenz) bis 1842 in Aschaffenburg) war ein deutscher Schriftsteller und neben Achim von Arnim der Hauptvertreter der sogenannten Heidelberger Romantik.
Wann beginnt eigentlich ein Seitensprung? Teil 2 von: Kann Mann und Frau „nur“ befreundet sein? Vielleicht kommt sie ja auch heute wieder etwas früher, denkt Thomas und streckt ungeduldig den Hals, damit er etwas weiter, als nur bis zur Wegbiegung sehen kann. Aber von Sybille, seiner Laufpartnerin, ist noch weit und breit nichts auszumachen. Thomas ist extra etwas früher zum vereinbarten Treffpunkt beim offenen Waldarbeiterunterstand gekommen, weil Sybille in den letzten Tagen immer bereits schon hier war und auf ihn gewartet hatte. Ihm ist es ja durchaus angenehm, wenn sie etwas mehr Zeit zum gemeinsamen Wandern haben. Denn Zeit hat er ja genug und schon oft sind sie vor lauter Trödeln und Tratschen, diversen Umwegen oder nicht enden wollenden Gesprächen, etwas spät vom Rundgang zurückgekommen. Doch vom Schönen bekommt man halt nie genug, denkt Thomas und ein leises Lächeln huscht über sein sauber rasiertes Gesicht. Thomas hat seit Tagen eine ausgesprochen gute Gefühlslage und das hat eindeutig nur mit Sybille zu tun. Seit Wochen ist sie ihm ab und zu begegnet und nicht ganz ohne sein Zutun und seinem Zeitmanagement wurde immer etwas mehr Absicht aus dem Zufälligen. Doch damit hat Thomas zu Beginn gar nicht rechnen dürfen. Er wagte anfangs nicht einmal, sich irgendwelche Hoffnungen darüber zu machen, dass ihn diese nette Frau — die in schlichten Kleidern und mit schnellen Schritten, fast etwas scheu durch den Wald marschierte — auch nur beachten würde. Die Aussichten waren mehr als hoffnungslos und trotzdem wurde er von Anfang an, wie mit einem Magnet von ihr angezogen und mit der Zeit ging er nur noch auf der Südseite mit seinem Hund spazieren — in der Hoffnung, vielleicht doch wieder auf sie zu stossen. Auch schien es ihm noch vor kurzem undenkbar, dass so eine junge Frau — die ja seine Tochter hätte sein können — mit ihm reden, geschweige denn laufen würde, auch wenn sie ihn jedes mal freundlich grüsste und dabei anlächelte. Und was für ein Lächeln, das ging ihm durch Mark und Bein, ganz hinunter und gerade nochmals hinauf. Ja, sie machte ihn beinahe etwas „wuschig“. Alleine die Vorstellung, mit ihr gemeinsam durch die Wälder zu streifen, versetzte ihn dann den ganzen Tag über in ein Hochgefühl. Aber es ist nicht eine körperliche Anziehungskraft die seine Fantasie beflügelt - denn das ist ihm im Gegensatz zu früher, in den letzten Jahren zu einem immer weniger wichtigen Bedürfnis geworden. Zudem ist er in puncto Erotik, Zuhause bei seiner Partnerin bestens aufgehoben. Nein, es ist der immer grösser werdende Wunsch nach Begleitung, Abwechslung und guten Gesprächen. Er spürt zunehmend eine innere Einsamkeit, die sich manchmal wie eine kalte Faust um sein Herz schliesst. Immer öfter befällt ihn eine tiefe Sehnsucht nach einer richtig guten Freundschaft. Oder, macht er sich bei ihr vielleicht ganz unbewusst die Hoffnung, dass sie seine, bei der Geburt verstorbene Tochter, würde wenigstens etwas ersetzen können? Die wären ja etwa gleich alt und so ganz hat er diese Tragödie, obschon er noch zwei tolle Söhne hat, nie verkraften können. Manchmal war er überzeugt, dass eine Tochter noch heute für ihn da wäre, als Bindeglied zur Familie sozusagen. Die Töchter bleiben immer dem Vater, die Söhne eher der Mutter, sagt man doch, oder? Jedenfalls ist es ihm gar nicht unangenehm, dass es nun eine Frau ist, die diesem aufkeimenden Wunsch nach einer soliden Freundschaft gerecht wird. Denn, er kann mit Frauen einfach besser umgehen und schon immer hat er auch lieber mit Frauen zusammengearbeitet. Das geklappt einfach besser als mit den Männern, deren Macho-Gehabe er nicht ausstehen kann. Auch kommt er mit Frauen komischerweise viel eher ins Gespräch und kennt sich darum in deren bevorzugten Themen besser aus, als bei den üblichen Männer-Diskussionen über Autos, Fussball, Militär und damals flachgelegten Frauen. Ein „Frauenversteher“ sei er halt, hat man ihm auch schon gesagt, aber dieses Wort mag er gar nicht. Aus seiner Sicht sind Frauen in ihren Haltungen einfach oft viel diplomatischer und kompromissbereiter — wenigstens die meisten – oder die Reiferen oder einfach die, die nicht um jeden Preis "ihren Mann stellen" wollen. Auch hat er oft die Erfahrung gemacht, dass gemischtgeschlechtlicher Gedankenaustausch meistens spannender und lehrreicher ist, weil die Diskussionspunkte aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln eingebracht werden. Auch beim Philosophieren im monatlichen Café Philo schätzt er es, dass immer einige Frauen mit dabei sind. Und wenn es beim Debattieren dann noch etwas knistert, findet Thomas, gibt das dem Ganzen doch erst das richtige Feuer und gleichzeitig verhindert die grössere weibliche Diplomatie, dass sich die Fronten verhärten. Aber natürlich birgt eine innige Freundschaft mit dem andere Geschlecht auch gewisse Gefahren in sich. Das mehr daraus entstehen kann, dessen ist er sich voll bewusst. Es gibt sogar nicht wenige die behaupten, dass Hetero-Freundschaften gar nicht möglich sind, ohne, dass der eine mehr vom anderen will. Aber diese Gefahr scheint ihm bei Sybille berechenbar. Denn einer möglichen Verliebtheit seinerseits, steht für ihn ganz klar ihre Jugendlichkeit im Weg. Er ist sich bewusst, das es sich bei einer körperlichen Annäherung höchstens um eine zeitlich begrenzte Affäre würde handeln können und dafür ist ihm seine langjährige Beziehung zu seiner zwar fast gleichalterigen, aber dennoch sehr attraktiven Lebens-Partnerin zu schade. Auch würde er, davon ist er überzeugt, bei einem Liebesverhältnis bloss eine Partnerschaft gegen eine andere austauschen und damit vermutlich, die vielleicht neu gewonnene und lange ersehnte Freundschaft mit Sybille gleich wieder kaputt machen. „Liebe zerstört Freundschaft“, sagt doch der Volksmund. Das aber, konnte für ihn doch langfristig kein Zugewinn sein. Sondern vermutlich eher ein schlechter Tausch, denn als "Liebhaber" kann er mit seinen bald fünfundsechzig Jahren langfristig doch sowieso nicht mit ihrem dreissig Jahre jüngeren Mann konkurrieren. Aber als väterlicher Freund kann er ihr vielleicht durch seine Lebenserfahrung, seine Gelassenheit und seine etwas anderen Ansichten doch etwas Attraktives bieten. Denn das ist ihm schon noch wichtig, dass in einer ausgeglichenen Freundschaft jeder vom anderen profitieren kann. Er von ihrer spritzigen Jugendlichkeit, sie von seiner Altersweisheit. Aber eben, würde es auch für Sybille bei einer zwar innigen, aber dennoch begrenzten Freundschaft bleiben? Dass sie sich in letzter Zeit etwas verändert hat, mit ihrem Äusseren und bestimmten Bemerkungen ihre gewachsene Sympathie zu ihm durchblicken lässt, das ist ihm schon auch aufgefallen. Aber er wollte sie bisher noch nicht stoppen — zu schön ist dieses mystische Spiel des Flirtens, zu sehr streicheln ihre warmen Blicke seine Seele und zu gross ist die Angst, dass sie einen Rückzieher machen könnte. Aber, dass er das Thema ansprechen muss, das ist ihm ganz klar und eigentlich hat er es sich bereits für heute vorgenommen. Noch bevor es auch ihm den Ärmel ganz hineinnimmt und er die Distanz oder die Kraft für einen Stopp nicht mehr hat. Er ist der Ältere, er muss der Vernünftigere sein und er hat ganz klare Grenzen zu ziehen und Abmachungen einzufordern. Ein Blick auf die Uhr zeigt ihm, dass die vereinbarte Stunde bereits klar überschritten ist. Vielleicht ist ja etwas dazwischen gekommen und nun bedauert er bereits, dass er ihr nicht seine Mobiltelefon-Nummer gegeben hat. Aber gerade das ist ihm bisher zu persönlich gewesen, wenigstens vorläufig. Zudem, wie soll er diese neue Bekanntschaft seiner Partnerin erklären, wenn Sybille ihn in ihrem Beisein anrufen würde oder er ein schellendes Telefon einfach nicht beantwortet? Seine Liebste ist manchmal sonst schon ziemlich empfindlich wenn er seine Mail-Kontakte zu offensichtlich pflegt oder zu häufig in ihrem Beisein twittert. So ein heikles Gespräch würde sowieso nicht einfach, denn bei schwierigen Themen wie ihre Beziehung, den jeweiligen Kindern oder anderen delikaten Diskussionen ist sie doch ziemlich introvertiert. Aber manchmal ist er ja selber ziemlich unsicher darüber, ob er seine Partnerin bereits betrügt, wenn er mit Sybille ohne ihr Wissen täglich eine Stunde harmlos gemeinsam durch den Wald spaziert oder wenn dabei halt auch ziemlich Persönliches aus ihrer Beziehung zur Sprache kommt. Er hat sich schon oft besorgt gefragt, ob man seinen Partner in Gedanken betrügen kann? Wann beginnt ein Seitensprung eigentlich? Ab wann betrügt man? Bereits beim Denken, beim Flirten, mit Briefen, bei heimlichen Treffen mit tabulosen Gesprächen oder erst beim offensichtlichen Begehren und wenn es körperlich Intim wird? Bei seinem ehemaligen Freund hatte er sich darüber gar nie Gedanken gemacht. Vermutlich einfach, weil der ein Mann war und ein Seitensprung gar nicht in Betracht gezogen wurde, von niemandem. Gegenseitig hat man gedankenlos über seine Ehefrauen geredet, mal geschwärmt, öfter geklagt. Dass die dabei ausgeplauderten Eheprobleme bereits eine Verletzung des gegenseitigen ehelichen Vertrauens darstellen würde, oder, dass daraus Konsequenzen entstehen könnten, darauf ist Thomas damals gar nicht gekommen. Doch auch daraus hat er gelehrt. Denn solche ausgeplauderten Intimitäten können einem später zünftig schmerzen, wenn sie wie ein Bumerang, einem selber wieder treffen. Auch den besten Freunden ist nicht immer zu trauen, musste er sich damals eingestehen. Etwas sorgenvoll blickt Thomas auf seinen Hund, der nach einer Maus gräbt und heftig schnaubend fast zur Hälfte kopfvoran im Erdloch verschwunden ist. Warum erinnert er sich jetzt plötzlich an den betörenden Körpergeruch von Sybille, den er gestern, zusammen mit einer Spur eines lieblichen Parfüms in einer sinnlichen Mischung wahr genommen hat, als sie sich zufällig beide gleichzeitig zum Hund bückten, als dieser jaulend aufschrie, weil ihn sein rheumatisches Hüftgelenk schmerzte. Ein Schatten legt sich plötzlich auf die Seele von Thomas. Eisige Kälte und der bekannte innere Schmerz breiten sich aus. Sind es die, wieder einmal aufgetauchten Erinnerungen von früher, die Thomas gerade hinunterziehen wollen? Oder ist es die plötzliche Erkenntnis, dass Sybille vermutlich nicht mehr kommt? Doch Thomas will jetzt nicht, wie sein Hund zu grübeln beginnen und dabei riskieren, dass dabei auch er den Kopf in den Sand steckt, wie er das gerne tut, wenn etwas Unangenehmes auf ihn zu kommt Bewusst dreht er sich der immer höher am Himmel stehenden Sonne entgegen und beobachtet zur Ablenkung interessiert, wie zwei Pferde von oben her auf dem Fahrweg auf ihn zureiten. Synchron und rhythmisch schieben dabei die beiden aufrecht sitzenden Reiterinnen ihre Becken auf den Pferderücken vor und zurück. Einer Welle gleich setzt sich diese Bewegung durch den Oberkörper fort und endet in einem ständigen Nicken mit dem Kopf. Thomas fragt sich dabei, ob man bei diesem steilen Gelände nicht besser absteigen sollte. "Komm Hund", sagt Thomas mit einem unterdrückten Seufzen, "das war wohl wieder einmal nichts. Schade, wirklich schade. Aber deswegen lassen wir uns den Spaziergang nicht entgehen – stimmt's mein alter Freund?" Etwas widerwillig, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven, setzen sich die Beiden in Bewegung und wandern den sonnenbeschienen, ansteigenden Fahrweg hinauf. Der entschwindende penetrante Pferdeduft und der Pferdemisthaufen auf der linken Strassenseite erinnern an die beiden Reiterinnen von vorhin, vielleicht sind sie ja "Beste Freundinnen".
Schwacher Pferdegeruch hängt zwischen den taufeuchten Tannenästen und auf dem nassen Waldweg sind die Abdrücke von Pferdehufen auszumachen. Ausser einer Maus – oder ist es doch ein junges Eichhörnchen gewesen, das vorhin verschreckt einen Baumstamm hinauf gerannt ist – sind Sybille jedoch keine weiteren Tiere begegnet. Auch die drei Rehe, die sie sonst fast täglich, während ihres Waldspazierganges irgendwo in einem Hang oder im Geäst ausmacht, hat sie bisher noch nicht erspäht. Doch, wie der Jagdaufseher letzthin meinte, könnte das Muttertier in den letzten Tagen auch bereits etwas abseits im dichten Unterholz ihre neuen Kitze gesetzt haben. Dann hätten sich auch ihre beiden Ricken aus dem Wurf vom letzten Jahr aus dem elterlichen Heimgebiet entfernt, um erst im Spätherbst wieder zur Mutter zurückzukehren, damit sie gemeinsam den Winter verbringen können. Sybille erkennt, dass es zwei Reiter gewesen sein müssen, die vor kurzem, ihr voraus auf diesem schmalen Pfad entlang geritten sind. Sie jedoch ist wie früher, wieder alleine unterwegs auf ihrem täglichen Spaziergang durch den Mischwald auf der südlichen Seite des idyllischen Städtchens. Sie hat heute Morgen auch – obschon sie absichtlich eine gute halbe Stunde früher aus dem Haus gegangen ist – nach der kleinen Brücke am Waldrand, den direkten, steileren Weg gewählt, damit sie ihm nicht doch noch begegnet, falls er verfrüht schon bei der Waldhütte auf sie wartet. Denn ihre Entscheidung steht fest und wenn es sie auch etwas schmerzt, so ist es sicher vernünftiger, wenn sie in Zukunft wieder ohne ihn Laufen geht. Jahrelang ist es ja auch ohne Begleitung gegangen und sie kann es auch geniessen, nur mit sich zu laufen. Aber immer öfter hat sie sich zwischendurch auch mal eine Begleitung gewünscht. Auch spürt sie manchmal eine kleine Eifersucht, wenn sie andere zu zweit oder zu dritt, schwatzend und lachend ihr entgegenkommen sieht. Aber irgendwie hat sie den Anschluss an eine dieser Frauengruppen einfach nicht geschafft. Vielleicht hat es mit ihrem Alter zu tun oder weil sie nicht von hier ist. Sybille geht rasch und versucht nicht an ihn zu denken, aber es gelingt ihr nicht. Ihre Gedanken kreisen ständig um ihn und um ihre Begegnungen während den letzten drei, vier Wochen. Wie kurzweilig und abwechslungsreich sind ihre Waldspaziergänge doch plötzlich geworden, als sie zusammen gelaufen sind. Sie haben sich so gut verstanden und hatten sich immer soviel zu erzählen, dass sie kaum gemerkt hat, wie schnell so ein Vormittag verflogen ist und oft muss sie etwas verspätet nach Hause eilen, damit die Morgenarbeit erledigt und das Mittagessen rechtzeitig auf den Tisch kommt. Erst traf man sich nur ab und zu und rein zufällig. Aus einem kurzen „Hallo“ wurde jedoch mit der Zeit ein „ich wünsche Ihnen einen schönen Tag“ und dann schon bald ein verbindlicheres „Hallo, wie geht's ?“. Dabei konnte man etwas stehen bleiben und ein paar Worte über das Wetter, den Hund oder die Wildbeobachtungen austauschen. Mit der Zeit achtete sie dann darauf, dass sie immer zur selben Stunde und auch häufiger auf der südlichen Hangseite laufen ging. „Ihm sei es genau gleich ergangen“, hat er später einmal mal lachend gestanden und so traf man sich mit der Zeit unweigerlich fast täglich scheinbar zufällig und doch gewollt. Bis man begann, sich für den nächsten Tag beim Unterstand der Waldarbeiter zu verabreden. Denn man könne doch gleich... und von Anfang an... wenn man sich doch sowieso immer... und zudem mache es doch mehr Spass zusammen. Das war doch nichts als logisch, oder? So wurden ihre gemeinsamen Spaziergänge zu einem täglichen Ritual, ausser am Samstag und am Sonntag, denn dann waren seine Kinder und beider Partner Zuhause und da ging es natürlich nicht. Sybille ist inzwischen oben angelangt und nimmt nun in einem grossen Bogen den linken Waldweg, um auf der anderen Seite des Baches wieder ins Städtchen zu gelangen. Dabei kreuzt sie den Fitnessparcours beim Übungsplatz 7, der mit dem Reck. Gewohnheitsmässig hängt sie sich für einen Moment an eine der beiden Metall-Stangen, aber kraftlos lässt sie sich schnell wieder fallen. Auch für die Dehnübungen, die sie hier normalerweise macht und die sie in letzter Zeit ebenfalls vernachlässigt hat, findet sie heute nicht die nötige innere Ruhe. Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass die Zeiger unweigerlich auf die mit ihm abgemachte Stunde zugehen. Sybille setzt sich einige Meter weiter vorne, für einen Moment auf den Baumstrunk, der wie ein Thron in einer sonnenbeschienen Baumlichtung steht. Das ist ihr Lieblingsplatz und schon oft hat sie hier gesessen um Probleme zu zerlegen oder den Gedanken einfach freien Lauf zulassen. Die Treffen mit ihm wurden ihr immer wichtiger, stellt Sybille fest. Denn sie kann sich perfekt mit ihm austauschen. Er nimmt sie ernst, wo sich ihr Partner verweigerte, er kann gut zuhören, aber auch sinnvoll reden. Er ist belesen, klug und hat natürlich mehr Lebenserfahrung als sie, denn vom Alter her, könnte er auch ihr Vater sein. Bei ihm fühlt sie sich gut aufgehoben. Eigentlich eine perfekte Freundschaft. Aber, er ist ein Mann! Schon bald hat sie bemerkt, dass sie nun auch zum Laufen vermehrt auf ihr Aussehen und ihre Kleidung achtet, während sie früher die ältesten Klamotten in den Wald anzog und sich erst nach dem Waldspaziergang duschte und aufhübschte. Zudem drängte sich dieser Mann zunehmend auch während des Tages zwischen ihre Gedanken. Das macht ihr Angst. Was könnte daraus entstehen? Bleibt es bei einer Laufbekanntschaft? Sich traut sie das zu, aber was ist mit ihm? Ist es möglich, dass ein Mann und eine Frau "nur" befreundet sein können, fragt sie sich? Gibt es die reine Freundschaft zwischen Mann und Frau überhaupt, so wie sie unter Frauen oder Männern möglich ist oder wird daraus nicht immer – zumindest mit der Zeit und vielleicht auch nur von einer Seite – Liebe? Ist zwischen den Geschlechtern nicht immer auch Begehren mit im Spiel? Sybille will das nicht. Sie hat einen Partner, den sie liebt und sie will nicht, dass aus dieser Lauf-Gemeinschaft mehr entsteht. Sie will ihre Partnerschaft nicht aufs Spiel setzen, sondern möchte einfach ab und zu mit jemandem laufen und sich dabei gut unterhalten! Nichts weiteres soll daraus entstehen. Aber ist das möglich mit einem Mann? Traut sie ihm das zu? Traut sie sich selber das überhaupt zu? Sybille ist hin und her gerissen. Sie weiss einfach nicht, wie sie sich verhalten soll. Am Morgen war sie sich noch so sicher und nun zweifelt sie bereits wieder an Ihrer Entscheidung. Sie steht mit einem Ruck auf und nimmt den Rest des Weges unter die Füsse. Kurze Zeit später sieht sie hinüber zur Waldhütte – ihrem Treffpunkt. Daneben steht ein älterer Mann mit seinem kleinen Hündchen und wartet noch immer auf sie.
Manchmal vermag uns ein durch den Asphalt brechender Löwenzahn die tägliche Frage nach dem Sinn des Lebens eindrücklicher und überzeugender zu beantworten, als eine ganze Bibliothek philosophischer Schriften.
Thornton Wilder US-amerikanischer Erzähler und Dramatiker 1897 - 1975
:)
Sonntag, 20. Mai 2012
Das Wasser
nimmt nicht mehr Platz in der Schale ein,
als es bedarf!
KONFUZIUS
:)
Freitag, 18. Mai 2012
Wer immer nur tut, was er schon kann, wird immer bleiben, was er schon ist.