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Sonntag, 5. April 2015

Was ist ein Fenster?






Was ist ein Fenster?


Wikipedia definiert es so:
«Ein Fenster ist eine Öffnung in der Wand eines Gebäudes und dient der Lichtzufuhr und der Aussicht.»

Ist ein Fenster also einfach «ein Loch in der Wand» wie es bei Wikipedia heisst oder sind es «die Augen der Häuser«, wie der französischer Schriftsteller Jules Amédée Barbey d’Aurevilly, die Fenster poetisch beschreibt?

Ich tendiere zu den Augen und gehe sogar noch einen Schritt weiter:
Ein Haus ohne Fenster ist ein Gebäude ohne Seele!
Denn erst die Fenster geben einem Wohnhaus Charakter, Charme und Liebreiz.

Die ältesten Behausungen waren noch fensterlos. Tageslicht fiel nur durch die kleine Tür und durch Firstöffnungen (Rauchabzug) ein. In jungsteinzeitlichen Häusern (8. - 6. Jahrtausend v Chr.) gab es bereits schlitzartige Lichtöffnungen. So fand man in der altpersischen Residenzstadt Persepolis in der Lehmmauer eines 6’000 Jahre alten Hauses bereits erste kleine Fenster. Bei den späteren Lichtdurchlässen, handelte es sich dann bereits um kleine, ovale oder rechteckige Öffnungen. Mit der Zeit wurden durch immer transparentere Füllungen, die Lichtverhältnisse und auch die Witterungseinflüsse im Hausinneren verbesserten. So wurden anfangs die Öffnungen mit Verschlüssen aus Stroh, dann geölten und gewachsten Leintüchern, gegerbte dünnen Tierhäuten (Darm und Blase), dünn geschabten Hornplatten, geöltem Papier und durchscheinenden gefirnisten Pergamenten, sowie Wachstüchern vermacht.

Erst im letzten Jahrhundert vor Christus beginnt die Epoche der Fenster aus Glas.
Glas kennt man zwar schon seit etwa 8'000 Jahren (Obsidian) und wurde bereits seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. in Mesopotamien und Ägypten geschmolzen und verarbeitet. Doch erst die Römer brachten dieses Kunsthandwerk zu seiner Blüte. Erste Funde von kleinen, gegossenen Glasfenstern (ca. 20 - 30 cm) wurden aus der Zeit um 30 v. Chr. in den reichen Häusern von Pompeji belegt.
Später wurde solcher Luxus auch im Kirchenbau verwendet und um das Jahr 290 wurden die ersten Kirchenfenster mit Glas versehen. Von Gregor von Tours wurden 591 erstmals bronzene Kirchenfenster mit einer farbigen Glasausfüllung erwähnt. Auch in römischen Kastellen sollen bereits damals schon, vereinzelt Glasfenster eingesetzt worden sein. Im späten 12. Jahrhundert (1180) sind erste Glasfenster als besonderer Luxus hin und wieder auch in englischen Privathäusern zu finden. 1330 entwickelte ein Glasmacher in Rouen (Frankreich) das Prinzip des Mondglases, das auch Bụtzenglas genannt wird. Fenster konnten nun in grösserem Rahmen hergestellt werden. Später wurden Fensterscheiben jahrhundertelang mit der Glasmacherpfeife geblasen, aufgeschnitten und flachgewalzt. Erst 1688 wurde in Frankreich das Gussglasverfahren entwickelt. Fensterglas wurde dann gegossen, geschliffen und poliert. In England wurde es nun bei Schlössern in grösserer Stückzahl verwendet, um Reichtum zu zeigen.
Das Fenster oder zumindest das Glas darin, war also schon von Beginn weg, neben dem Lichteinlass auch immer eine Demonstration von Macht und Reichtum.

Somit stellt sich die Frage nach dem heutigen Sinn von Fenstern?
Dienen sie dazu, dass man ins Freie hinausschauen kann oder damit der Blick ins luxuriöse Innere freigeben wird?

Bis ins frühe Mittelalter waren Fensteröffnungen nur dazu bestimmt, Licht in die Räume zu lassen. Bis dahin begann die Fenstersohle erst in Kopfhöhe. Mit dem Aufkommen von transparenten Fensterverschlüssen wurden dann jedoch die Fensterbrüstung so tief gelegt, dass man auch hinausblicken konnte. Was vor dem Haus vorging wurde zum eigentlichen Zeitvertreib. Dazu sparte man bereits im 12. Jahrhundert Fensternischen aus, in denen Seitenbänke angebracht wurden. Diese Fensternischen wurden im 13. Jahrhundert allgemein üblich und blieben es bis zum Ende des 15. Jahrhunderts. In dieser Zeit gipfelte der Müssiggang und die Neugierde hinter Fenstern in den wohnlicheren Erkern und prunkvollen Ausluchten, den Vorgängern der heutigen, vollverglasten Wintergärten. Jetzt ist die Grenze zwischen Privatheit und öffentlichem Raum beinahe ganz aufgehoben.

Das unverhüllte Fenster als Einblick, als Öffnung nach innen, in den privaten Bereich. Ein „Schau-Spiel", das die zufällig vorbeikommenden Passanten und Passantinnen auf der Strasse zu Zuschauern, zu Voyeuren macht.
Diese grossflächige Transparenz führt mich nun von der neugierigen Aussicht zur indiskreten Einsicht:

Ein Mensch mit Anstand schaut nicht in fremde Fenster, heisst es.
Doch seien wir mal ehrlich, wer von uns wirft nicht gerne einen verstohlenen Blick in ein erhelltes und unverhülltes Fenster, wenn es in einer nächtlichen Strasse uns dazu einlädt? Es ist der Drang, „fremden Leuten ins Fenster gucken“ zu wollen, dem neugierigen, möglicherweise auch voyeuristischen Blick in die private Sphäre der Hausbewohner freien Lauf zu lassen, ohne dabei selbst entdeckt zu werden. Die simple Lust in fremde Fenster zu schauen und heimlich Menschen zu beobachten, die sich unbeobachtet fühlen. Nicht wenige Menschen haben doch eine gewisse voyeuristische Veranlagung. Der Begriff steht heute längst nicht mehr nur in Verbindung mit einer sexuellen Vorliebe. Der abgeschwächte Begriff könnte man als blosse Neugierde bezeichnen, Neugierde am Leben anderer Individuen.
War es früher der diskrete Blick in einen verschwiegenen Garten, ist es inzwischen bereits der intime Blick in die hellerleuchteten Wintergärten und Wohnzimmer.

Man sieht den unbekannten Bewohnern bei der Hausarbeit, beim Essen, beim Lesen, beim Telefonieren oder beim Dösen vor dem Fernseher zu. Kinder spielen am Boden, Frauen kochen am Herd und Männer hocken am Tisch vor dem Laptop. Szenerien, die jedem von uns bekannt vorkommen spielen sich in einem fremden, anscheinend privaten Raum öffentlich ab. Manchmal wird dazu gestikuliert und lautlos gesprochen und man ist versucht, auch noch ihre Worte anhand der sich bewegenden Lippen und Gesten zu erraten; ja das Gesehene gar in eine Szene einer vermeintlichen Handlung einzubinden. 
Unser voyeuristischer Blick durch eine erleuchtete Scheibe, ist ja vom Fernsehen bereits geschult. Er verlangt nur nach kurzen Fragmenten und sensationellen Einblicken in kurzen Schnitten, um sich nach der schnellen Sättigung wieder zurückzuziehen und sich eigene Gedanken zu machen. Der abendliche Spaziergänger fragt sich angesichts der vielen, live stattfindenden häuslichen Szenen in Wohnzimmerfenstern vielleicht nur noch, in welchem Film er das schon mal gesehen habe.
Denn was wir in Fenstern sehen, wird uns doch wie im Fernsehen oder wie auf einer hellerleuchteten Bühne präsentiert, wird zum Fernsehfilm oder Theaterstück dessen Regisseur wir selber sind. Ich frage mich oft, ob sich die Akteure ihrer Rollen bewusst sind. Denn wie auf der Bühne im Scheinwerferlicht, sind die Zuschauer vor dem Fenster bei Dunkelheit ja nicht sichtbar und den Bewohnern darum vermutlich auch nicht jederzeit bewusst.

Doch selbst ein menschenleeres, vielleicht kurz verlassenes Zimmer, vermag uns zu bannen. Man ist geneigt die Einrichtung wildfremder Menschen zu werten, sich über ihren Geschmack Gedanken zu machen und das alles, zusammen mit ihrem Ordnungssinn auf ihre vermeintlichen Charaktere umzumünzen.

Was wir erleben, ist die Kehrseite des Begriffs «Fenster», als „ein Loch in der Wand zum Herausschauen“. Denn genau so einfach und unverblümt, lässt sich heute auch hineinschauen - offen und ungehindert.
Im Gegensatz zu einer Türe, die auch ein Loch in der Wand ist, uns aber durch viel Holz und wenig Glas den ungehinderten und ungefragten  Eintritt verwehrt.  Doch die unverhüllten Fensterfronten lassen den ungefragten Einblick einfach gewähren, während früher feiner, seidener Tüll tagsüber und schwere Vorhänge in der Nacht, die Geschehnisse im Hausinnern noch schamhaft verhüllten, fehlt den heutigen, dreifach verglasten Fenster dieser Sichtschutz völlig oder zumindest teilweise. Der „alte“ Vorhang jedoch teilte, die Welt noch in Drinnen und Draussen, er war ein Instrument zur fein dosierbaren Privatheit.

Die moderne Architektur kennt zum Teil sogar überhaupt keine Fenster mehr, sondern nur noch Glaswände.
Diese gläsernen Fassaden neuzeitlicher Mehrfamilienhäuser lassen so die beleuchteten Wohnungen wie ein überdimensioniertes Puppenhaus aussehen.
Diese Transparenz bietet zwar ein Optimum an Lichteinlass, aber zugleich sind die überdimensionierten „Fenster“ zu „Augen in die Seele eines Wohnhauses” geworden. Nur verfehlen, wie mir scheint, diese modernen, gläsernen Wohntürme sowohl den Begriff des „Wohnhauses”, da ich sie nicht als wohnlich empfinde, wie auch den Begriff des „Fensters”; denn es fehlt hier die Prämisse seiner Definition – «ein Loch in der Wand des Hauses zu sein, um aus ihm herauszusehen.«
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Man meint, ein Haus ohne Fenster sei kein wohnliches Haus…. oder doch?
Seht selbst: Wohnen im Haus ohne Fenster



 Bild von ncartraining7 / Lizenz: CC0 / by: pixabay 




;)

Mittwoch, 1. April 2015

Das Paradies auf Erden






Wenn Du ein Dach über dem Kopf hast,
ein eigenes Bett besitzt,
Deine Kleider in einem Schrank aufbewahrst und
sogar die Esswaren in einem Kühlschrank kühlst 

––––

dann bist Du statistisch gesehen
reicher als 75 Prozent der
 Weltbevölkerung.

 

Wenn Du auch Geld auf der Bank und in Deinem Portemonnaie hast,
dann gehörst Du sogar zu den privilegiertesten 8 Prozent dieser Welt.

Also Grund genug 
um zufrieden und dankbar zu sein 
– 
denn:
 33 % sind ohne Stromanschluss
 16 % besitzen keinen eigenen Wasseranschluss
 22 % keinen Zugang zu Trinkwasser
 15 % können weder lesen noch schreiben
 13 % unterernährt

––––

Sorge Dich, als hättest Du keine Sorgen.
Arbeite, als bräuchtest Du kein Geld.
Tanze, so wie Du tanzen kannst.
Singe, als ob niemand es höre.
Liebe, als hättest Du noch nie geliebt.
Lebe, als sei das Paradies hier auf Erden.



;)

Samstag, 28. März 2015

Auch wenn es nur sehr schwer auszuhalten ist….





Ein Flugzeug zerschellt nach einem kontrollierten, fast 10-minütigen Sinkflug in den französischen Alpen in kleinste Einzelteile. 150 Personen werden dabei getötet. Schockierend!

Der Voice-Recorder wird nach wenigen Stunden gefunden und die aufgezeichneten Stimmen und Geräusche innert 24 Stunden grob ausgewertet. Ein französischer Staatsanwalt tritt vor die versammelte Weltpresse und gibt bekannt, was die ersten, provisorischen Auswertung ergeben haben. Demnach soll der Pilot kurz vor dem Einleiten des Sinkfluges das Cockpit verlassen haben. Später versuchte er vergeblich ins Cockpit zurückzukehren. Der Kopilot reagiert auf die Rufe des Piloten, die Schreie der Passagiere, verschiedene Aufrufe der französische Flugsicherung und die Warnsignale der Überwachungstechnik im Flugzeug nicht. Normale Atmungsgeräusche sind jedoch bis am Schluss hörbar.
Soweit die Fakten.

Jetzt beginnt der Staatsanwalt (gemäss Wikipedia: meistens ein Staatsbediensteter, der bei Gericht oberster Vertreter der Anklage ist, [also der Ankläger, nicht der Richter] zu spekulieren. Er nimmt auf Grund der Geräusche an, dass dem Piloten der Zutritt in das Cockpit durch den Kopiloten willentlich verwehrt wurde. Auch muss absichtlich der Sinkflug der Maschine eingeleitet und auf Warnsignale nicht reagiert worden sein. Also folgert der Staatsanwalt daraus, dass der Ko­pi­lot das Flugzeug absichtlich zum Absturz brachte. Das Wort Selbstmord erachtet er dabei als falsch, weil der Ko­pi­lot zusätzlich 149 andere Insassen zu Tode brachte; also ist er nun ein Mörder!

Dann buchstabiert der franz. Ankläger den vollen Namen des Ko­pi­lot in die Mikrofone und Kameras der ganzen Welt. Innert Minuten werden Bilder des Mörders und Selbstmord-Attentäters weltweit verbreitet. Einige der Bilder zeigen dummerweise auch falsche Person mit gleichem oder ähnlichem Namen. Innert einer halben Stunde werden zudem 14 FB-Profile mit dem Namen des Ko­pi­lot neu aufgeschaltet und zum Teil mit islamischen Parolen versehen. Das echte FB-Profil des Ko­pi­lot wird erst mehr als eine Stunde danach gelöscht. Fatalerweise werden innert einer Stunde auch Bilder, TV-Aufnahmen und die genaue Adresse des Elternhauses des mutmasslichen Mörders – in einer rheinland-pfälzischen Kleinstadt (mit ca. 13’000 Einwohnern) im Westerwald – veröffentlicht. Das zieht sofort eine dutzendfache Reporterschar dorthin nach sich. Der Beschuldigte bewohnte jedoch seit einiger Zeit eine eigene Wohnung, 130 Kilometer entfernt am Düsseldorfer Stadtrand.

Der Lufthansa-CEO spricht dann wenige Stunden später auf der Pressekonferenz, von einem mehrmonatigen Unterbruch während der Ausbildung des Ko­pi­lot. So ein Unterbruch sei nicht aussergewöhnlich und der Grund dafür sei ihm nicht bekannt. Eine Journalistenfrage nach einem möglichen medizinischen Grund, beantwortet der CEO damit, dass er aufgrund des Arztgeheimnisses, das in Deutschland auch über den Tod hinaus gilt, darüber nicht in Kenntnis gesetzt wurde.

Trotzdem wird innert Minuten, befeuert durch die Selbstmord-Theorie, über eine mögliche, psychische Erkrankung des Ko­pi­lot spekuliert. Depressionen werden von Reportern diagnostiziert und es werden auch irgendwelche „Freunde” oder Kollegen gefunden, die diese Theorie „bestätigen”. Zum Teil wird ihnen dafür angeblich 70 € angeboten.

Am Tag danach wird bei der Hausdurchsuchung ein zerrissenes Arztzeugnis für den Unfalltag gefunden. Was darin stand? Arztgeheimnis! Auch wird bekannt, dass der 27-jährige Kopilot unter Sehstörungen gelitten haben soll und sich wegen einer möglichen Einschränkung des Sehvermögens Sorge um seine Pilotentauglichkeit gemacht haben soll und sich darum in ärztliche Behandlung begeben haben soll...

So, nun ab gilt der 
„150fache Mord unter Inkaufnahme der Selbsttötung” durch einen ein Flugzeug steuernden, depressiven Mörder mit Augenproblemen und Sorgen,  
als gesicherte und bestätigte Tatsache.



Selten, wie in diesem tragischen Fall, sind mir die üblen Machenschaften der Medien bewusst geworden: Spekulationen werden zu Vermutungen und die Vermutungen werden durch neue Spekulationen zu Tatsachen. Bausteinartig wird ein Täterbild auf wackeligen Elementen konstruiert. Durch das ständige Wiederholen setzen sich diese Spekulationen und Theorien dann nachhaltig im Gedächtnis fest. Doch Beweise dafür gibt es eigentlich keine.

Ich meine, auch wenn die französische Staatsanwaltschaft sagt, der Ko­pi­lot habe die Maschine willentlich zum Absturz gebracht, heisst das noch lange nicht, dass es wirklich so war. Staatsanwälte haben schon oft etwas behauptet und angeklagt, das sich später als unrichtig herausgestellt hat und dementsprechend auch ganz andere Urteile, als die von ihnen geforderten, daraus resultierten. Das sieht man ganz explizit auch am Fall Knox, aber dazu später mehr.

Der wirkliche Hergang im Cockpit des Airbus A320, die technischen Voraussetzungen und die genauen Manipulationen, aber auch die Befindlichkeit des Piloten und erst recht seine wirklichen Beweggründe sind absolut unbewiesen. Der Flugdatenschreiber, der diese Beweise liefern könnte, ist scheinbar nach vier Tagen immer noch nicht gefunden. (Warum wohl?) Somit bleibt alles nur Spekulation und Theorie.

Aber auch wenn sich diese Theorien vermutlich im Nachhinein als richtig erweisen, so darf aus meiner Sicht, der seriöse Journalismus, trotz des Drucks aus der voyeuristischen Öffentlichkeit, ethische Grundregeln nicht ausser Kraft setzen.

So ist eine menschenunwürdige Hetzjagd auf die Angehörigen (in diesem Fall die Eltern und ein Bruder), durch eine sofortige Herausgabe des vollen Namens zu vermeiden. Für sie gilt die gleiche Regel wie für die Angehörigen der Opfer. Denn auch sie sind genau so Opfer und nicht Täter.
Auch die Aufbauschung von möglichen Szenarien und unbewiesenen Tatsachen sollte mit der nötigen Sorgfalt erfolgen. Denn durch eine ‘sensationsgetriebene’ Berichterstattung werden Erinnerungen und Bilder in den Köpfen der Öffentlichkeit produziert, die sich nie mehr ganz korrigieren lassen.

Das zeigt ein weiterer schamloser Fall von Sensationsjournalismus, der in den gleichen vier Tagen leider durch das Grossereignis in den französischen Alpen etwas in den Hintergrund gedrängt wurde.
In diesem absolut unseriös und schlampig ermittelten Mordfall, wurde die Amerikanerin Amanda Knox von der italienischen Staatsanwaltschaft in verschiedenen Verfahren um Sex, Drogen und einer barbarischen Bluttat, zu 28 Jahren und sechs Monaten Haft wegen Mordes verurteilt. Ihr damaliger Freund erhält dafür 25 Jahre. Vier Jahre davon sitzen die beiden ab. Dann musste man sie auf Grund von zwei Rekurs-Verfahren (nach einer erneuten Verurteilung) freilassen. Gestern wurden die beiden nun vom höchsten Gericht Italiens in letzter Instanz «wegen erwiesener Unschuld» endgültig freigesprochen. [Bericht]
Bei diesen verschiedenen, spektakulären Verfahren wird Amanda Knox von den Medien während Jahren als «eiskalter Engel von Perugia» bezeichnet und dabei entweder als bildschöne, unschuldige Madonna oder als kaltblütige, blutrünstige Mörderin dargestellt.
Trotz diesem nun vollumfänglichen Freispruch und der bewiesenen Unschuld, kommt einem sofort wieder das Bild des „Engel mit den Eisaugen” -  wie die schöne Amanda Knox in den Medien auch bezeichnet wurde – in den Sinn und man ist darum sogleich wieder nicht mehr ganz davon überzeugt, dass eine, mit solchen Augen, wirklich nichts mit dem Mord an ihrer Mitstudentin zu tun hat.

Darum meine ich, Mörder sind erst Mörder, wenn es endgültig bewiesen ist!
Somit müsste die Unschuldsvermutung auch im aktuellen Flugzeugabsturz gelten, bis das Gegenteil mit eindeutigen Belegen bewiesen ist – auch wenn das für Journalisten und die Medien-Öffentlichkeit nur sehr schwer auszuhalten ist.

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Montag, 23. März 2015

In der Schweiz wird es immer gefährlicher!





Fast jeden zweiten Tag einen Mord hierzulande. Es wird geballert was das Zeug hält! Auch die schweren Körperverletzungen, Raub und Diebstähle häufen sich massiv. Es wird ständig vergewaltigt und Kinder werden immer öfter missbraucht.

In der Schweiz wird es immer gefährlicher!

Die Jugendlichen – keinen Vergleich zu früher! Brutalisiert durch stundenlange, verrohende Videospiele am PC, schlagen sie immer öfter und immer kaltblütiger zu. Die gewalttätigen und bluttriefenden Filme im Fernsehen tun das Übrige dazu. Die durch das Internet sexualisierte Gesellschaft und der Druck und die Verrohungen in der Arbeitswelt haben inzwischen jegliche Moral und  Wertmassstäbe ausser Kraft gesetzt. Nicht zu reden von den vielen Ausländern im Lande …. Dazu kommen jetzt auch noch massenhaft Asylbewerber – die klauen doch alle wie die Raben. Es wird einfach alles gestohlen was nicht Niet- und Nagelfest ist, um es dann auf einer Plattform im Internet zu Geld zu machen.

Mir ist ganz klar, die Straftaten in der Schweiz nehmen dramatisch zu und die Delikte werden immer brutaler. Die einst schöne und friedliche Schweiz ist in den letzten Jahren zum Tummelplatz von Mördern, Gangstern und Ganoven geworden –vor allem von Ausländischen natürlich.
Wo führt das bloss hin? Man ist sich hierzulande doch seines Lebens nicht mehr sicher. Viele getrauen sich Abends schon gar nicht mehr auf die Strasse.

Genau so nehme ich die Kriminalität in der Schweiz wahr, schliesslich lese ich täglich Zeitungen.

Aber ich habe mich täuschen lassen!
Denn die neuste Medienmeldung des Bundesamtes für Statistik (BFS) belehrt mich eines besseren:

Die Schweiz ist so sicher wie noch nie.
Immer weniger Mord, Todschlag, Raub und übrige Straftaten geschehen hierzulande. Auch weniger Straftaten von Asylbewerbern und die Jungen sind ebenfalls weniger straffällig und gewalttätiger als früher. Auch geklaut wird fast nichts mehr, ausser Fahrzeuge. Fast alle Straftaten sind in den letzten Jahren in der Schweiz zurückgegangen; insgesamt sanken die Straftaten im letzten Jahr um ganze 8,5 Prozent.

Bei den „Vollendeten Tötungsdelikten“ wurde sogar der tiefste Wert seit 30 Jahren erhoben.
Waren es 1990 noch 110 Tötungen (1.6 pro 100’000 Einwohner) so waren es im 2014 „nur” noch 41 Getötete (0.5 pro 100’000 Einwohnern).
Auch sind mehr als die Hälfte der Tötungen (23 von 41) innerhalb der eigene vier Wänden geschehen und dabei griffen die Täterinnen und Täter weniger zu Schusswaffen als im Vorjahr. Also nichts mit dem zunehmenden Mehr an ballernden Ausländern oder Asylbewerbern auf offener Strafe.

Bei den ‘bis 24-jährigen‘ Erwachsenen sank die Zahl der Beschuldigten um 8,9 Prozent, bei den älteren hingegen nur um 1 Prozent. Auch bei den beschuldigten Straftaten der Kinder und Jugendlichen ging die Anzahl um 1,2 Prozent zurück. Das sind 40 Prozent weniger beschuldigte Minderjährige seit 20091. Also ist meine Wahrnehmung, dass die heutige Jugend immer straffälliger und brutaler wird einfach falsch!
Auch die Zahl der straffälligen Asylbewerber war seit 20091 nie mehr so tief wie im letzten Jahr (-30,9 %), trotz massiv höherem Anteil an der Bevölkerung. Also auch nichts mit den klauenden Flüchtlingen. Denn der zweitgrösste Rückgang der Straftaten entfällt auf die Diebstähle. Sie gingen 14,3 Prozent zurück. Nur die Zahl der entwendeten Autos, Mofas und Velos stieg um 8,4 Prozent.
Auch bei den einfachen Körperverletzungen (-8,7 %), bei Raubdelikten (-25,9 %) und bei den Drohungen (-7,5 %), den Nötigungen (-2,8 %), den sexuellen Handlungen mit Kindern (-2,3 %) und Vergewaltigungen (-2,6 %) gingen die Straftaten im letzten Jahr zum Teil wieder massiv zurück.

Demgegenüber sind die „Krawatten-Delikte”, die Straftaten der „noblen” Herren und Damen, weiter angestiegen:
Betrug (+ 2,8 %), Erpressung (+ 19,5 %) und Urkundenfälschung (+ 14,4 %).

Fazit:
Ich habe mich gewaltig getäuscht! Die Schweiz ist friedlicher denn je und (fast) alles ist besser geworden.
Ich habe viele (Gruppen) zum Sündenbock gestempelt, die es nicht verdient haben und die, die es verdienten, habe ich nicht wahrgenommen. Aber eben, man stellt sich den gemeinen Verbrecher auch nicht im noblen Anzug und Krawatte oder auf einer Teppichetage vor.

Aber wie konnte ich mich so täuschen lassen?
Ich vermute, dass ich von den Medien geimpft und von der Politik manipuliert wurde!
Denn die Medien befriedigen mit einer unverhältnismässigen Berichterstattung die Sensationslust ihrer Konsumenten. So bauschen sie jedes Verbrechen ganz gross auf. Zuerst wird, zum Teil in grossen Lettern, tagelang über das Verbrechen berichtet, danach noch lange über irgendwelche scheinbaren Hintergründe spekuliert. Irgendwann wird über eine Verhaftung informiert und wieder ausführlich spekuliert. Später kommt es zum Prozess, darüber die nächste ausführliche Berichterstattung und nach einem allfälliges Urteil ist meistens auch noch nicht Schluss. So werden die gleichen Verbrechen immer wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gezerrt und der Eindruck von einer zunehmenden, überproportionalen Gewalt bleibt haften, wenigstens bei mir. Danach kommen dann noch gewisse Politiker und warnen bei jeder sich bietenden Gelegenheit vor den Gefahren, die von bestimmten Gruppen ausgehen würden und schon wird mein Eindruck, dass alles immer schlimmer und gefährlicher wird, wieder zementiert.

Aber die Statistik beweist etwas ganz anderes:
Die Schweiz war nie ungefährlicher, friedlicher und sicherer als heute!


Übrigens:
In der ersten Stunde, nach Aufhebung der Veröffentlichungsperrfrist des BFS, hat nur eine Zeitung (watson.ch) über die erfreuliche Entwicklung im Schweizerischen Strafwesen berichtet ...

1 Beginn der differenzierten Erhebung
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:)

Sonntag, 22. März 2015







„Reich ist nicht, 
wer viel hat, 
sondern wer wenig braucht – 
arm ist nicht, 
wer wenig hat, 
sondern wer viel begehrt.“


(Johannes Chrysostomos)


Er wurde als
Johannes von Antiochia 
349 oder 344 in Antiochia am Orontes geboren 
(Stadt im antiken Syrien - heute Antakya in der Türkei)
und starb
 am 14. September 407 in Comana Pontica 
(antike Stadt in der kleinasiatischen Landschaft Pontos)

Er war 
Erzbischof von Konstantinopel 
und gilt als einer der grössten christlichen Prediger. 
Im 6. Jahrhundert wurde ihm 
der Beiname Chrysostomos (griech.: „Goldmund“) 
gegeben, unter dem er heute bekannt ist. 

(Quelle: Wikipedia





;)



Freitag, 20. März 2015

Liebesdrama





 
Liebesdrama
Eine Fabel

 

Mohammed, ein Moslem und Maria, eine Katholikin, verlieben sich ineinander. Beide sind sie hier geboren, jung und aufgeschlossen. Keiner stört sich an der Religion des anderen und auch die unterschiedlichen Lebensansichten aufgrund ihrer Herkunft glauben sie miteinander meistern zu können. Nach einem langen Versteckspiel beschliessen sie zu heiraten.

Doch der religiöse Eifer ihrer konservativen Familien verhindern eine gemeinsame Zukunft. Man droht Mohammed mit der Entlassung aus dem Familienbetrieb und Maria mit der Enterbung und dem Ausschluss aus der Familie („Du bist nicht mehr unsere Tochter“). Man versucht alles, um ihre Beziehung zu unterbinden. Das Leiden der beiden ist unbeschreiblich.

Maria wird schwer krank vor Kummer und muss sich einer Chemotherapie unterziehen. Der junge Spital-Seelsorger nimmt Maria an und begleitet sie durch die schweren Tage. Er versucht bei den beiden Familien zu vermitteln, aber erfolglos. Er trifft auf wenig Verständnis und Einsicht. Stur beharren sie in Gottes Namen auf einem längst überholten Kirchenbild – entgegen jeder Vernunft und dem Wohl ihrer Kinder.
Leider schlägt auch bei Maria die Behandlung nicht an. Sie wird sterben.

Kurz vor ihrem Tod beschliesst Maria, dem Christentum zu entsagen, damit sie wenigstens im Jenseits mit ihrem Mohammed vereint sein kann. Sie bittet den jungen Geistlichen, ihren Entscheid Mohammed mitzuteilen und kurze Zeit nach dem sie ruhig und sanft entschlafen ist, eilt der erschütterte Pfarrer zum Haus von Mohamed.

Dort trifft er ebenfalls auf eine versammelte Trauergemeinde. Laut und hemmungslos beweint die Familie ihren Sohn Mohamed. Der junge Rabbi, den der christliche Geistliche schon lange kennt und schätzt, erklärt ihm, dass sich Mohammed wenige Stunden zuvor, vor lauter Kummer aus dem Fenster gestürzt habe. In seinen Armen habe er sich sterbend von der Lehre des Propheten entsagt und sei für Maria im Glauben an das alleinseligmachende Christentum gestorben, damit er wenigstens im Jenseits mit ihr vereint sein könne.

Bei den später getrennt stattfindenden Bestattungen des Paares, weisen beide Geistlichen darauf hin, dass durch den religiösen Starrsinn der beiden Familien, die zwei Liebenden durch den jeweiligen Glaubenswechsel selbst im Jenseits nicht zueinander finden könnten – wäre da nicht ein alleiniger, gütiger Gott.
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:(

Montag, 16. März 2015

Abendliche Erscheinung





Abendliche Erscheinung


Der "Tatort" läuft im Fernsehen wie jeden Sonntagabend.
Ein Lichtschein am dunstigen Himmel wie Wetterleuchten.
Danach ein dumpfer Knall wie ein fernes Donnergrollen.
Die Luft riecht etwas wie nach einem Feuerwerk.
Ein erstes Frühlingsgewitter in der Ferne?
Ein Grund sich zu wundern, aber keiner um die Polizei anzurufen.
„Meteorit, Meteor oder Sternschnuppe” steht bei Twitter.
„Eindrücklich, aber alltäglich” erklärt der Astrophysiker nach dem "Tatort".

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....und in der Zeitung steht am nächsten Tag darüber [Link]



;)

Samstag, 14. März 2015

Bevor man das nächste T-Shirt kauft…





Ein kritischer Blick:
Bevor man das nächste T-Shirt kauft…


Wir tragen sie im Sommer, im Winter, beim Sport oder zum Schlafen. Das Baumwolle-T-Shirt hat einen hohen Tragekomfort, ist modisch, anschmiegsam und günstig. Darum ist es sehr beliebt und man hat meistens gleich mehrere davon – in allen Farben, in verschiedenen Designs und oft mit coolen Aufdrucken. Das T-Shirt aus Baumwolle ist das Kleidungsstück schlechthin.

Baumwolle ist darum weltweit die wichtigste, natürliche Textilfaser. Man verwendet sie seit 8'000 Jahren und bereits 3’000 v. Chr. begann in Indien, Pakistan und China der kommerzielle Anbau. Sechsundzwanzig Millionen Tonnen Baumwolle werden heute weltweit jährlich produziert. Indien ist mit vier Millionen Tonnen das drittgrösste Anbauland, nach China und Amerika. In Indien leben vier Millionen Bauern davon und weitere 60 Millionen Menschen arbeiten in der Textilindustrie.

Baumwolle braucht viel Wärme und sehr viel Wasser, mag aber keine Niederschläge. Darum wird Baumwolle in tropischen Trockengebieten angebaut und künstlich bewässert. Dreiviertel der weltweiten Produktion stammt daher von künstlich bewässerten Flächen. Im weltweiten Durchschnitt werden rund 11'000 l Wasser für die Produktion von 1 kg Baumwolle benötigt. Doch der grösste Teil, der bei uns getragenen Baumwolle, kommt aus Indien und dort verbraucht man für 1 kg Rohwolle sogar mehr als 23'000 l Wasser – das 23-fache dessen, das für die Produktion eines Kilos Weizen aufgewendet werden muss. Für ein einziges T-Shirt muss der Baumwollstrauch also im Minimum etwa 2'000 Liter Wasser aufnehmen und für die Verarbeitung kommen dann nochmals 700 – 1'000 Liter dazu. So werden für die Baumwollproduktion etwa sechs Prozent des weltweiten Süsswasserverbrauchs aufgewendet, das heisst, dass jährlich etwa 256 Kubikkilometer Wasser benötigt werden. Diese Menge würde ausreichen, um jeden Erdbewohner mit 120 Liter Frischwasser pro Tag versorgen zu können.
In den Baumwollprodukten, die in Deutschland pro Jahr gekauft werden, stecken rund 6,4 Milliarden Kubikmeter Wasser. Das sei mehr als die doppelte Menge Wasser, die private Haushalte im gleichen Zeitraum zum Waschen, Kochen, Duschen und Baden verbrauchten, rechnete das Statistische Bundesamt aus.

Baumwolle ist höchst anfällig für Schädlinge. Darum werden im Schnitt die Ackerflächen pro Saison 25 bis 30 Mal flächendeckend mit Pestiziden aller Art besprüht. Etwa 25 % aller weltweit im Ackerbau eingesetzten Insektizide werden für die Baumwollproduktion aufgewendet, obschon die Ackerfläche für Baumwolle nur 1/40, also bloss 2.5 % der Weltackerfläche bedeckt. Für jedes Baumwolle-T-Shirt sind das umgerechnet rund 150 gr. Gifte, die nur schon auf dem Acker landen.
Über die Hälfte der indischen Bauern sind Analphabeten. Da sie sehr schlecht ausgebildet sind, vergiften sie sich oft selbst: Unsorgfältiges Ausbringen, falsche Mengen oder die Inhaltsstoffe der Pestizide verursachen Unfälle und gesundheitliche Schäden: Augen- und Atembeschwerden, Krebs, Unfruchtbarkeit usw. Nach Schätzungen der WHO sterben in den Baumwollanbaugebieten weltweit jährlich 20’000 Menschen und drei Millionen erkranken durch den Einsatz der Pestizide.

Feldarbeiterinnen erhalten für ihre knochenharte, monotone Arbeit zwei Rupien, also knapp vier Rappen pro Kilo Ernte. Wenn die Baumwolle gut ist, können bei strenger Arbeit täglich bis zu 50 Kilogramm geerntet werden, das gibt zwei Franken/Euro pro Tag. So können ca. 40 Fr./€ pro Monat erarbeitet werden; das genügt dürftig zum Überleben einer Person.
Übrigens: Um die harte Arbeit und ihre schwierige Lebenssituation erträglicher zu machen, begannen die fernab ihrer Heimat Afrika auf den Baumwollplantagen schuftenden Sklaven einfache Songs zu singen, die von Liebe, Sehnsucht und Leid erzählten. Damit erschufen sie den ‘Blues‘, eine heute nicht mehr wegzudenkende Musikgattung.

Für die Verarbeitung und Veredelung der Baumwolle ist nochmals ein hoher Einsatz von Chemikalien und Wasser notwendig. Oft sind 25 % des „100-Prozent“-Baumwolle-T-Shirts Farbstoffe, Weichmacher und andere Chemikalien. Für ein Kilogramm Baumwollstoff werden neben den vielen Chemikalien auch nochmals einige hundert Liter Wasser verbraucht. Durch fehlende Kenntnis, Vorschriften und Kontrollen in den Billiglohnländern und nicht zuletzt unter dem unsäglichen Preisdruck, ist die Stoffherstellung vielfach gesundheitsschädigend und lebensgefährlich. Die Arbeiter kommen mit giftigen Substanzen wie Quecksilber, Cadmium, Chrom, Blei und Kupfer, die zum Aufbereiten und Färben der Fasern verwendet werden, in direkten Kontakt. Die Chemikalien gelangen zudem in die Luft und in das Abwasser. Die Menschen in den Ballungsgebieten der Textilindustrie leiden unter verseuchtem Trinkwasser, schmutzigen Flüssen und Seen, schlechter Luft und belasteten Nahrungsmitteln. Über die Meeresströmung verteilt sich das Gift zudem über die ganze Welt. Auch durch unsere Reinigung der Baumwollprodukte landen noch darin enthaltene Chemikalien und Giftstoffe bei uns in den Kläranlagen und Verbrennungsfiltern oder sie lagern sich irgendwo ab. Aber es verbleiben trotzdem zwischen zwei und zehn Prozent der Textilhilfsmittel (Chemikalien) und Farbstoffe auch nach mehrmaligem Tragen und Waschen in den Textilien, darum sind viel getragene und „verwaschene“ T-Shirts zunehmend auch weniger schädlich für uns.

In Kambodscha, Bangladesch, China oder Indien werden für Tageslöhne von ein bis zwei Franken/Euro, Kleider für den europäischen Markt genäht. In Bangladesch hat die Regierung zwar endlich den monatlichen Mindestlohn für ungelernte ArbeiterInnen auf 930 Taka (ca. 14 Fr./€) und für gelernte ArbeiterInnen auf 2.100 Taka - ca. 35 Fr./€ festgesetzt. Doch dieser liegt nach wie vor weit unter der Armutsgrenze. Nur durch massive Überstunden erreichen die Arbeiterinnen diesen durchschnittlichen Tageslohn von 2 Fr./€. So kommen die Arbeiterinnen schnell mal auf über 100-Stunden pro Woche. Laut Gesetz gilt zwar maximal die 60-Stunden-Woche bei einem freien Tag pro Woche – aber zwölf Stunden Arbeitstage sind die Norm, 16 Stunden keine Ausnahme und das oft an allen sieben Wochentagen. NäherInnen leben und bleiben arm; denn vielfach deckt auch dieser schwer erarbeitete Tageslohn weniger als 50 % der Haushaltsausgaben.
Die Arbeit wird zu 80 Prozent von Frauen, meist im Alter zwischen 18 und 24 Jahren, gemacht. Üblicherweise fangen sie als Mädchen im Alter von 14 bis 15 Jahren in den Fabriken als „Helferinnen“ mit noch bedeutend schlechterer Bezahlung an. Mit 16 sind sie dann einfache Näherinnen auf der untersten Hierarchiestufe. Die Beschäftigten bekommen meistens keine Arbeitsverträge; Mutterschutz sowie Sozial- oder Vorsorgeleistungen fehlen gänzlich. Eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall besteht ebenfalls nicht.

Häufig sind in Europa die dortigen, räumlichen Arbeits-Bedingungen nicht einmal mehr für Legehennen akzeptabel. Sauberes Trinkwasser, Lüftung, richtige Beleuchtung, sowie Aufenthalts- oder Essräume fehlen des Öfteren. Hygiene und Sicherheit sind des Öfteren in haarsträubendem Zustand und manchmal bezahlen die zum Teil minderjährigen Arbeiterinnen unser billig gekauftes T-Shirt sogar mit ihrem Leben, wie der Einsturz der Textilfabrik „Rana Plaza”  mit mehr als 1000 Toten zeigte.

Redeverbote, Schikanen, Beschimpfungen oder Schläge und offene sexuelle Gewalt von den Vorgesetzten (meistens männlich) sind an der Tagesordnung. Pausen und Toilettenbesuche werden eingeschränkt, Zuspätkommen wird in einigen Fabriken sogar mit „am Pranger stehen” bestraft. Wer murrt, fliegt!

Auch nebst der Arbeit leben die Arbeiterinnen in desolaten Zuständen auf engstem Raum, teilen Toiletten, Küchen und häufig sogar auch das Bett. Überteuerte Mieten werden für übelste Wohnverhältnisse verlangt. Korruption, Ausbeutung und sexuelle Übergriffe wohin man sieht.


Fazit:
In einem billigen, schnell gekauft und bald weggeworfenen Baumwolle-T-Shirt steckt ein grosser Aufwand an Wasser, Chemie und harter Arbeit unter extrem inhumanen und menschenverachtenden Arbeits- und Lebensbedingungen.
Eine blosse Preiserhöhung von ca. 10 % bei uns, könnten wenigstens existenzsichernde Löhne und faire Arbeitsbedingungen ermöglichen.




Ich meine darum:


Bevor man das nächste T-Shirt kauft… 
oder eines unbedacht entsorgt…,
sollte man sich vorher neben einem kritischen Blick,
vielleicht auch ein paar Gedanken machen…
©® Copyright by Herr Oter



 © Bild von:Vijayanarasimha / Lizenz: CC0 / by: pixabay 




:(

Samstag, 7. März 2015

Ein Esel im Brunnen





Ein Esel im Brunnen


Eines Tages fiel der Esel eines Bauern in einen Brunnenschacht.
Das Tier hatte lange Jahre dem Bauer gedient, nun war es alt, etwas schwach, aber seinem Herrn treu ergeben.
Der Esel schrie kläglich im Wasser liegend und der Bauer überlegte, was nun zu tun war. Mit Seilen versuchte er, das Tier aus dem alten Schacht zu ziehen, aber der morsche Aufbau mit der Holzhaspel brach unter dem Gewicht des Esels zusammen.
Schliesslich entschied der Bauer, dass der alte Esel es einfach nicht mehr wert war, um ihn mit viel Aufwand und der Hilfe von Nachbar zu bergen. Vermutlich hatte er sich beim Sturz auch noch die Beine gebrochen und war somit sowieso nicht mehr zu gebrauchen. Man hätte dann zusätzlich noch den Abdecker holen und den Kadaver anschliessend begraben müssen. Auch die Zisterne wurde seit langem nicht mehr genutzt und hätte schon lange mit dem bereits herangekarrten Erdreich zugeschüttet werden sollen.

So holte der Bauer eine Schaufel und begann die Erde in den Brunnen zu schaufeln.
Schnell erkannte der Esel die Absicht des Bauern und begann herzzerreissend zu schreien. Aber das Herz des Bauern liess sich nicht erweichen und er schaufelt einfach weiter, ohne noch einmal über den Brunnenrand zu sehen. Auch der Esel schien sich alsbald mit seinem Schicksal abgefunden zu haben, den nach einem kurzen Wimmern, hörte man bald nichts mehr von ihm.

Nach einiger Zeit und Mühe schaute der Bauer vorsichtig über den Zisternenrand, um zu sehen, ob der Esel begraben war. Doch überrascht stellte er fest, dass der Esel noch am Leben war, auf allen vier Beinen stand – einfach viel weiter oben als vorher. Denn jede Ladung Dreck, die auf dem Rücken des armen Esels landete, hatte das kluge Tier von sich geschüttelt und immer wieder einen Schritt nach oben gemacht.

Der Bauer erkannte sofort seinen Fehler und der Esel tat ihm aufrichtig leid. Gemeinsam mit Nachbarn wurde das Tier vorsichtig aus dem Brunnen gehoben und unverletzt geborgen. Die Zisterne wurde zugeschüttet und der Esel diente dem Landwirten noch einige Jahre als wertvoller Partner. Danach erhielt er vom Bauer bis ans Lebensende das wohlverdiente Gnadenbrot.

Diese Geschichte zeigt, dass der wahre Wert von „Eseln” (oder Partnern) manchmal (fast) zu spät erkannt wird.
©® Copyright by Herr Oter 



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;)

Donnerstag, 5. März 2015

94 Gramm






94 Gramm
wiegt der Apfel mehr als die Birne!

Ich habe gerade einen Apfel und eine Birne miteinander verglichen – mit der grammgenauen, elektronischen Küchenwaage: Unterschied 94 Gramm!

Jetzt soll mir noch einer kommen und behaupten: 
Äpfel mit Birnen vergleichen – das geht doch nicht! 
Und ob das geht, und zwar exakt!


© Bild von: duxschulz / Image-ID: 425130 / by: PIXELIO.de 
;)

Dienstag, 3. März 2015

Warnung vor einem Teddybär!






Eine Schlagzeile der renommierten NZZ unter der Rubrik: „Unglücksfälle und Verbrechen“ hat mich aufgeschreckt:

«Warnung vor einem Teddybär!»

Terrorgefahr, mein erster Gedanke! Hoffentlich nicht schon wieder so ein hinterhältiger Anschlag! Mein Gott, nun greifen uns auch noch die wuscheligen Teddybären an. 
Natürlich beschäftigt mich sofort die Religionszugehörigkeit von Teddybären. Darüber hatte ich mir bisher noch nie Gedanken gemacht, aber nach den Ereignissen der letzten Zeit… Diese harmlosen, härzigen Teddybären – wer hätte das gedacht. Glücklicherweise wird nur in der Einzahl gewarnt, also höchstens ein einzelner terroristischer Teddybär.
 

Gwundrig und besorgt klicke ich den Twitter-Tweet des Schreckens:
«Knopfaugen als Gefahr!» 

Ich bin schockiert!

Zum Glück bringen die nächsten Zeilen eine gewisse Entwarnung:
«Der Teddybär «Animal Alley» von Toys’R'Us hat gefährliche Knopfaugen: Da sie sich leicht lösen und von Kleinkindern verschluckt werden können, ruft das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) den Kuschelbären zurück.»

Wenigstes keine terroristische Bedrohung, es sind nur diese kleinen, schwarzen Knopfaugen aus Glas vor deren Genuss uns das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit eindringlich warnt. Das ist auch ganz verständlich, denn Glasaugen sind ja Lebensmittel – logisch, oder ! Ich wundere mich bloss, warum sich auch noch das Bundesamt für Veterinärwesen so grosse Sorgen um unsere Kinder macht.
Ich wusste gar nicht, dass Teddybären auch zur Zoologie und somit unter die Tiermedizin fallen.
Gut, meine Teddys hatten immer eine Seele, davon bin ich heute noch überzeugt. Aber so richtig aus Fleisch und Blut waren sie nie, das habe ich mehrfach untersucht. Meistens stiess ich dabei nur auf Holzwolle.

Aber heutzutage ist natürlich alles möglich! Denn das BLV empfiehlt den Besitzerinnen und Besitzern eines solchen Teddys, «sicherzustellen, dass das Plüschtier nicht in die Hände von Kleinkindern gelangt».

Diese Warnung macht mir nun doch wieder etwas mehr Sorgen: Verbreiten die Augen des in vier Farben erhältlichen Teddys etwa auch noch irgend eine übertragbare Tier-Seuche oder eine gefährliche Augenkrankheit?
Gut, bei dem Namen dieses Teddys (Animal Alley) und dessen scheinbarer Herkunft (...) würde mich eigentlich nichts wundern, aber zum Glück steht von dieser Gefahr nichts in der Warnung. Es sind also wirklich bloss diese runden, glatten Glasäuglein, die abfallen könnten und die ein Kind verschlucken könnte. Das macht den beiden Abteilungen des Bundesamtes angeblich richtig grosse Sorgen und bringt den harmlosen Teddybären schwupps in die Rubrik „Unglücksfälle und Verbrechen“ einer seriösen, altehrwürdigen Tageszeitung.

Das wirft für mich sofort die Frage auf: Leben Kleinkinder in der heutigen Zeit in grösserer Gefahr als seinerzeit? Es scheint so, denn man stelle sich mal vor, was die so alles in den Mund stopfen könnten.
War das früher anders? War ein früherer Dreikäsehoch einfach cleverer oder war damals das Spielzeug weniger gefährlich? Wurde dazumal auch alles, was wir zum Spielen brauchten auf Sicherheit, Verträglichkeit, Mikrobiologie und Hygiene geprüft? Nein, meistens kam es bei uns direkt aus der Natur in den Mund – die ‘Förmli‘ und der Sand vom Sandkasten, die ungewaschenen Früchte vom Baum oder Strauch und der Schmutz von den Händen. Dadurch waren wir vielleicht auch widerstandsfähiger.

Da erinnere ich mich an meinen kleinen Sohn, der sich – kaum konnte er einigermassen gehen – in einer Alpwirtschaft, in einem unbewachten Augenblick, genüsslich diese kleinen, schwarzen Bohnen, die Ziegen manchmal so hinter liegen lassen, in den Mund stopfte und sie partout nicht mehr hergeben wollte. „Kein Problem”, beschwichtigte die Älplerin amüsiert, „diese Geissen fressen nur die feinsten Kräuter”. So war es auch, geschadet hat es ihm überhaupt nicht.

Früher hat man einfach nicht so ein Theater um die Kinder gemacht – und um die Bären auch nicht.
Ein Blick auf meine geschundenen Exemplare – sie sind über 50-jährig – bestätigt es: Von den sechs nötigen Glasaugen fehlen zwei und eines hängt nur noch an einem Faden. Wo sind diese Augen geblieben?
Vermutlich haben wir die sofort gierig in den Mund gestopft – genau so, wie es heutige Kinder offenbar machen…!
Und wenn – drin geblieben ist weder ein glattes Glasauge noch ein runder Knopf – da kann ich das Veterinäramt und das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit beruhigen.

Interessant finde ich auch noch den letzten Teil der Meldung:
«Das Produkt wurde zudem umgehend vom Markt genommen.
Das Plüschtier wurde zwischen März 2014 und Januar 2015 in Toys’R’Us-Geschäften verkauft.»


Es hat also fast ein Jahr gedauert, bis jemand gemerkt hat, dass dieses „äusserst gefährliche“ Plüschtier unsere Kinder bedroht.
Mir tun einfach die armen Kleinen leid, denen man nun den innig geliebten Teddy brutal entreissen wird, um ihn in Isolationshaft zu setzen.











:)

Mittwoch, 25. Februar 2015

Zwei Wölfe






Zwei Wölfe

Schweigend sass ein alter Indianer mit seinem Enkel am Lagerfeuer. Die Bäume standen wie dunkle Schatten, das Feuer knackte und die Flammen züngelten in den Himmel.

Nach einer langen Weile sagte der Alte: “Manchmal fühle ich mich, als ob zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam. Der andere aber ist liebevoll, sanft und mitfühlend.”

“Welcher der beiden wird den Kampf um dein Herz gewinnen?” fragte der Junge.

“Der, den ich füttere”, antwortete der Alte.

Autor unbekannt


Bildnachweis: Autor: Hans
Lizenz: CC0 Public Domain (Gemeinfrei) / via pixabay




;)


Sonntag, 22. Februar 2015

Erkenntnis kontra Gier







"Ich glaube an die
Vernunft des Menschen
und hoffe, dass die Erkenntnis
die hemmungslose Gier
doch noch besiegt"
denkt Herr Oter



:)


Dienstag, 17. Februar 2015

Unerhörtes geschah in Bürglen





Unerhörtes geschah in Bürglen

Unerhörtes geschah im letzten Herbst in der Dorfkirche von Bürglen. Ein Pfarrer segnete in einer Zeremonie zwei homosexuelle Frauen. Monate später erwähnt er es auch noch nebenbei in einem lokalen Zeitungsinterview. Daraufhin fordert nun sein Chef aus dem entfernten Bistum die Demission und Versetzung des beliebten Pfarrers, trotz grosser Proteste der Dorfbevölkerung. Völlig Zurecht, meiner Ansicht nach, wenn die katholische Kirche seine verbliebenen treuen Schäfchen weiter aus der Kirche vertreiben will. Was glauben den die aufmüpfigen „Bergler“ eigentlich? Die sollen gefälligst den Mund halten, niederknien, beten und zahlen!


Ich kenne Bürglen, ein bisschen wenigstens. Ein sonnenbeschienenes Urner Dorf am Eingang zum Schächental, auf dem Weg zum Klausenpass. Schon mehrmals habe ich die urchige Gemeinde mit seinen knapp viertausend Einwohnern besucht. Zuerst wohl, wie die meisten Schweizer, weil in Bürglen unser Wilhelm Tell, der schweizerische Volksheld aus dem 13. Jahrhundert, als Bauer und Jäger gelebt haben soll. Ich nehme an, man kennt die Geschichte des unerschrockenen Mannes mit seiner Armbrust, dem armen Walterli und dem durchlöcherten Apfel, als Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit inzwischen weitherum. Bei meinem späteren Besuchen in diesem geschichtsträchtigen „Tellendorf“, bin ich dann jeweils weniger von Tells Heldentaten ergriffen, sondern eher von der Pfarrkirche „St. Peter und Paul“. Für mich ist dieses Gotteshaus eines der Schönsten hierzulande. Hell, warm, offen und einladend – selten habe ich in der Schweiz eine freundlichere, katholische Kirche gesehen. Nichts Dunkles, nichts Bedrohendes und nichts das Schuldgefühle auslösen soll. Ich verweile jeweils gerne etwas dort, denn ich fühle mich in diesem katholischen Gotteshaus auch als einfacher Mensch, Protestant und „Sünder“ irgendwie respektvoll geachtet.

Die Kirche weisst noch eine interessante Besonderheit auf: Auf dem Kirchturm sitzt ein Gockel. Eher unüblich für katholische Kirchen. «Dieser Gockel soll uns mahnen, uns nicht nach dem Wind zu drehen. Wir im Dorf des Wilhelm Tell stellen uns den Herausforderungen der Zeit und orientieren uns dabei an der Botschaft Jesus Christus.», schreibt Pfarrer Wendelin Bucheli dazu auf der Kirchenwebseite.
Mahnt uns das nicht etwas an den freiheitlichen Geist unseres Nationalhelden, der den Hut der Obrigkeit nicht grüssen wollte?
Doch gerade dieser unerschrockene, vorwärtsgerichtete Pfarrer soll nun einfach das Feld räumen. Nur weil er und sein Tun der Obrigkeit im Bistum Chur nicht passt?

Ein katholischer Pfarrer darf Rindviecher, Hunde, Katzen, Feuerwehrautos, Motorräder, Häuser, Brücken und sogar Waffen segnen. Doch die Segnung eines homosexuellen Liebespaares ist ihm in Bürglen untersagt. Das finde ich unerhört.
Vorher hat das monatelang auch niemanden gestört und der Geistliche hatte vor der Segnung der beiden Frauen sowohl den Kirchenrat, den Pfarreirat wie auch die Pfarrei-Mitarbeitenden informiert. Alle sprachen sich im Grundsatz dafür aus.
Erst als Pfarrer Wendelin Bucheli im «Urner Wochenblatt» einige Monate später nebenbei ausgeführt, dass sich die Segnung von der Form her, nicht wesentlich von einer Trauung unterschieden hatte, soll der erzkonservativen Churer Bischof Vitus Huonder aufgeschreckt sein. Postwendend kam aus dem Bistum der Befehl, dass Pfarrer Bucheli seinen Posten zu räumen habe. Bischof Charles Morerod unterstützt ihn dabei und will den aus Freiburg stammenden Bucheli deshalb spätestens im Sommer zurück in sein Stammbistum zurückbeordern.
«Der Bischof muss seine Verantwortung wahrnehmen, er kann so ein Ärgernis nicht einfach hinnehmen, auch wegen all jener Seelsorgenden und Gläubigen, die zum katholischen Glauben stehen.» wird Vitus Huonders Sprecher Giuseppe Gracia in einem Artikel zitiert.

Nur, gerade wegen solchen unverständlichen Entscheidungen werden es davon immer weniger. Die Seelsorger werden immer weniger und die Gläubigen laufen den Landeskirchen in Scharen davon. Viele verstehen nicht, warum sich eine Kirche um die Geschehnisse vor über zweitausend Jahren kümmert, sich aber den heutigen Fragen ständig entzieht. Dazu gehören die Missbrauchsfälle früherer Jahre oder schwer verständliche Kirchengesetze. Sie verbieten armen Kirchenmänner den innigen Umgang mit Frauen und sie müssen es heimlich tun. Auch begreift man nicht warum sie nicht einfach heiraten dürfen oder warum Frauen für die Tätigkeiten der geweihten Kirchenmänner weniger geeignet sein sollen. So stellt sich für sehr viele Kirchenmitglieder immer öfter die Frage: Ja, misst denn der Herrgott mit zwei verschiedenen Ellen?

Ebenso, in der Frage der Partnerschaft. Ist eine gleichgeschlechtliche Verbindung vor Gottesaugen wirklich weniger wert oder ist die Liebe zu einem Menschen vor dem Schöpfer vom Geschlecht abhängig?
«Die Ehe ist eine dauerhafte, sich verpflichtende Partnerschaft zwischen Mann und Frau», soll in der Bibel stehen, argumentieren die Kirchenoberen ihren Entscheid. Aber haben diese alten Kirchenbilder nicht längst ausgedient? Was denken wir Christen denn über fundamentalistische Islamisten, die den Koran wortwörtlich auslegen und die eine Scharia mit ihren drakonischen Strafen auf dessen Grundlage heute noch anwenden wollen: Ganzkörperverschleierungen, Handamputationen bei Diebstahl, Steinigung von Ehebrecherinnen oder Frauen nach einer Vergewaltigung usw.? Was Erzkonservative und „Hardliner“ auslösen können, sehen wir tagtäglich von anderen Religionen in den Nachrichten. Das kann doch nicht der Weg der einer zeitgemässen Kirche sein.

Ich meine, es wäre zumindest für unsere Kirche höchste Zeit eine neuzeitliche Haltung anzunehmen. Eine nützliche Kirche sollte sich mit den Fragen der heutigen Zeit auseinander setzten, statt stur auf mehr als zweitausend Jahre alten Werten und Vorstellungen sitzen zu bleiben.
Ein Papst Franziskus lebt ein relativ fortschrittlicheres Christentum vor – und ein aufgeschlossener Pfarrer wie Wendelin Bucheli, wendet es seit zehn Jahren und trotz gesundheitlicher Probleme nach einem Hirnschlag im letzten Oktober, tagtäglich in seiner ansehnlichen Gemeinde (über 90% der Bewohner sind katholisch) zur vollen Zufriedenheit (fast) aller an.
«Er geht unvoreingenommen auf alle Leute zu, ob jung oder alt. Deswegen mögen die Leute Pfarrer Bucheli auch. Er lebt die Nächstenliebe, das spürt man», wird Gemeindepräsident Frösch zitiert.

Zudem sind Segnung gleichgeschlechtlicher Paare vielerorts in der Schweizer Kirche üblich, selbst im Bistum Chur. So sollen in der zum Bistum gehörenden Stadtzürcher Pfarrei St. Josef innerhalb von sechs Jahren rund 70 homosexuelle Paare gesegnet worden sein. Diese Ungleichheit fördert nicht gerade das Vertrauen der Gläubigen und  die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche.
Der Churer Bischof wolle nun offenbar ein Exempel statuieren, sagt Buchelis engster Mitarbeiter René Deiss.
Aber so einfach ist das vermutlich nicht. Nach der letzten Sonntagsmesse räumte der Bürgler Pfarrer zwar den Fehler ein, dass er die Segnung „nicht diskret genug“  vorgenommen habe, lehnte aber gleichzeitig eine Versetzung wiederholt ab. Darauf gab es in der Kirche eine Standing Ovation.
Der Kirchenrat Bürglen – nur er kann Bucheli entlassen – steht gemäss Vize-Kirchenrat Peter Vorwerk: «[…] vorbehaltlos hinter ihm.»

Auch in der Bevölkerung ist der Auflehnung mächtig. In einer Petition gegen die erzkonservative Linie von Bischof Vitus Huonder vom Bistum Chur sollen allein in Bürglen und Umgebung bereits über 4000 Unterschriften zusammengekommen sein. «Er geniesst in der Gemeinde einen enormen Rückhalt», sagt das Kirchenratsmitglied.
Auch auf einer Online-Bürgerpetition haben aktuell bereits 32’478 Personen unterschrieben.

Aber all das wird den rückwärtsgewandten Bischof nicht von seiner Idee abbringen, auch die letzten, treuen Schäflein mitsamt seinem guten Hirten aus seiner einladenden Kirche im wehrhaften Tellendorf zu vertreiben.
Das finde ich unerhört!



Bürglen 
By Badener (Eigenes Werk) [CC BY 3.0 ], via Wikimedia Commons




;)





Freitag, 13. Februar 2015

Frau Hueber





Frau Hueber



Frau Hueber zieht den weissen Unterrock über die behaarten Beine nach oben. Beim Gesäss wird es eng. Sie hatte es vorher schon von oben versucht, über den Kopf, aber da blieb sie bereits bei den Schultern stecken. Also, da muss sie nun einfach durch, für Anpassungen bleibt keine Zeit mehr. Zum Glück kann sie dank des schönen Wetters wenigstens auf die  halblange Unterhose verzichten, sonst wäre es noch enger geworden. So zerrt Frau Hueber nun kräftig am groben Leinen – geht doch, oben sitzt der Gummizug auf der Hüfte und der kunstvolle Spitzensaum reicht bis über die Knöchel. Passt!
Ermutigt greift Frau Hueber nun zur bestickten Rüschenbluse, die ebenfalls aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts stammt. Die war ja schon immer etwas eng an den Schultern und den Oberarmen. Aber sie passt bestimmt noch, denn dort hat sie nicht zugelegt. Der feste Stoff ist blütenweiss und glatt gebügelt, so wie es sich für ein ordentliches ‚Wöschwyb‘ gehört. Zwar hat sie nur einmal im Jahr einen Auftritt an der Fasnacht, aber immerhin, da will man doch eine gute Figur abgeben.

Jedoch, Frau Hueber hat in diesem Jahr Mühe in Fasnachtsstimmung zu kommen. Etwas ist in den letzten Tagen ist leicht aus dem Takt geraten, aber vielleicht liegt es auch nur am trüben Wetter der letzten Zeit. Doch nun kann sie sich keine Blösse geben. Spätestens, wenn sie das Altersheim betritt, muss sie in fasnächtlicher Hochstimmung sein. Dafür ist sie gekommen und das erwarten auch die betagten Bewohner von ihr; davon sprechen sie seit Tagen.

Während sie die lange Knopfreihe zuknöpft, überlegt sich Frau Hueber ob sie den BH noch etwas ausstopfen sollte, um den Bauchansatz zu kaschieren. Dabei muss die alte Tante nun doch etwas lächeln, denn sie ist froh, dass sie sich solche Sorgen nur einmal im Jahr machen muss. Jetzt steigt sie in den schwarzen Rock. Kein Problem, der sitzt perfekt. Er ist etwas weiter geschnitten und ein Stück kürzer, damit der schön bestickte Saum des engen Unterrockes sichtbar bleibt.

Nun legt sich Frau Hueber den gehäkelten, schwarze Umhang über die Schultern. Frau Ambauen hat auch manchmal ein ähnliches Tuch übergezogen, wenn ihr ein wenig kalt war. „Selber gestrickt“, erwähnte sie dann oft und hat sich gefreut, wenn man den Umhang lobte. Nun ist sie tot. Gestern Nachmittag verstorben. Frau Hueber überzieht bei dem Gedanken eine leichte Gänsehaut. Viele Nachmittage hatten sie zusammen mit den anderen am grossen Tisch in der Cafeteria des Altersheimes verbracht. Kaffee trinken, Dessert essen, reden, schweigen, lachen, ja es ist oft eine lustige Runde. Doch Frau Ambauen war nicht leicht zum Lachen zu bringen. Sie war eine ernste Frau. Sie hat viele Schicksalsschläge hinnehmen müssen - ein Sohn behindert; der Mann – na ja, Gott hab in selig – und ihre Tochter ist dann vor zwei Jahren auch noch viel zu früh gestorben. „Dass das Kind vor einem stirbt, wenn man doch selber alt und angeschlagen ist, das ist ungerecht“, hat sie einmal traurig zu mir gesagt. Die Tochter hatte sie regelmässig besucht, darum hatte ihr Tod Frau Ambauen vielleicht auch besonders schwer mitgenommen; darüber ist sie nie ganz weg gekommen. Zur Beerdigung wurde sie von der eigenen Familie, die im gleichen Ort wohnt, nicht einmal persönlich abgeholt – ein Begleitungs-Auftrag wurde ans Heim erteilt. Die selten Besuche der danach noch verbleibenden Familienmitglieder, die immerhin einen stattlichen Hof erben konnten, taten dann das übrige. Sie wollte nicht mehr. Im Dezember sagte sie mir, dass sie gerne sterben möchte, weil das alles sowieso ‘keinen Sinn mehr machen würde‘.
Nun liegt sie oben in ihrem Zimmer aufgebahrt, so wie es üblich ist. Und morgen Abend wird das Sterbegebet für Frau Ambauen in der Heimkapelle abgehalten. Ich werde dabei sein, ganz normal gekleidet.

Nun gilt es aber zuerst, trotzdem gute Stimmung an der Heim-Fasnacht in der Cafeteria zu verbreiten. Ist das pietätlos? Nein, das ist das Leben! Der Tod gehört dazu, genau wie eine Geburt. Damit hat Frau Hueber keine Mühe und als ‚Figur‘ sowieso nicht. Denn früher wurden die ‚Wöschwyber’ oft gerufen, um die Toten zu waschen und anzukleiden. Das gehörte vielerorts zu ihren Aufgaben.

Frau Hueber atmet tief durch, zieht sich das schwarzweisse Kopftuch über ihre grauen Haare und knotet es vorne zusammen. Danach zieht sie die von Mutters Hand grobgestrickten Socken an und steckt die Füsse in die klobigen Schuhe. Probelauf – an die stöckelnden Schritte im engen Unterrock, muss sie sich erst wieder gewöhnen. Kein Wunder, dass Frauen manchmal zu spät zu einem Treffen kommen, bei diesen kleinen Schritten, denkt Frau Hueber verschmitzt. Entschlossen greift sie nun zur geflochtenen Handtasche. Sie stammt noch von ihrer Grossmutter. Sicher wird das elegante Täschchen von den Bewohnerinnen auch heute wieder besonders bewundert und gelobt.
Vorsichtig betätigt Frau Hueber den Schliessmechanismus und zieht den Zipfel eines karierten Taschentuches ein wenig hinaus. So fertig.
Ein Blick in den Spiegel – alles sitzt und passt auch einigermassen. Jetzt bitte lächeln Frau Hueber – Mundwinkel nach oben!
In Kürze wird ein altes, gebeugtes Waschweib am schwarzen Gehstock ins Altersheim humpeln. Am linken Arm ein schwarzes Täschchen. Eine vollendete Komposition aus schwarz und weiss. Passt doch! Lächeln Frau Hueber, lächeln! Fasnachtsstimmung wie immer – schauspielern ist sich Frau Hueber ja gewohnt.

©/® Copyright by Herr Oter 






;)

Mittwoch, 11. Februar 2015

Elfchen





Zahnarzt
Zieht weiter

Zahn um Zahn
Auch gute Zähne wackeln
Alter
!






Anmerkung:
Diese Gedichtform wird Elfchen genannt.
Das Elfchen besteht nur aus einer Strophe, die aus fünf Zeilen gebildet wird. Insgesamt haben diese fünf Zeilen elf Wörter, wobei bis zur vierten Zeile jede ein Wort mehr aufweist. Das Fazit, also die letzte Zeile, bricht damit, den da wird nur noch ein Wort benutzt.




 :(






Samstag, 7. Februar 2015

Der Hund und der Esel






Der Hund und der Esel


Ein Bauer, ein Hund und ein Esel lebten schon seit einiger Zeit zusammen. Jeder hatte seine Aufgabe. Der Hund bewachte das Haus, der Esel trug die schweren Lasten und der Bauer war für das Wohl aller zuständig.

Es war an einem heissen Tag. Alle drei hielten nach der strengen Arbeit vom Vormittag ihren wohl verdienten Mittagsschlaf. Der Hund döste unter der schattigen Veranda, der Esel ruhte beim mächtigen Baum neben dem Haus und der Bauer machte ein Nickerchen auf dem Sofa im Wohnzimmer.

Plötzlich hörte man einige Geräusche hinter dem Haus. Der Hund hob faul den Kopf, legte ihn aber bald wieder zwischen seine Pfoten und döste weiter.

Der Esel fragte ihn: „Warum bellst du nicht, wie es deine Aufgabe ist. Es könnten Diebe sein.“ Der Hund antwortete träge: „Es wird nur die Katze sein, kümmere du dich um deine eigenen Angelegenheiten.“

Doch der Esel war sehr pflichtbewusst und machte sich Sorgen, dass sein Herr in Gefahr sein könnte. Darum wollte er seinen Herrn vor den Dieben warnen und begann mit seiner heiseren Stimme laut zu schreien.

Der Meister, der gerade eingeschlafen war, schreckte hoch, nahm einen Stock und rannte wütend aus dem Haus. Es waren aber keine Diebe zu sehen, nur eine grosse Katze flüchtete verängstigt ins Gebüsch.
 
„Na - hab ich es nicht gesagt? Die Katze!“ Der Hund streckte genüsslich seine Glieder und gähnte.

Nun wurde der Bauer erst recht zornig und schlug den armen Esel mit dem Stock. „Die Bestimmung eines dummen Esels ist das Tragen und Schleppen! Der Schutz und die Bewachung sind allein die edlen Aufgaben des Hundes!“


Fluchend kehrte der Bauer in sein Haus zurück und bemerkte, dass inzwischen dreiste Diebe alle seine Wertsachen gestohlen hatten.
 



Die Moral dieser Geschichte:
Manchmal ist die Funktion entscheidender,
als guter Wille und beherzten Einsatz


 Autor: AnnaER / Lizenz: CC0 Public Domain (Gemeinfrei) / via pixabay




:)

Mittwoch, 4. Februar 2015

Röslis letzter Auftritt





Röslis letzter Auftritt



«Silberfäden zart durchziehen,
meiner Mutter weiches Haar.
Silberfäden heute zieren,
ihr das Haupt so wunderbar...»


Mit zittriger Stimme singt Rösli das populäre Volkslied, das Vico Torriani 1949 bei uns bekannt gemacht hat. Damals war sie gerade mal zarte 18 Jahre alt – und heute, 66 Jahre später, steht die 84-Jährige endlich dort, wo sie schon immer hinwollte, ins gleissende Scheinwerferlicht einer Theaterbühne.
Auch bei dieser letzten Zusatzvorstellung in einer Schweizer Kleinstadt bebt ihr schwacher Körper vor Nervosität und noch immer steht sie etwas steif auf den Brettern, die die Welt bedeuten; den starren Blick versunken leicht nach oben gerichtet. Spontaner Applaus nach dem letzten Ton wird ihr gewiss sein, auch wenn die brüchige Stimme manchmal etwas versagt – doch der Mann am Klavier singt mit und trägt mit sie seiner tiefen Stimme.

Das Schauspiel hat Rösli schon immer fasziniert. In jungen Jahren war sie deshalb auch Mitglied in einem Theaterverein. Aber auf die Bühne hat sie sich dann doch nicht zugetraut. So blieb sie die unscheinbare Souffleuse, im dunklen Flüsterkasten unterhalb der Rampe im Bühnenboden.
Dort hat sie auch ihren Hans kennengelernt. Von unten hat sie den kräftigen Schmied heimlich angehimmelt, als er in einem Schwank auf der Bühne stand. Ernst wurde es dann bei der nächsten Produktion, als Hans die Rolle des zweiten Souffleur übernahm. „Die Rolle seines Lebens“, wie er später gerne lachend bemerkte.

Hans ist inzwischen schon einige Jahre von der Lebensbühne abgetreten und Rösli noch einigermassen rüstig im Altersheim. Dort wurde sie dann auch angefragt, ob sie in einem Theaterstück mitspielen würde. In kleinen Szenen wolle man oft verdrängte Themen rund um den letzten Lebensabschnitt im Heim thematisieren. Man beabsichtige dabei, die vielfältigen Herausforderungen aller Beteiligten: der Bewohner, der Angehörigen, der Pflegenden und Betreuenden, aber auch der Allgemeinheit sichtbar zu machen. Themen wie Heimeintritt, Einsamkeit, Langeweile, Hilflosigkeit, Demenz, Krankheit aber auch Liebe im Alter sollen angesprochen werden und den Zuschauern Impulse und Denkanstösse vermittelt werden.

So etwa die lebhafte Bewohnerin, die jetzt plötzlich zur Untätigkeit verurteilt wird, obschon es ihr langweilig ist. Die Sichtweise ihres älteren Bruders, der schon immer alles verdrängt hat und sich keine Gedanken über einen Heimeintritt machen will. Die Verwandten, die nicht begreifen können, dass man rüstig und freiwillig in ein Heim geht, zu diesen Alten, die dementsprechend reden, riechen und sowieso nur immer ‚rumhocken‘. Oder die Konflikte der Familie, die das Grosi zwar bewundert, aber trotzdem eher unwillig, höchstens einmal im Monat besucht, damit man nicht schlecht von ihnen denkt – im Heim, beim Personal. Man führt auch vor, wie verletzend das Getuschel über die Mitbewohnerin sein kann, die sich schon bald wieder in einen neuen Bewohner verliebt, weil die Einsamkeit und die Liebe nicht vor einer Heimtüre Halt machen.

Dagegen die Nöte einer Pflegekraft, deren Bewohner die Hände beim Waschen im Intimbereich einfach nicht unter Kontrolle halten kann und ihr ständig ‚Schätzeli‘ sagt. Dazu die Sicht der Teamleitung, die trotzdem Pflichterfüllung und Professionalität von ihr fordert, um den Betrieb rentabel und aufrecht zu erhalten. Oder die Belastung der jungen Auszubildenden, die die vielen Todesfälle noch schlecht einordnen kann, sich aber wegen der Schweigepflicht mit ihren sich wundernden Freundinnen nicht richtig auszusprechen wagt. Aber auch die Heimleitung und die Gemeindebehörden kommen zu Wort, die durch stetig anwachsende Pflegekosten, zeitraubende Vorschriften und neue Pflegekonzepte in eine immer schwierigere Situation geraten

So haben alle Betroffenen ihre Auftritte in dem Stück, das die beteiligten Laienschauspieler in monatelangem Austausch und intensiven Gesprächen zusammen mit einem Regisseur entwickelt haben. Sie kennen sich in den verschiedenen Problematiken gut aus, weil sie alle in irgendeiner Weise davon betroffen sind, sei es bei der Arbeit, in einer Funktion oder in der eigenen Familie. Und doch, jeder spielt in den Mehrfachrollen nie sich selbst, jeder schlüpft allabendlich in die Befindlichkeiten von anderen, damit das Stück nie zu persönlich wird.

Ausser Rösli! Sie spielt nur sich selbst. Sie ist die Darstellerin ihres eigenen Lebens – denn Rösli’s „Figur“ wurde aus ihren persönlichen Lebensgeschichten zusammengestellt. So brauchte sie kaum Text auswendig zu lernen, denn sie darf einfach erzählen. Vom Geldmangel in ihrer Jugend das verhindert hat, dass sie ein Musikinstrument lernen konnte. Das ist zwar lange her, aber vergessen hat sie es trotzdem nie. Rösli erzählt bewegt und hat dabei die Freiheit, sich nicht wörtlich an einen Text halten zu müssen. Das macht die Einsätze der beiden Jungschauspieler nicht einfacher. Aber das bezaubernde Enkel-Pärchen auf der Bühne staunt auch noch bei der letzten Aufführung, man fragt sich, ob es wirklich jeden Abend bloss gespielt war.
Manchmal liesst Rösli auch Texte aus einem Tagebuch, das dem ihren durchaus entsprechen könnte. Gedanken über die Befindlichkeiten einer agilen Rentnerin, die frühzeitig den Schritt ins Heim gewagt hat, nachdem ihr Mann gestorben ist, weil ein Umzug sowieso von Nöten war. Die Sicht der Bewohnerin, die im Altersheim zur Untätigkeit verdammt ist und dabei ihren Mann und seine Zärtlichkeiten vermisst. Dass sie sich, wie im Stück, mit bald neunzig in einen Mitbewohner verliebt, das könnte schon noch sein, meint Rösli keck mit einem Augenzwinkern. Und wenn dann auch über sie getuschelt und getratscht würde, würde sie auch das in Kauf nehmen und einfach nicht hinhören.
Genau so wie heute, wenn im Heim von den neidischen Mitbewohnerinnen hinter vorgehaltener Hand boshaften Bemerkungen über sie fallen. Denn manche mögen ihr die Abwechslung im Heimalltag und den Erfolg auf der Bühne nicht gönnen, vergessen dabei aber, dass man dafür etwas mehr tun muss, als im Sofa auf den Tod zu warten.

Doch das alles kümmert Rösli wenig, sie geniesst die Auftritte im Scheinwerferlicht und alles, was damit verbunden ist. Sie hat die sich bietende Chance gepackt und sich einen lebenslangen Traum endlich erfüllt – zu einem Zeitpunkt, als sie ihn eigentlich bereits abgeschrieben hatte.


«Jahr um Jahr so schnell entfliehen, 
voller Leid und voller Glück.
  Doch ihr Herz ist jung geblieben, 
immer zart und lieb ihr Blick.»


Und wie bei jeder Aufführung gibt es am Schluss der zittrigen Silberfäden mächtigen Szenenapplaus für Rösli, auch an diesem Abend, ihrer letzten Vorstellung auf der Bühne.
Ab morgen wird ihr etwas fehlen!


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Silberfäden:
“Silver Threads Among the Gold” wurde vom damals berühmtesten Komponisten Amerikas [er schrieb mehr als 1.000 Songs], Hart Pease (HP) Danks, bereits 1872 geschrieben. Der Text basiert auf einem Gedicht von Eben Eugen Rexford, dem er 3 $ für die Rechte geboten haben soll. Das Lied verkaufte sich unmittelbar nach seiner Veröffentlichung bereits 300.000 mal alleine in Amerika und der weltweite Verkauf überstieg drei Millionen noch vor der Jahrhundertwende. 
Trotzdem verstarb HP Danks, nachdem er die Rechte später verkauft hatte, 1903, im Alter von 69 Jahren, völlig mittellos in einer Pension in Philadelphia. Seine letzten geschriebenen Worte sollen gelautet haben: «Es ist schwer, allein zu sterben»

Vico Torriani:
Der singende St. Moritzer Koch  Vico Torriani (1920-1988) hatte mit den Silberfäden 1949 in der Schweiz seinen ersten grossen Hit. Begleitet wurde er dabei von Cédric Dumont und dem Unterhaltungsorchester von Radio Beromünster. Ab 1951 wurde das Lied dann durch Vico Torrianis Auftritte und Fernseh-Shows im ganzen deutschsprachigen Raum bekannt.


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