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Samstag, 23. Februar 2008

Eine Zugreise?




Eine Zugreise?

Plötzlich wird es hell.
Bin ich jetzt aufgewacht?
Ich sitze in einem Zug, der soeben einen Tunnel verlassen hat. Der Zug ist lang, unendlich lang. Die letzten Wagen sind noch im Tunnel, die ersten schon wieder im Nächsten.
Ist das ein Kreislauf? An die Zeit im Tunnel habe ich keine Erinnerung. Auch nicht an das, was vor dem Tunnel war - doch gerade das hätte mich besonders interessiert.
War da überhaupt etwas? Jedenfalls bin nicht freiwillig eingestiegen, ich wurde hinein gezerrt. Doch - ich bin liebevoll empfangen worden.
Stehe ich am Anfang einer weiten Reise. Oder ist es das Ende der Letzten? Der Zug, anfangs noch gemächlich, kommt nach den ersten Stationen immer mehr in Fahrt. Er wird schneller und schneller, bald ist er rasend schnell.
Kann man ihn auch etwas bremsen?
Manchmal habe ich Angst, dass er die Spur verliert oder dass eine Weiche falsch gestellt wurde und ich das Reiseziel verfehlen könnte.
Aber wer stellt denn überhaupt die Weichen?
Das Reiseziel scheint bekannt zu sein, denn der Zug steuerte unbeirrt darauf zu.
Doch wer steuert diesen Zug?
Man kann weder die Lokomotive, noch den Lokomotivführer sehen.
Ist er eigentlich vertrauenswürdig und hat er alles im Griff?
Signale sind zwar da, ein Steuerrad hat man keines. Zeichen sieht man, Regeln gibt es auch.
Doch sehen sie die Anderen ebenfalls und halten sich daran? Anfangs sind die Geleise glatt und eben, die Zugmaschine voller Kraft und gut geölt. Später wird der Schienenstrang holpriger und der Antrieb schwächer, so dass die ganze Komposition ächzt und quietscht. Gibt es auch Ersatzteile und Oel für das Getriebe?
Mal geht es bergauf, mal geht’s bergab, doch meistens zum Glück, ebenmässig. Bei engen Kurven wird man an die Wand gedrückt, vielleicht auch unverhofft zurückgeworfen, aber oft sieht man die Wende kommen und man findet sein Gleichgewicht schnell wieder. Je länger die Reise dauert, desto besser geht das.
Hat man dazugelernt? Kann man überhaupt dazulernen? An vielem bin ich vorbeigerast, habe es kaum bemerkt. Manchmal habe ich zwar auch etwas Wichtiges erkannt, doch wollte ich es grad nicht sehen und als ich das nächste Mal hinsah, war es bereits vorbeigezogen. Vollbremsungen sind aber nicht möglich und zurück - undenkbar. Gefahren ist gefahren - dieser Zug fährt immer weiter.
Wird er je zum Stehen kommen? Im Abteil fand ich einen Fahrplan, doch darauf sind nur die vergangenen Stationen aufgeführt. Die Kommenden sind nicht bezeichnet.
Nur der nächste Tunnel hat einen Namen, aber keine Ankunftszeit.
Er heisst "Der Tod".
Ist dort die Endstation? Oder geht die Reise weiter? Oder beginnt die grosse Reise dort etwa erst? An vielen Stationen ist der Zug vorbei gekommen. An keiner hat er zum Glück haltgemacht.
Trotzdem sind oft Mitreisende zugestiegen, andere haben den Zug verlassen, nur ich konnte nicht aussteigen. Einmal habe ich es versucht, - bei fahrendem Zug! - etwas hat mich zurückgehalten.
War es der Schaffner?
Denn einen Schaffner gibt es, ich habe ihn zwar nie gesehen und doch kam er manchmal vorbei - hat kontrolliert, geprüft, gelobt und oft getadelt. Selten war er mit mir ganz zufrieden.
Er nennt sich - "Das Gewissen".In meinem Abteil sitzen noch andere Fahrgäste. Anfangs waren es nur wenige. Dann wurden es mehr und einmal gab es sogar fast ein Gedränge. Doch mit der Zeit wurden es wieder weniger - am Schluss blieb ein knappes Dutzend.
Waren das die Treusten? Einige der Fahrgäste blieben lange, andere nur ganz kurz - ein ständiges Kommen und Gehen. Doch ich weiss nicht, welche für mich wichtiger waren.
Etliche habe ich gut kennen gelernt, doch niemanden kannte ich wirklich, denn ein Geheimnis hat jeder.
Werde ich sie jemals wieder treffen oder hatte ich sie schon mal gesehen?
Ein paar haben mich berührt, andere ziemlich kalt gelassen, doch von jedem habe etwas bekommen.
Konnte auch ich ihnen etwas geben?
Viele Wünsche habe ich erfüllt, mal besser, mal schlechter - andere liess ich unbeachtet liegen.
Doch wessen Wünsche waren das - meine oder ihre?
Bei manchen fiel der Abschied leicht, bei Anderen schwerer, bei Einigen jedoch war er besonders schmerzhaft. Aber jeder Fahrgast hat halt sein eigenes Reiseziel. Ich durfte sie nur ein Stück begleiten.
War das der Sinn der Reise? Oft war es laut, selten zu still und viel Lautes hätte ich gerne nie gehört. Doch manchmal vernahm ich ganz feine Töne und leise, weise Worte.
Manchmal bin ich eingeschlafen, oft wach gelegen. Beim Schlafen zu träumen war meistens schrecklich, nur die Tagträume waren wunderschön.
Wann war es Traum, wann Wirklichkeit - wann Illusion, wann Geschehen?
Oder war alles nur ein langer Traum in einem anderen Sein?Ich kann mein Abteil nicht wechseln, nur das eine ist für mich bestimmt. Die Einrichtung kann zwar etwas umstellt werden, doch der Charakter ist gegeben.
Gerne hätte ich auch in andere Abteile gesehen. Vielleicht sieht es dort ganz anders aus, aber das war leider nicht möglich, denn selten zeigt jemand sein Innerstes.
Gab es Mitfahrende die schon mehrere Reisen hinter sich hatten? Draussen vor dem Fenster zogen Landschaften vorbei. Manchmal waren sie grün, dann wieder weiss. Manchmal war es Frühling, einmal weniger wurde es Herbst.
Wie viele Sommer waren es?
Durch das Fenster konnte man sich auch hinauslehnen, manche machten das, doch denen blies ein harter Wind entgegen. Den musste man auszuhalten können. Doch gesehen haben sie mehr.
Mal war es hell, die Sonne schien, auch kam die Nacht - doch ganz Dunkel wurde es nie, denn das Sonnenlicht spiegelt sich immer in den Sternen.
Oft war es trüb und Regen fiel, auch gab es dicke Wolken mit Sturm, Blitz und Donner, doch von einer Sintflut wurde ich verschont.
Was kann man auf dieser Reise tun?
Staunen, lernen, geben und nehmen, sich auf die Ankunft vorbereiten. Wird es dort einen Bahnhofsvorsteher mit roten Mütze, Pfeife und Signalkelle geben? Und in welche Richtung wird die Kelle zeigen, wenn er in die Pfeife bläst? Nach unten oder nach oben? Mein Abteil fährt in den nächsten Tunnel ein, es wird ganz dunkel.Plötzlich wird es hell.
Bin ich jetzt aufgewacht?


©® Copyright by Herr Oter



:-¦

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

einfach schön! halt aus dem Leben gegriffen.

Herr Oter hat gesagt…

An anonym:
Herzlichen Dank für den positiven Kommentar. Es freut mich, dass Ihnen die Zugreise gefallen hat.
Liebe Grüsse